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Darmstadt : Ende der Waschbeton-Kultur

  • -Aktualisiert am

Leere: Der Betonbrunnen auf dem Karolinenplatz in Darmstadt hat schon lange kein Wasser mehr gesehen. Bild: Rainer Wohlfahrt

In Darmstadt werden von März an zwei zentrale Plätze neugestaltet. Dafür werden Friedens- und Karolinenplatz zunächst einmal entrümpelt.

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          Wer sich die städtebauliche Dynamik in Darmstadt vor Augen führen möchte, dem bietet der Karolinenplatz mitten in der Stadt reichlich Anschauungsmaterial. Ihn prägt der klassizistische Mollerbau, Darmstadts früheres Hoftheater. Gegenüber steht das Stadtschloss, das die Technische Universität als Hausherr gerade für mehr als 40 Millionen Euro generalsanieren lässt. Rechter Hand des Mollerbaus befindet sich das Hessische Landesmuseum, dessen Modernisierung vor zwei Jahren abgeschlossen wurde. Auf der linken Seite ragt das neugebaute „Welcome Hotel“ in die Höhe, an das sich „Karo 5“ anschließt, das 2009 eröffnete Eingangsfoyer der TU. Dessen Nachbar wiederum ist das zehn Jahre alte Wissenschafts- und Kongresszentrum in futuristischer Raumschiff-Architektur.

          Rainer Hein

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Darmstadt.

          Abgesehen von der Schlosssanierung und der in diesem Frühjahr beginnenden Umgestaltung des westlichen Schlossgrabens zu einem öffentlichen Park ist der Wandel des heterogenen „Kulturdreiecks“ mit seinen deutlich ablesbaren historischen Zeitschichten weitgehend abgeschlossen. Was für die Stadt Anlass ist, nun im öffentlichen Raum mit einer „Stadtreparatur“ zu beginnen. Oberbürgermeister Jochen Partsch (Die Grünen) hat es sich nicht nehmen lassen, den Starttermin diese Woche persönlich zu verkünden. Auf dem Friedensplatz soll es im März losgehen und mehr oder weniger gleichzeitig auch auf dem benachbarten Karolinenplatz. Es gelte, die Innenstadt an diesen sensiblen Stellen weiter aufzuwerten, sagte Partsch.

          Gesamtkosten von fast vier Millionen Euro

          Die beiden Plätze werden vor allem entrümpelt. So wird auf dem Karolinenplatz ein rechteckiges Brunnenbecken aus Waschbeton, das die vergangenen 15 Jahre kein Wasser mehr gesehen hat, ebenso entsorgt wie die verschiedenen Betonaufbauten mit Straßenbegleitgrün am Zugang zum Herrngarten. Auch die tückische Stufe zwischen Mollerbau und Landesmuseum, die für manche Radfahrer schon zur Falle geworden ist, wird zurückgebaut und die Theaterwiese zwischen Mollerbau und Welcome Hotel dem „Raumgefüge angepasst“. Der so freigeräumte Karolinenplatz soll anschließend dezent gestalterisch aufgewertet werden mit einigen Pollern, Sitzbänken, Leuchten und einem Lichtband, das Richtung Herrngarten weist. Da sich nicht nur unter dem Friedensplatz, sondern auch unter dem Karolinenplatz Tiefgaragen befinden, zählt zur Aufwertung außerdem der Versuch, die Garageneingänge und Lüftungsbauwerke so weit wie möglich zu kaschieren.

          „Weniger ist mehr“ ist gleichfalls Gestaltungsgrundsatz für den benachbarten Friedensplatz, über dessen Zukunft seit gut fünf Jahren diskutiert wird. Den ehemaligen Exerzierplatz ziert nicht nur das 1898 errichtete Reiterstandbild von Ludwig IV., der hoch zu Ross den Weißen Turm grüßt. Direkt hinter dem Denkmal ragen Waschbetonelemente aus den siebziger Jahren in die Höhe, die als Pflanzkübel und Begrenzungen für eine Sandkiste dienen. Außerdem steht am Rand des Platzes gegenüber dem Landesmuseum das ehemalige Schlosscafé, das schon als Möbelhaus und Diskothek diente.

          Die Pläne für den Friedensplatz sehen eine großzügige Aufenthaltszone mit möglichst wenig „Stadtmöbeln“ vor. Das bedeutet, sämtliche Waschbetonteile werden entfernt, Entlüftungsvorrichtungen für die Tiefgarage verlegt und der Bodenbelag erneuert. Ludwig IV. bleibt aber stehen, ebenfalls das Café, das bei den Darmstädtern „Das Waben“ heißt als Reminiszenz an den Namen eines früheren Restaurants. Wie Partsch erläuterte, soll ins Waben das Institut für Neue Technische Form (Intef) einziehen. Das hat derzeit seinen Sitz auf der gegenüberliegenden Platzseite im „Lange Bäuchen“, einem kleinen Barockbau, der sich im Eigentum des Hauses Hessen befindet. Wie Partsch sagte, wurde mit der Hessischen Landesregierung wie mit dem Hause Hessen vereinbart, im Bäuchen eine Dauerausstellung zur Geschichte der Sinti und Roma einzurichten, über die die Stadt mit dem Landesverband der Sinti und Roma schon länger verhandelt. Der Landesverband soll dort außerdem seine Geschäftsstelle einrichten können.

          Der Friedensplatz wird also in diesem Jahr nicht nur umgestaltet, er wird auch kulturell aufgewertet. Gleichzeitig endet der seit Monaten existierende Leerstand im Waben. Die Kosten der Stadtreparatur liegen für den Karolinenplatz bei etwa 850 000 Euro, für den Friedensplatz bei rund drei Millionen Euro.

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