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Film- und Kochkunst in einem : Lammkeule zu „Casablanca“

Daniel Brettschneider steckt nur zu gerne Menschen aus dem gesamten Rhein-Main-Gebiet mit seiner Liebe zu großen Filmen und gutem Essen an. Bild: Helmut Fricke

Daniel Brettschneider verführt das Publikum mit „Kino Kulinarisch“ – jetzt ruht die Reihe. Aber Filme und Speisen lassen sich zur Not auch wunderbar kombinieren.

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          Weil er endlich einige Kurzgeschichten aufschreiben wollte, die ihm schon lange im Kopf umhergingen, hatte sich Daniel Brettschneider im Januar ein wenig in die Eremitage zurückgezogen. Doch dann folgte auf die selbstbestimmte Teilzeitquarantäne die vom Coronavirus erzwungene, sehr viel weiter gehende Isolation. Das wird dem Mann, der Menschen aus dem gesamten Rhein-Main-Gebiet mit seiner Liebe zu großen Filmen auf großen Leinwänden und gutem Essen nur zu gerne ansteckt, langsam dann doch zu viel.

          Jochen Remmert

          Flughafenredakteur und Korrespondent Rhein-Main-Süd.

          Denn gerade die Veranstaltungen, mit denen er das Publikum zu Film- und Kochkunst seit Jahren erfolgreich verführt, fallen unter das Verbot, das die Ausbreitung der Pandemie zumindest verlangsamen soll. Seit Februar geht nichts mehr mit den monatlichen, von rund 400 Enthusiasten besuchten Kino-Kulinarisch-Veranstaltungen, die 2012 begonnen und inzwischen in der Alten Schlosserei in Kooperation mit der Energie-Versorgung Offenbach einen festen Ort gefunden haben. Und es gibt auch keine der Openair-Film-Veranstaltungen, die er in Frankfurt seit Jahren erfolgreich organisiert. Immerhin ist Brettschneider gerade für sein Buch zur Reihe „Kino Kulinarisch – Filme nach meinem Geschmack“ mit dem Gourmand World Cookbook Award ausgezeichnet worden, der seit 1995 weltweit für Koch- und Getränkebücher vergeben wird.

          Sicher eine Freude, aber die Vereinzelung lastet dennoch schwer auf ihm, denn das Virus hat dem studierten Pädagogen auch den direkten Kontakt zu Schülern und Lehrern vorerst genommen: Normalerweise ist er 3,5 Stunden am Tag als Schulpädagoge in Offenbach tätig, bevor er sich den Rest des Tages der Organisation von Kino-Abenden und dem Kochen widmet. Wenigstens die Arbeit mit Schülern rückt nach den jüngsten Beschlüssen der Politik wieder schrittweise näher.

          Brettschneider weiß dabei nur zu gut, dass er als Teilzeitpädagoge im Vergleich zu vielen Kulturschaffenden, die nur von Veranstaltungen leben, finanziell einigermaßen abgesichert ist. Mit Kultur schmücken wollten sich alle, doch wenn es ans Geld gehe, höre die Begeisterung schnell auf, sagt Brettschneider.

          Die erzwungene Abgeschiedenheit wird also noch erhalten bleiben. Doch was macht jemand, der dem Kinofilm so verfallen ist wie Brettschneider, wenn er gezwungen ist, einen Großteil des Tages allein in der eigenen, wenn auch lichtdurchfluteten und mit Dachterrasse ausgestatteten Wohnung in Offenbach zu bleiben? Er schaut sich Filme an. Zwar nicht auf einer der großen Leinwände, die aus seiner Sicht für den vollen Genuss unbedingt nötig sind, aber immerhin ungestört.

          Tägliche Filmempfehlung via Facebook

          Wer Brettschneider erlebt, der merkt aber schnell, dass für ihn zum vollendeten Genuss eines großen Kinofilms anschließend auch der Austausch über den Film gehört – freilich bei einem auf den Film abgestimmten Essen, wie man seinem Buch „Kino Kulinarisch“ entnehmen kann. Das mit dem Essen funktioniert online trotz aller digitalen Fortschritte nicht, das mit dem Austausch schon. Und so empfiehlt Brettschneider auf seiner Facebook-Seite derzeit täglich Filme, die ihm der aktuellen Lage angemessen erscheinen. Und weil das für viele Menschen womöglich bedeutet, dass sie Nähe, Intimität und Berührung besonders vermissen, hat er dieser Tage drei Filme ans Herz gelegt, in denen Filmpaare diese Leidenschaft zwischen zwei Menschen auf die Leinwand bringen, wie man es nur selten zu sehen bekomme.

          In seinem Buch „Kino Kulinarisch“ erklärt Brettschneider, wie man sein Essen und seine Filmauswahl aufeinander abstimmen kann.
          In seinem Buch „Kino Kulinarisch“ erklärt Brettschneider, wie man sein Essen und seine Filmauswahl aufeinander abstimmen kann. : Bild: Helmut Fricke

          Da ist „To Have and Have Not“ mit Humphrey Bogart und Lauren Bacall nach dem gleichnamigen Roman von Ernest Hemingway. Bei den Dreharbeiten haben sich Bogart und Bacall tatsächlich ineinander verliebt. Die zweite Empfehlung für Corona-Separierte ist das Original von „Thomas Crown ist nicht zu fassen“ aus dem Jahr 1968 mit Steve McQueen und Faye Dunaway. „Unglaublich gut spielen die beiden da miteinander“, sagt der Cineast, mehr verrät er nicht. Aus neuer Produktion schließlich empfiehlt er „Porträt einer jungen Frau in Flammen“. Der Film erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die im ausgehenden 18. Jahrhundert gegen ihren Willen verheiratet werden soll, und einer Malerin, die beauftragt wird, die junge Frau für den Aspiranten zu porträtieren, obwohl diese das strikt ablehnt. „Die Blicke der beiden sprechen für sich“, sagt Brettschneider über den Film mit Noémie Merlant und Adèle Haenel in den Hauptrollen.

          Vor August sieht er keine Chancen für Veranstaltungen

          Also etwas Austausch über große Filme bekommt der Offenbacher auch in Zeiten der Corona-Krise hin. Für die großen und oft lange vorher ausverkauften Veranstaltungen mit einem Kinofilm auf Großleinwand und passendem Essen sieht Brettschneider vor August keine guten Chancen. Wie für alle anderen Großveranstaltungen auch.

          Bei Kino Kulinarisch kocht er zwar nicht zum Film, für Gäste daheim dagegen gern und häufig. Für sich allein zu kochen nervt ihn inzwischen ziemlich, wie er sagt. So sei ihm dieser Tage die Soße zur Lammkeule nicht so gelungen, wie er sie für Gäste hinbekommen hätte. „Da fehlt dann etwas die letzte Motivation oder so.“ Wie immer auch die Soße geschmeckt haben mag, zur Keule muss er „Casablanca“ mit Humphrey Bogart und Ingrid Bergman gesehen haben. Denn so lautet seine Empfehlung im Buch zu Kino Kulinarisch.

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