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Reaktion auf die Corona-Krise : Rheingau macht die Schotten dicht

Kein Durchkommen mehr: Mit Sperrungen will die Stadt Eltville die Besucherströme unterbinden. Bild: Marcus Kaufhold

Ausflügler und Besucher sind ab dem Wochenende im Rheingau unerwünscht. In der Weinregion werden viele Parkplätze, Uferpfade, Radwege und Straßen geschlossen.

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          Wer das Wochenende zum Spazierengehen nutzen will, um sich in schöner Landschaft vom Heimarbeitsplatz in der beengten Stadtwohnung und vom Kontaktverbot in der Coronakrise abzulenken, wird im Rheingau auf Hürden stoßen. An vielen Stellen wird es schwierig werden, einen Stellplatz für das Auto zu finden. Die Sperrung von Parkplätzen und sogar von Straßen gilt unter den Rheingauer Rathauschefs inzwischen als probates Mittel, derzeit unerwünschte Gäste abzuwehren.

          Oliver Bock

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis und für Wiesbaden.

          Der Rheinuferpfad wird erstmals von Eltville bis Rüdesheim durchgehend für Radfahrer gesperrt. Als rechtliche Basis für diesen Eingriff gilt die Landesverordnung zur Kontaktbeschränkung. Auch werden Parkstreifen und Parkplätze geschlossen. Landrat Frank Kilian (parteilos) appelliert an die Oberbürgermeister der Städte und Landräte der Rhein-Main-Region, ihre Bürger vor Ausflügen in den Rheingau zu warnen.

          Die „Völkerwanderungen“ unterbinden

          Dort ist die Abwehrfront der Bürgermeister allerdings nicht geschlossen. Der Oestrich-Winkeler Bürgermeister Kay Tenge (parteilos) schert ein wenig aus. Zwar hat auch er geprüft, ob die Sperrung von Parkplätzen ein geeignetes Mittel und überdies angemessen ist. Doch kommt er zu einem anderen Ergebnis als seine Kollegen: „Auch, wenn wir Parkplätze sperren, werden die Menschen zu uns kommen. Die Sperrung würde nur eine Verlagerung der Parkplatzsuchenden in die umliegenden Wohngebiete nach sich ziehen. Das will ich nicht.“ Die Stadt habe zudem keine Möglichkeit, die „Völkerwanderungen“ zu unterbinden, weil die gegenwärtig geltenden Verordnungen in Land und Bund dies erlaubten, sagte er zur Wochenmitte.

          Die Folge waren heftige Attacken in sozialen Netzwerken. Tags darauf lenkte Tenge ein. Auf Betreiben der Stadt wird nun der Parkstreifen entlang der B42 zwischen Mittelheimer Fähre und Oestricher Kran gesperrt. Innerstädtische Stellplätze bleiben aber geöffnet. Geschlossen wird die Zufahrt zum Ausflugsziel „Hallgartener Zange“ ab der Siedlung Rebhang und die Zufahrt zum Schloss Vollrads einschließlich des Schlossparkplatzes. Auf Nachfrage sagte Tenge, er freue sich weiterhin über Rheingau-Besucher, „doch nicht gleichzeitig und auf engem Raum“. An alle Besucher und Bürger richtete er den Appell, sich an die Regeln zu halten und „den gesunden Menschenverstand über Individualinteressen“ zu stellen.

          Den Ernst der Pandemie noch nicht erkannt

          Walluf hingegen folgt den Beispielen von Geisenheim und Eltville und sperrt öffentliche Parkplätze. Nicht mehr zugänglich sind am Wochenende der Parkplatz im Johannisfeld und der Wanderparkplatz nördlich der B42. Die Erfahrungen hätten gezeigt, dass es zu viele Menschen gebe, die den Ernst der Corona-Pandemie noch nicht erkannt hätten, äußerte Bürgermeister Manfred Kohl (SPD). Das bestehende Kontaktverbot könne nicht eingehalten werden, wenn Besucherströme aus dem Rhein-Main-Gebiet den Rheingau überrollten.

          Walluf hatte bislang schon das engere Rheinufer und das Weinprobierfass neben dem Segelhafen gesperrt, um eine Konzentration von Besuchern auf engem Raum zu verhindern. Nun soll der Wanderparkplatz gesperrt werden, um Erfahrungen zu sammeln. Kohl schließt „umfassendere Sperrmaßnahmen“ allerdings nicht aus: „Es ist traurig, dass solch drastischen Mittel ergriffen werden müssen.“

          Als „Hirnlose“ beschimpft

          Mit der Unvernunft der Gäste hatte auch der Eltviller Bürgermeister Patrick Kunkel (CDU) die Sperrung von Parkplätzen in Rheinnähe begründet. Kunkel sagte: „Ein Ausflug in den Rheingau verstößt gegen die Vorsichtsmaßnahmen zur Corona-Pandemie.“ Sein Geisenheimer Amtskollege Christian Aßmann (parteilos) hatte Besucher zu Wochenbeginn als „Hirnlose“ beschimpft und ihnen auf den Kopf regnende Steine gewünscht. Aßmann lässt am Wochenende das gesamte Geisenheimer Rheinufer abriegeln. In der Gemeinde Kiedrich, wo zuletzt laut Bürgermeister Winfried Steinmacher (SPD) „kein übermäßiger Besucherstrom zu verzeichnen“ war, gab es nur rund um den geschlossenen Weinprobierstand viele parkende Autos. Dort soll es nun vermehrt Kontrollen geben.

          Die Stadt Rüdesheim wird die Straßen zum Niederwalddenkmal und zum Kloster Sankt Hildegard sperren und ebenso die Hälfte aller Parkplätze. In Lorch hingegen werden die Parkplätze offenbleiben. Dort starten regelmäßig viele Wanderer ihre Tour auf dem Fernwanderweg Rheinsteig und Ausflüge zu den neuen Wisper-Trails.

          Anders als im Rheingau hat in der Landeshauptstadt Wiesbaden der Verwaltungsstab entschieden, von Sperrungen des Rheinufers in Biebrich oder Schierstein abzusehen. Die Stadt setze auf die Eigenverantwortung der Bürger, teilt Ralf Wagner vom Ordnungsamt mit. Zudem werde die Stadtpolizei am Wochenende mit zwei Fahrradstreifen Präsenz am Rheinufer zeigen. Nur bei gehäuften Verstößen gegen die Auflagen behält sich die Stadt kurzfristige Sperrungen vor.

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