https://www.faz.net/-gzg-8v3id

Darmstadt : Europas größtes Bürogebäude aus Lehm

  • -Aktualisiert am

Einschneidend: Ein Lehmbauer sägt Fassadenelemente auf der Alnatura-Baustelle in Darmstadt zurecht. Bild: Frank Röth

Der Bio-Händler Alnatura will mit seiner Zentrale ökologische Standards setzen. Deshalb greift er am neuen Standort in Darmstadt auf einen alten Baustoff zurück.

          Auf dem ehemaligen Kasernengelände der Kelley Barracks hat das Wort „Konversion“ eine vielfältige Bedeutung. Es umfasst auch die Umwandlung einer Wartungshalle für amerikanische Panzer in eine Produktionsanlage für ökologische Lehmwände. Die hier produzierten Elemente sind 60Zentimeter dick und wiegen je nach Länge zwischen 3,5 und 4,5Tonnen. Was man damit macht, lässt sich auf der Großbaustelle von Alnatura an der Eschollbrücker Straße in diesen Tagen besichtigen: Kräne heben dort die schweren Bauteile aus Naturmaterial hoch und plazieren sie nach und nach als Außenwand der neuen Unternehmenszentrale.

          Rainer Hein

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Darmstadt.

          Die Alnatura Produktions- und Handels GmbH ist seit ihrer Gründung durch Geschäftsführer Götz Rehn im Jahr 1989 kontinuierlich auf inzwischen 2800 Mitarbeiter gewachsen. Etwa 450 sind mit Verwaltungs- und Vertriebsaufgaben beschäftigt. Weil die bisherigen Büroflächen in Bickenbach und Alsbach nicht mehr ausreichten, hat sich das Unternehmen für Bio-Lebensmittel nach Alternativen umgesehen – und ist in Darmstadt fündig geworden.

          Stehen noch immer: alte Kasernen hinter Stacheldraht

          Auf dem rund 55000 Quadratmeter großen, früher von den amerikanischen Streitkräften genutzten Areal entsteht bis Frühjahr nächsten Jahres der „Alnatura Campus“ – ein Arbeitsort für rund 500 Mitarbeiter, aber auch ein „Erholungs-, Lern- und Begegnungsort“ für die Öffentlichkeit. Konkret heißt das: Außer dem neuen dreigeschossigen Bürogebäude wird es einen Waldorfkindergarten für bis zu 100Jungen und Mädchen geben, ein allgemein zugängliches vegetarisches Restaurant, das in den Bürokomplex integriert ist, und einen „Bioerlebnis-Park“ mit Dünen und Teichen, Pachtgärten, Sportflächen und einem Weingarten. Perspektivisch ist außerdem die Eröffnung eines weiteren Alnatura-Bio-Markts geplant.

          Wie setzt ein Unternehmen seine Leitgedanken „Handeln im Einklang mit Mensch und Natur“, „nachhaltige Produktion“ und „ökologische Qualität zu fairen Preisen“ beim Bau einer Firmenzentrale um? Es versucht die „beispielhafte Neuentwicklung einer Konversionsfläche“, wie der für Immobilien verantwortliche Mitarbeiter von Alnatura, Alexander Link, sagt. Das Ziel, höchsten ökologischen Standards zu genügen, habe schon bei der Auswahl der Grundstücks den Ausschlag geben: „Für den neuen Standort sprachen die Nähe zum bisherigen Unternehmenssitz, die naturnahe Lage und die gute Anbindung an öffentliche Verkehrsmittel.“

          Sollte der Alnatura-Standard Schule machen, werden die Kelley Barracks in einigen Jahren vermutlich nicht mehr wiederzuerkennen sein. Das nach dem amerikanischen Offizier Charles Kelley benannte Areal ist fast 50 Hektar groß, aber nur zur Hälfte bebaut. Noch heute stehen hier alte Kasernen hinter Stacheldraht, andere Gebäude wurde niedergelegt. Ein Schicksal, das später auch auf die ehemalige Panzer-Wartungshalle wartet. Im Moment mischt und presst darin aber noch Elmar Losch mit seinen Kollegen die Bestandteile für den besonderen Alnatura-Lehm zusammen. Der Österreicher ist Mitarbeiter der Firma „Lehm Ton Erde“ aus Vorarlberg, die auf den Baustoff spezialisiert ist, konkret auf Lehmstampfwände. In Österreich werden sie vielfältig eingesetzt, in Europa kennt Link bislang aber kein größeres Bürogebäude als die Alnatura-Zentrale, bei dem die Außenfassaden daraus besteht.

