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In der Corona-Krise : Angst vor Einsamkeit im Altenheim

  • -Aktualisiert am

Helmut Brieger hat Angst um seine Mitbewohner im Seniorenheim. Bild: August-Strunz-Zentrum

In der Corona-Krise droht vielen Senioren in Altenheimen die Einsamkeit. Helmut Brieger hat durch den eingeschränkten Kontakt mehr Zeit, um mit Freunden zu telefonieren. Doch auch ihn sorgt die Ausbreitung des Virus.

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          Helmut Brieger hat Angst vor Corona. Er hat Angst davor, dass das Virus seine Mitbewohner im Seniorenheim infiziert, denen es schlechter geht als ihm. Am Telefon erzählt er, dass „die abgesagten Veranstaltungen für viele hier die einzige Abwechslung am Tag waren“. Auf dem Gang begegne er immer öfter offensichtlich einsamen Mitbewohnern. Jetzt darf Brieger ihnen nicht einmal mehr aufmunternd auf die Schulter klopfen. Das Virus will der 82 Jahre alte Wahl-Frankfurter von dem Heim fernhalten. Seine Mitbewohner ermutigt er deshalb, sich zu schützen. „Das hilft ja auch mir.“

          Bei der Arbeiterwohlfahrt (Awo) in Frankfurt tagt der Corona-Krisenstab jeden Tag. „Es ändert sich ja dauernd etwas“, sagt Sabine Kunz, Leiterin des August-Strunz-Zentrums der Awo im Ostend. Die Heime müssen schnell reagieren. Erst vergangene Woche hatte der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) zur Einschränkung von Besuchen aufgerufen. Schon jetzt gibt es klare Regeln in den Heimen. Nur ein Besucher für eine Stunde am Tag ist laut der Anordnung der Landesregierung zugelassen, jedoch nur in Ausnahmefällen. Das gilt etwa für Palliativpatienten. „Jeder Mensch hat das Recht auf soziale Teilhabe“, sagt Heimleiterin Kunz. Im Rahmen der vorgeschrieben Möglichkeiten wolle man im August-Strunz-Zentrum den Bewohnern diese ermöglichen, auch wenn es nur der Kontakt zu den Pflegern ist.

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          Helga Meschede ist 86 Jahre alt. Sie wohnt in einem Seniorenheim in Kronberg. Ihre Mahlzeiten muss sie seit ein paar Tagen auf ihrem Zimmer einnehmen. Allein. Im Speisesaal dürfen die Senioren nicht mehr gemeinsam essen. Auch die Chorproben, zu denen sie wöchentlich ging, fallen nun aus. „Die Freiheiten sind schon eingeschränkt, aber was sein muss, muss nun mal sein.“ Ihr Alltag habe sich durch die Ausbreitung des Virus nicht stark verändert. Auch vorher habe sie viel Zeit allein verbracht. Nun habe sie beim Nähen von Patchwork-Decken und Quilten noch etwas mehr Ruhe. Außerdem informiert sie sich im Fernsehen und in der Zeitung über die neuesten Entwicklungen. „Gestern habe ich eine Sendung gesehen, in der es nicht um Corona ging. Das war sehr entspannend“, scherzt sie. Meschede wirkt gelassen und gefasst. Sorgen mache sie sich keine, „jedoch wünsche ich mir, dass es bald Klarheit darüber gibt, wie lange das noch dauern wird“.

          Mit weniger Kontakten droht die Einsamkeit

          Nicht alle Senioren können mit der Gefahr so ruhig umgehen wie Helga Meschede und Helmut Brieger. Wem der tägliche Kontakt zum Pflegepersonal fehlt, dem droht die Einsamkeit. Fast alle Veranstaltungen sind abgesagt, beim Sozialverband VdK Hessen zum Beispiel vorerst bis Ostermontag. Der Verband hatte deshalb zur Solidarität mit Senioren aufgerufen. „Man sollte zum Beispiel über Videochats, E-Mails und natürlich über das Telefon in Kontakt mit älteren Verwandten bleiben“, schlägt VdK-Sprecher Gerd Fischer vor. Außerdem können gerade jüngere Menschen ihre Hilfe beim Einkauf oder bei anderen alltäglichen Aufgaben anbieten.

          Die Pflegedienste arbeiten seit Wochen auf Hochtouren. Dafür sind sie ausgebildet, darauf sind sie vorbereitet. Womit allerdings weniger zu rechnen war, sind die Hamsterkäufe von Material, das eigentlich die Pflegedienste benötigen. „Das wird noch eine echte Herausforderung“, prophezeit Kunz. Noch reiche der Vorrat an Desinfektionsmitteln. Im schlimmsten Fall, sprich, wenn Corona-Infektionen auf Stationen ihres Heims aufträten, wäre der Vorrat in wenigen Wochen aufgebraucht. Auch bei anderen Pflegeeinrichtungen gebe es diese Probleme, sagt Timm Kauhausen von der Frankfurter Caritas, „wir versuchen alle zur Verfügung stehenden Ressourcen zu sichern“. Nicht nur um die Bestände an Desinfektionsmitteln sorgen sich die Pflegedienste, sondern auch um die indirekten Auswirkungen der Pandemie auf die Branche. Denn geschlossene Kitas und Schulen bedeuten für Teile des Personals, dass sie für ihre eigenen Familien sorgen müssen.

          Während die Pfleger alles Nötige vorbereiten, sitzt Helmut Brieger in seinem 15 Quadratmeter großen Zimmer mit Blick auf die Europäische Zentralbank und schaut fern. Ihm gefällt der sachliche Umgang mit der Krisensituation in Talkshows. „Es tut gut, dass der ganze Streit der Parteien ein wenig ruht“, findet er. Brieger versucht, die gute Laune nicht zu verlieren. Mit einem Pförtner hat er darum gewettet, wie lange es dauert, bis wieder Normalität einkehrt. Er vermutet drei Monate, darauf wettet er 50 Cent. Er habe durch den eingeschränkten Kontakt nach draußen nun auch wieder mehr Zeit, um mit alten Freunden zu telefonieren. Mit einer Bekannten aus Hamburg, die auch in einem Altenheim wohnt, tauscht er sich zum Beispiel regelmäßig darüber aus, wie sie sich vor Covid-19 schützen.

          Um seine Mitbewohner macht er sich trotzdem weiterhin Sorgen. Besonders demente Menschen müsse man vor der Einsamkeit schützen. Auf dem Gang versucht Brieger so gut es geht für Optimismus zu sorgen. „Denn Lächeln und Witze machen darf ich ja trotzdem weiterhin.“

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