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Darmstadt : Klagen über Diebstahl und mutwillige Zerstörungen

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Nicht sicher: Das Fahrradparkhaus am Darmstädter Hauptbahnhof. Bild: Cornelia Sick

Das Fahrradparkhaus am Darmstädter Hauptbahnhof dient seit Monaten auch als Durchgang für jedermann. Das sorgt für Unmut bei Stadt und Velofreunden.

          Die Schranken sind oben. Schon seit Monaten. Rot gestrichene Böden mit weißen Richtungspfeilen führen direkt zu den Gleisen. Fahrräder stehen aneinandergereiht auf den langen Gängen des videoüberwachten Fahrradparkhauses im Darmstädter Hauptbahnhof. Abgeschlossen und im Trockenen. Für jeden zugänglich. Doch das ist das Problem. Beim Allgemeinen Deutschen Fahrrad Club Darmstadt-Dieburg (ADFC) häufen sich die Beschwerden über Diebstahl und Vandalismus, seit die Deutsche Bahn das Fahrradparkhaus als Durchgang für Reisende zugelassen hat – zuvor konnten die Türen an den Gleisen nur mit einer Chipkarte von Nutzern des Fahrradparkhauses geöffnet werden. „Es gibt eindeutig mehr Diebstähle“, sagt auch Martin Rau, Betreiber des Fahrradparkhauses und des angegliederten Fahrradverleihs. „Jederzeit kann jeder hinein.“

          Seit der Öffnung im März sind mindestens drei Räder, Satteltaschen und Lichter gestohlen worden. „Das hatten wir früher nie.“ In den zwölf Jahren, die Rau gemeinsam mit seinem Kollegen Stefan Bader das Fahrradparkhaus betreibt, sei nur ein Rad entwendet worden, das jedoch kurz darauf wiedergefunden worden sei. Die Sicherheit für die abgestellten Räder sieht auch die Stadt Darmstadt, Pächter der Räumlichkeiten, nicht mehr gewährleistet. Anders die Bahn als Eigentümer. Für sie ist der Darmstädter Hauptbahnhof „nicht gerade ein ,Hotspot‘ für Vandalismus und Diebstahl.“ „Bundespolizei und DB-Sicherheit gehen regelmäßig durch das Gebäude“, heißt es. Doch was hat die Bahn überhaupt dazu bewogen, Türen und Schranken zu öffnen? Der Bahnhof ist ein „Reiterbahnhof“. Eine Brücke führt über die Gleise, von der Treppen und Aufzüge nach unten abgehen. Als die Aufzüge erneuert wurden, fehlten sie als Entlastung, auch sei die Zahl der Reisenden gestiegen und der „Rückstau auf den Treppen immer länger“ geworden, teilt die Bahn mit.

          Auch die Stadt sieht die Öffnung kritisch

          Bis zu 40.000 Reisende seien es täglich, und: „Darmstadt wächst, auch die Zahl der Pendler.“ Was kurzfristig als zweiter Ausgang und für den schnellen Umstieg gedacht war, ist noch immer offen und wird auch „weiterhin für alle Reisenden als zweiter Ausgang nutzbar bleiben“, sagt der Bahnsprecher. Für den ADFC ist die Öffnung nicht nachvollziehbar. „Warum das erste Fahrradparkhaus Hessens und europaweit wahrscheinlich das einzige mit eigenem direkten Zugang zu den Bahnsteigen derart demontiert wird, ist uns schleierhaft“, schimpft Thomas Grän vom ADFC Darmstadt-Dieburg. Der Mieter des Fahrradparkhauses erwarte, dass er ein Rad in einem überdachten, überwachten und zugangskontrollierten Raum abstellen könne. Die Öffnung des Parkhauses für jedermann stehe den Interessen der bahnfahrenden Fahrradpendler massiv entgegen. „Indem man das Rad buchstäblich zurückdreht, werden weder Stadt noch Bahn ihre selbstgesteckten Ziele für eine stadtverträgliche Mobilität beziehungsweise zufriedene Kunden erreichen“, sagt Grän.

          Auch die Stadt habe von Beginn an der Öffnung kritisch gegenübergestanden, wird im Rathaus versichert. Gespräche mit der Bahn seien „nicht zufriedenstellend“ verlaufen, dennoch suche die Stadt weiterhin den Dialog. Die jährlichen Kosten für das Fahrradparkhaus belaufen sich auf knapp 52.000 Euro; zurzeit werden monatlich 400 Euro weniger eingenommen. Es gibt Monats- und Jahreskarten, die 340 Stellplätze sind belegt, durch Pendler oft sogar doppelt. Weggefallen sind Tageskarten, da Tickets nicht mehr gezogen werden können. Derzeit werde geprüft, den Fußgängerverkehr durch Umbauten vom Radverkehr zu trennen. „Soweit baulich möglich, wird daneben auch die Unterbringung von Fahrrädern in abschließbaren Räumen überprüft“, sagt ein Sprecher der Stadt. Gegebenenfalls sei dies in den Räumen der bisherigen Fahrradwerkstatt möglich.

          Zahl der Fahrradparkplätze soll konstant bleiben

          Dies käme auch Bader und Rau entgegen. „Die zwei von der Fahrradstation“, wie sie sich nennen, könnten sich abschließbare Räume im Fahrradparkhaus gut vorstellen. 1991 hatte die Bahn den Vorschlag gemacht, ein solches „Parkhaus“ zu errichten. Acht Jahre später wurde es in Betrieb genommen. Als Rau und Bader das Fahrradparkhaus 2005 übernahmen, war die Belegung minimal. Es hätte sogar geschlossen werden sollen, sagt Rau. Ihr Ziel: Nach einem halben Jahr sollte das Fahrradparkhaus zur Hälfte, nach einem Jahr voll belegt sein. Um Kunden zu gewinnen, kamen Gummibärchen-Tüten mitsamt Adresse und Telefonnummer an parkende Räder. „Es war nach einem halben Jahr voll“, sagt Rau. Auch die Bahn hat Pläne. In Zukunft soll das Fahrradparkhaus mit breiteren Treppen zu erschließen und die Wegführung einfacher sein; „mindestens konstant“ soll die Zahl der Fahrradparkplätze bleiben.

          Die Pläne sollen 2020 verwirklicht werden. Die Bahn befürwortet es auch, die Räume der ehemaligen Werkstatt „in Bezug auf das Thema Fahrrad“ zu nutzen, wie sie mitteilt. Ebenfalls ein Zukunftsprojekt sind die Überlegungen der Stadt, als Ergänzung zu den Stellplätzen auf der West- und Ostseite Fahrradboxen zu errichten. Detailplanungen gibt es allerdings noch nicht. Als der Bahnhof mit Jugendstilelementen nach den Plänen des Architekten Friedrich Pützer 1912 eröffnet wurde, waren Überlegungen zu einem Fahrradparkhaus in weiter Ferne. Damals gingen der Fürst und seine Gäste durch die Gänge, auf denen heute Räder parken. Knapp 100 Jahre später wurde der Darmstädter Hauptbahnhof vom Verband Allianz pro Schiene zum Bahnhof des Jahres gewählt – unter anderem wegen der Möglichkeiten, die Fahrradfahrern dort geboten werden.

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