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Gastronomie in der Krise : „Offenen Auges auf den Abgrund zu“

Plätze an der Sonne: in der neuen Altstadt in Frankfurt Bild: Wonge Bergmann

Hessens Gastronomen ziehen nach den ersten Tagen des Neustarts Bilanz. Die Bedingungen sind schwer. Besonders die Fünf-Quadratmeter-Regel wird als unverhältnismäßig empfunden.

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          Als hätte er vor zehn Tagen schon einen Blick auf den Samstag gestern werfen können: Regen, sagte kurz vor der erlaubten Wiedereröffnung der Restaurants in Hessen der Frankfurter Gastronom Thomas Klüber, werde ein Problem werden. Es schien dann am Wochenende, an dem die Wirte wieder Gäste empfangen durften, aber die Sonne. Auch Christi Himmelfahrt und der Freitag danach waren warm und heiter, und wo Restaurants Terrassen haben, waren die mitunter bis auf den letzten verfügbaren Platz besetzt. Welches vorläufige Fazit des Neustarts ziehen die Wirte also?

          Jacqueline Vogt

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung, verantwortlich für den Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          „Das Gastgewerbe in Hessen atmet durchaus auf“, sagt Julius Wagner, Geschäftsführer des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands in Hessen. „Die Branche ist insgesamt erleichtert, dass sie wieder arbeiten kann, auch wenn die Bedingungen erschwert sind.“ Insgesamt seien Lokale mit Außengastronomie im Vorteil gewesen, „die Leute gehen eher ungern rein“.

          Das bedeuten die Auflagen in der Praxis

          „Maximal 20 Prozent des normalen Umsatzes.“ So bilanzierte nach den ersten Tagen des Neustarts Thomas Klüber die Geschäfte seiner Betriebe. Er führt das „Oosten“ am Mainufer im Frankfurter Ostend und in der Innenstadt das „Walden“ und das Café „Utopia“ in den Goethehöfen. Klüber ist ein kunstsinniger Typ, am Eingang des „Utopia“ steht eine hohe Leuchtschrift, „The Future was better in the Present“, was sich auch so lesen lässt, dass wir uns gestern das Morgen kaum so vorstellen konnten, wie es heute ist, was wiederum bestimmt nicht nur für professionelle Gastgeber gilt.

          Dass er sich eine Vorstellung von den Problemen der Gastronomie machen wolle, sagte am Wochenanfang der Frankfurter Oberbürgermeister Peter Feldmann. Mit einer Referentin, die mitschrieb, was sie hörte, besuchte er zuerst die „Lohrbergschänke“, dann das „Walden“, ließ sich zeigen, was die Corona-Auflagen bedeuten, weniger Sitzplätze vor allem. Tags darauf eine Erklärung des SPD-Politikers: Er spreche sich dafür aus, die Regelung, die Gastronomen in Hessen auferlegt, je fünf Quadratmeter Gastraumfläche nur eine Person zu bewirten, auszusetzen. „Ich sehe die große Not der Gastronomen und fordere das Land auf, diese Regel kurzfristig zu überarbeiten“, sagte Feldmann am Dienstag.

          Schon vor dem Neustart hatten viele Restaurantbetreiber beklagt, dass Hessen als einziges Bundesland diese Vorschrift formuliert. Etliche Wirte, die ihre Betriebe noch nicht wieder geöffnet haben, begründen diese Entscheidung mit der Fünf-Quadratmeter-Regel: Diese schränke kleine Lokale unverhältnismäßig ein und mache ein profitables Arbeiten schwer, wenn nicht unmöglich. Andere begründen, dass sie ihr Lokale geschlossen lassen, auch mit den anderen Voraussetzungen für die Wiederaufnahme des Betriebs, mit Desinfektions- und Maskenzwang, mit dem Verbot von Dekoration. „Unter diesen Umständen können wir unserer Philosophie nicht nachkommen, dem Gast einen Wohlfühlcharakter zu übermitteln“, schreiben die Betreiber der Frankfurter „Speisekammer“ auf ihrer Internetseite.

          Welle von Pleiten

          Mehrere hunderttausend Euro an Kurzarbeitergeld habe er in den zurückliegenden Wochen vorgestreckt, rechnet Klüber vor, schon das sei nicht ohne weiteres zu leisten. Auf 250 Quadratmeter Fläche dürfe er wegen der Fünf-Quadratmeter-Regelung derzeit höchstens 50 Personen zur selben Zeit bewirten, was zusätzlich ja nicht bedeute, dass diese Plätze durchgängig besetzt seien. Viele freuten sich zwar, wieder ausgehen zu können, es seien auch viele guter Stimmung und durchaus konsumbereit. Von einer Rückkehr zur Normalität aber könne längst nicht gesprochen werden, sagt der Gastronom. „Wenn es weiter so ruhig bleibt, können wir ab September eigentlich zumachen.“

          Dass Hessen eine Welle von Pleiten noch in diesem Jahr bevorsteht, befürchtet auch der Gaststättenverband. Geschäftsführer Wagner weist auf 186 .000 Beschäftigte in gut 18. 000 gastronomischen Betrieben hin. Der Ruf nach einem Rettungsfonds wird dringender“, sagt er. „Offenen Auges gehen wir auf den Abgrund zu“, sagt Thomas Klüber. Für eine staatliche Unterstützung der Branche, der oft vorgeworfen wird, dass ihr nicht wenige unseriöse Unternehmen angehörten, schlägt er vor, das Geschäftsjahr 2019 als Grundlage zu nehmen und jedem Betrieb 20 Prozent der gezahlten Umsatzsteuer als Rettungsgeld zu erstatten. „Das hat den Effekt, dass die schwarzen Schafe ausgefiltert werden.“

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