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Cranach-Ausstellung : Kunst, Kardinäle und Kirchengeschichte

Lucas Cranach, „Mondsichelmadonna”, 1520 Bild: ddp

Unter dem Motto „Cranach im Exil“ werden in Aschaffenburg bis Anfang Juni 150 Exponate, darunter 70 Tafelgemälde gezeigt. Sie sollen ein lebendiges Bild vom Zeitalter der Reformation vermitteln.

          2 Min.

          Die 500 geladenen Ehrengäste, die sich in der hochgelegenen Aschaffenburger Stiftsbasilika eingefunden hatten, um zur Eröffnung der Cranach-Ausstellung an einem Pontifikalamt mit Karl Kardinal Lehmann teilzunehmen, mussten eine knappe Viertelstunde warten. Denn der hohe Würdenträger hatte sich zunächst zum einfachen Kirchenvolk begeben.

          Ewald Hetrodt

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Wiesbaden.

          In der Muttergottes-Pfarrkirche jenseits des Theaterplatzes wollten mehrere hundert Aschaffenburger Gläubige den festlichen Gottesdienst auf einer Videoleinwand mitverfolgen. Doch nun stand der Kardinal plötzlich vor ihnen, und sie erlebten eine heimliche Sternstunde der Kirchengeschichte mit: Nicht nur, dass Lehmann als Bischof von Mainz früheres Territorium besuchte. Als höchster Repräsentant des deutschen Katholizismus sprach er über den mächtigsten Kirchenfürsten des damaligen Reiches, Kardinal Albrecht von Brandenburg.

          „Cranach im Exil. Aschaffenburg um 1540“

          Dieser war 1541 vor der Reformation in Halle nach Aschaffenburg geflohen und hatte die meisten seiner von Lucas Cranach dem Älteren geschaffenen Kunstschätze mitgebracht. Diese wiederum stehen im Mittelpunkt der nun eröffneten Ausstellung „Cranach im Exil. Aschaffenburg um 1540“. Sie dauert bis zum 3. Juni. Schirmherren sind Lehmann und der bayerische Staatsminister für Wissenschaft, Forschung und Kunst, Thomas Goppel (CSU).

          „Herkules und Omphale”, um 1545
          „Herkules und Omphale”, um 1545 : Bild: ddp

          Mit Albrecht von Brandenburg hatte Lehmann sich schon im vergangenen Herbst bei der Eröffnung einer Ausstellung in Halle eingehend auseinandergesetzt. Was dort eher professoral geklungen hatte, wirkte in der Muttergottes-Pfarrkirche überaus einfühlsam. Lehmann würdigte die engen Verbindungen zwischen Albrecht und seiner Aschaffenburger Residenz, vergaß aber nicht, den Ablasshandel zu erwähnen, der viel dazu beigetragen habe, dass der Kardinal von Brandenburg eine „tragische Gestalt“ geworden sei. Dennoch werde sein Wirken als Kurfürst und Kunstmäzen heute in einem milderen Licht betrachtet als in der Vergangenheit, sagte Lehmann, „ohne zu entschuldigen, was nicht in Ordnung war“. Bei einer Pressekonferenz hatte er sich zuvor zu dem in der Ausstellung zu sehenden legendären Margarethenschrein geäußert.

          Darin sollen sich die Gebeine der Lieblingsheiligen des Albrecht von Brandenburg befinden. Die Verehrung von Reliquien habe im katholischen Glauben bis heute einen „zeichenhaften Sinn“, erläuterte der Professor der Theologie. Die sterblichen Überreste machten deutlich, dass es Menschen aus Fleisch und Blut gewesen seien, die das Evangelium vorbildlich gelebt hätten. Auf die Frage nach dem legendären Ausstellungsstück in der Kunsthalle Jesuitenkirche antwortete der Kardinal: „Was in dem Schrein drin ist, kann ich Ihnen nicht sagen.“

          Historische Nachhutgefechte

          In seiner Einführung zum Pontifikalamt erinnerte der Stiftspfarrer, Dechant Jürgen Vorndran, daran, dass am Aschermittwoch für die Katholiken die Fastenzeit begonnen habe. Es komme darauf an, zu verzichten, damit etwas Neues gelinge. In diesem Sinne sei auch die gelungene Zusammenfügung des in der Cranach-Ausstellung präsentierten Magdalenenaltars aus verstreuten Einzelteilen nur möglich gewesen, weil Staat und Kirche bereit gewesen seien, etwas von dem eigenen Kunstbesitz herzugeben.

          Der Stiftspfarrer begrüßte neben dem hohen Gast aus Mainz und seinem evangelischen Amtskollegen Volkmar Gregori auch den Weihbischof Helmut Müller. Dieser vertrat das Bistum Würzburg, dem Aschaffenburg seit 1821 angehört. Als Vorndran, höflich an Lehmann gewandt, festhielt, dass die Aschaffenburger sich „dem Heiligen Stuhl von Mainz nach wie vor sehr verbunden“ fühlten, war im Rücken des bayerischen Staatsministers Goppel spontaner, aber doch eher schwacher Applaus zu vernehmen.

          Lehmann registrierte diese historischen Nachhutgefechte mit einem Lächeln. Er konnte schon deshalb gelassen sein, weil er nicht nur der Bischof von Mainz, sondern auch der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz ist. So lobte er die Stiftsbasilika als „Bollwerk des katholischen Glaubens“ und schrieb den Aschaffenburgern die dazu passenden Worte in ihr Goldenes Buch: „Stehet fest im Glauben.“

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