          Darmstadt kommen hohe Ansprüche durchaus gelegen

          Alnatura hat im vergangenen Jahr zum zweiten Mal den Deutschen Nachhaltigkeitspreis erhalten. Nachhaltig ist auch das, was „Wendelin“ in der Wartungshalle vermengt: Losch und seine Kollegen bringen Schotter, geschäumtes Altglas, Kies und Lehm zusammen in die Mischmaschine Wendelin, die den organischen Baustoff anschließend unter enormem Druck in Holzverschalungen presst. Der Ton macht dabei keineswegs den Hauptanteil aus, sondern jene Materialien, die wiederverwertet werden, wie etwa Aushub von Stuttgart 21 oder das Abbruchmaterial der Kelley Barracks. Die Lehmelemente sind durch den Glasschaum mit einer Art Dämmschicht versehen und außerdem von Heizspiralen durchzogen, damit sie als Wandheizung funktionieren. „Das“, sagt Link, „ist wirklich neuartig, das gibt es bis jetzt noch nicht.“

          Das Stuttgarter Architekturbüro haascookzemmrich Studio 2050 hat das 90 Meter lange und 40 Meter breite Bürogebäude durchgängig ökologisch konzipiert: Ein Erdkanal sorgt für vortemperierte Frischluft aus dem angrenzenden Wald, Strom wird mit einer großen Photovoltaikanlage auf dem Dach erzeugt, die Temperatur innerhalb des Gebäudes mittels einer Geothermie-Anlage und Wärmepumpe reguliert, ein asymmetrischer Dachfirst und Glasfassaden garantieren natürliches Tageslicht auf allen Ebenen. „Die intelligente Wahl der Baumaterialien und der behutsame Einsatz energieeffizienter Gebäudetechnik machen die Alnatura Arbeitswelt zu einem beispielhaften Bürogebäude“, versichert der Architekt Martin Haas vom beauftragten Büro.

          Der südhessische Bio-Händler hat vor einigen Jahren schon einmal ein architektonisches Ausrufezeichen gesetzt, als er in Lorsch ein Verteilzentrum als Hochregallager aus Holz errichten ließ – das weltweit größte Lager dieser Art. Der Stadt Darmstadt kommen solch hohe Ansprüche durchaus gelegen. „Für den weiteren Konversionsprozess und den gesamten Darmstädter Westen wird durch die Ansiedlung von Alnatura ein wichtiger Impuls für neue Wege in der ökologischen, sozialen und ökonomischen Stadtentwicklung gesetzt“, hatte Oberbürgermeister Jochen Partsch (Die Grünen) beim Startschuss für das Bauprojekt gesagt.

          Der Impuls gilt, nimmt man das benachbarte Nathan-Hale-Depot noch hinzu, für eine Konversionsfläche von 60,8Hektar, die in ein reines Gewerbegebiet umgewandelt werden soll. Für die Erschließung des Areals muss allerdings die Stadt selbst noch Standards setzen. Alnatura hofft jedenfalls, dass bis zur Eröffnung im nächsten Jahr die Zufahrtsstraßen ins neue Gewerbegebiet alle gebaut sind.

          Weitere Themen

          Darum kümmert sich ein Ortsvorsteher

          Umstrittene Wahl in Hessen : Darum kümmert sich ein Ortsvorsteher

          In den Kommunen gibt es Ehrenamtliche, die Bindeglied zwischen Bürger und Rathaus sein sollen. Die Arbeit dieser Ortsvorsteher schafft es selten ins Rampenlicht, was eine umstrittene Wahl im Wetteraukreis geändert hat. Doch wer sind diese Personen vor Ort?

          Topmeldungen

          Länger leben : Kerle, macht’s wie die Frauen

          Von der Gleichstellung der Geschlechter profitieren auch Männer – sie sind gesünder und leben länger. Die regionalen Unterschiede, die in einer Studie sichtbar werden, überraschen.

          Bundesliga im Liveticker : 1:2 – Sancho steht völlig frei

          Nachdem Witsel das erste Tor für Borussia Dortmund selbst erzielt hatte, bereitet er nun Sanchos Treffer hübsch vor. Silva hatte für die Eintracht ausgeglichen. Verfolgen Sie das Spiel im Liveticker.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.