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Leiter der Impfkampagne : Manager der Ungewissheit

Der Herr der Impfungen: „Das größte Lob ist, wenn es läuft“, sagt Tobias Bräunlein. Bild: Felix Schmitt

Brand- und Katastrophenschutz sind normalerweise sein Metier. Jetzt koordiniert er die Impfkampagne in Hessen. Würden Sie mit Tobias Bräunlein tauschen wollen?

          5 Min.

          Tobias Bräunlein hat einen Job, den halb Hessen glaubt besser zu können als er: Der Leiter der Abteilung Brand- und Katastrophenschutz im Hessischen Innenministerium hat die Impfkoordination des Landes aufgebaut. Wann immer es beim Impfen stockt, stoppt oder schneller gehen könnte – die Beschwerden von Politikern und Bürgern landen am Ende einer langen Kette auf Bräunleins Schreibtisch. Briefe von erleichterten Menschen, die geimpft sind und dankbar für die problemlose Abwicklung, erreichen ihn auch. Aber Danke schreibt sich offenbar schwerer als eine Beschwerde. Für den 54 Jahre alten Verwaltungsfachmann kein Thema: „Das größte Lob ist, wenn es läuft.“

          Monika Ganster
          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Anfang November 2020 ging die Task Force aus dem Krisenstab der Landesregierung hervor, dessen Geschäftsführer Bräunlein ebenfalls ist. Anfangs waren es 50, heute sind es rund 120 Personen, die mal mehr, mal weniger eingebunden werden. Experten aus der Logistik und der Rechtsabteilung, aus dem medizinischen Bereich und der Öffentlichkeitsarbeit, um nur einige zu nennen. Als mit BioNTech Ende Dezember 2020 der erste Impfstoff gegen das Coronavirus endlich zugelassen wurde, war klar, dass nun mit der Anmeldung zum Impftermin und der Verteilung der begehrten Spritzen wieder neue Mitarbeiter ins Boot geholt werden mussten. „So eine Lage ist wie eine Krake, die mit ihren Armen immer mehr an sich zieht“, beschreibt es Bräunlein mit einer ausladenden Geste.

          Große Lagen sind ihm vertraut: 2015, als binnen kürzester Zeit Zehntausende Flüchtlinge nach Hessen kamen, war der erfahrene Krisenmanager ebenfalls gefragt. Wie man Strukturen aufbaut, die Rahmenbedingungen definiert und dann den ganzen Apparat nicht nur in Gang bringt, sondern auch am Laufen hält, all das habe viel mit Katastrophenschutz zu tun, erläutert Bräunlein. Schnelle Kommunikation ist dabei entscheidend, täglich wird per Skype konferiert. Der Jurist und Verwaltungswissenschaftler weiß nur zu gut, dass die Routine des Ministeriums eher längere Vorbereitungsphasen und mehrere Abstimmungsrunden bevorzugt, doch all das kann sich die Task Force zeitlich nicht leisten, weil sich die Aufgaben ständig ändern. Behördenkritiker würden über so viel agiles Projektmanagement staunen, Bräunlein nennt es „Ungewissheitsmanagement“.

          Er erfährt als erstes, wie viel Impfstoff der Bund liefern kann

          Anfangs ging es um die Einrichtung von 28 Impfzentren, die Logistik, Tiefkühllager für die empfindlichen Impfstoffe bereitzustellen und den Transport zu sichern, die Beschaffung von Materialien für die Impfzentren und die Organisation von Impfterminen. Der Chef der Task Force erfährt zuerst, wie viel Impfstoff der Bund liefern kann. Zurzeit gebe es eine Zusage von durchschnittlich 180.000 Dosen je Woche für die Impfzentren, immer wieder schwankt die Zahl leicht. Die Standorte planen aufgrund der aktuellen Zusagen mit ihrem Personal, wie viele Termine sie anbieten können, und nach der entsprechenden Rückmeldung an die Task Force vergibt das Land über die Anmeldeplattform entsprechend viele Termine. „Wir leben immer von dem, was wir vom Bund an Informationen bekommen.“

          Zwei Drittel des Impfstoffs stammen von BioNTech, die Lieferungen kommen verlässlich, das gibt Sicherheit und Stabilität. Im Juli rechnet die Task Force noch mal mit einer Steigerung der begehrten Tiefkühlware. Bräunlein muss das große Ganze im Blick haben und dennoch Verständnis für individuelle Nöte aufbringen. So habe sich jüngst ein Mann bitterlich über die mangelnde Flexibilität der Verwaltung beschwert, weil er und seine Partnerin nicht untereinander den ihnen jeweils zugewiesenen Impfstoff (BioNTech gegen AstraZeneca) tauschen konnten. Was für die Betroffenen wie ein Kinderspiel aussah, weil sie ja niemandem etwas wegnehmen würden, und der Impfstoff ihnen ja rechtmäßig zustand, stellte das Räderwerk der Impfzentren vor ein unlösbares Dilemma, denn Mann und Frau waren in unterschiedlichen Impfzentren angemeldet, berichtet Bräunlein: „Wir bemühen uns, den Bürgern entgegenzukommen, aber manchmal muss man auch sagen: Tut uns leid, das geht nicht.“

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