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Wegen Corona-Krise : Burgfestspiele zwischen Hoffen und Bangen

  • -Aktualisiert am

Gute Bekannte: Das Ukulele Orchestra of Great Britain bei einem früheren Auftritt in der Burg Hayn Bild: Foto Gareth Tynan

Anfang Juli sollen in der Burg Hayn die Veranstaltungen beginnen. Doch der Bürgerhaus-Chef wäre schon froh, wenn in Dreieich überhaupt etwas auf die Bühne käme. Bad Vilbel verschiebt die Festspiele.

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          Die Mitglieder des Ukulele Orchestra of Great Britain sind keine Unbekannten in der Burg Hayn. Schon mehrmals war das Ensemble bei den Burgfestspielen in der Burgruine des Dreieicher Stadtteils Dreieichenhain zu Gast und begeisterte das Publikum. So soll es auch 2020 wieder sein: Gleich zweimal tritt das Ukulele Orchestra of Great Britain dort auf. Der Eröffnungsabend am 1. Juli ist traditionell für geladene Gäste der Sponsoren gedacht. Am 2. Juli kommen all jene auf ihre Kosten, die eine Eintrittskarte für den mit britischem Humor unterlegten Auftritt bekommen haben. Auf ihren Bonsai-Gitarren interpretieren sie Popsongs und klassische Stücke ebenso wie Rock-Hymnen und Musik aus Italo-Western.

          Das Ukulele Orchestra of Great Britain ist fest eingeplant bei den Burgfestspielen, die bis 16. August stattfinden sollen. Der Vorverkauf hat schon im Dezember begonnen. Max Mutzke, Bodo Wartke, die Söhne Hamburgs mit Stefan Gwildis, Joja Wendt und Rolf Claussen, Abba 99 und Michael Quast: Unter 32 Programmpunkten und 41 Vorstellungen haben die Zuschauer die Wahl.

          Doch das Coronavirus bringt vieles durcheinander. Der Hessentag in Bad Vilbel wurde ebenso abgesagt wie die Brüder-Grimm-Festspiele in Hanau. Das gleiche Schicksal droht auch den Burgfestspielen, dem kulturellen Aushängeschild der Stadt Dreieich. Noch gibt man sich in Dreieich optimistisch: „Wir planen nach wie vor, die Burgfestspiele zu veranstalten“, sagte Benjamin Halberstadt, der Betriebsleiter der Bürgerhäuser Dreieich, die die Burgfestspiele seit 2007 in eigener Regie organisieren.

          Bisher noch keine Absagen

          Von einem Zickzackkurs spricht der 52 Jahre alte Halberstadt. Man könne sich nur nach den aktuellen Verordnungen richten, die momentan die Zeit bis zum 20. April umfassten. Was danach komme, müsse man sehen: „Die Burgfestspiele sind erst im Juli, und im Gegensatz zu anderen Kollegen müssen wir vorher auch nicht proben.“ Das Bürgerhaus-Team könne sich noch etwas Zeit für eine Entscheidung lassen: „Erst Anfang Juni müssen wir notfalls die Reißleine ziehen.“

          Jetzt schon eine Veranstaltung abzusagen hielte Halberstadt für „sehr unklug“: In diesem Fall „müssten wir die ganzen Kosten inklusive Gage zahlen.“ Sollte jedoch ein behördliches Verbot kommen, wäre das höhere Gewalt, und jeder müsste seine Kosten selbst tragen. Das gelte auch für die Tribüne. Bisher sagte noch keine einzige Produktion von sich aus ab. Selbst das Ukulele Orchestra of Great Britain wolle bis Anfang Mai beobachten, wie sich die Lage entwickele.

          Rund 27.500 Besucher kamen 2019 zu den 41 Veranstaltungen in der Burg Hayn, Konzerte und Aufführungen waren zu 90 Prozent ausgebucht. Auch dieses Mal ließ sich der Vorverkauf gut an: Bis März habe man ziemlich genau so viele Karten verkauft wie im Vorjahr, sagt Halberstadt. Musik- und Theaterfreunde aus Dreieich und Umgebung erwarben schon rund 17.000 Karten. 

          Dann brach die Corona-Krise aus und das Interesse an den Burgfestspielen ein: Derzeit strebe der Vorverkauf gegen null, ließ Halberstadt erkennen. Das Bürgerhaus im Stadtteil Sprendlingen, das Obertor in Dreieichenhain, der Bürgertreff Götzenhain und die Philipp-Köppen-Halle in Offenthal sind ohnehin wegen Corona geschlossen. Auch Veranstaltungen in der Region, für die die Bürgerhäuser Dreieich Karten verkauften, wurden gestrichen oder verschoben. In den vergangenen vier Wochen habe man nur mit der Rückgabe oder dem Umtausch von Karten zu tun gehabt, sagte Halberstadt.

          Starke finanzielle Einbußen

          Finanziell hinterlässt das Virus schon jetzt tiefe Spuren. Ohne Corona hätten die Bürgerhäuser Dreieich seit Mitte März weitere 60.000 Euro allein aus dem Kartenvorverkauf für die Burgfestspiele einnehmen können, rechnete der Bürgerhaus-Chef vor. Illusionen, die Einbußen noch voll ausgleichen zu können, macht er sich nicht: Selbst wenn Veranstaltungen mit 800 Besuchern, wie sie im Burggarten Platz finden, erlaubt wären und der Vorverkauf wieder anspringe, werde man vielleicht noch 40 Prozent der entgangenen 60.000 Euro gutmachen können. Die Besucherzahlen von 2019 werde man wohl nicht erreichen.

          Halberstadt wäre froh, „wenn wir im Sommer irgendetwas anbieten dürften“. Damit spricht er wohl auch den Künstlern aus dem Herzen, die kaum mehr Engagements bekommen. Möglicherweise werden demnächst wieder Veranstaltungen mit weniger als 800 Besuchern möglich, wenn größere Abstände zwischen den Sitzplätzen eingehalten werden. Auch in diesem Fall müsste Halberstadt sich etwas einfallen lassen: Mehrere Veranstaltungen der Burgfestspiele, darunter die Abende mit dem Ukulele Orchestra of Great Britain, sind längst ausverkauft. Das Los müsste dann wohl entscheiden, wer Zutritt erhält.

          Wenn nur 400 oder 500 Besucher erlaubt wären, stellte sich für Halberstadt allerdings die Frage, „ob ich die Veranstaltung überhaupt noch finanzieren kann“. Man werde dann mit den Künstlern noch einmal über die Gage verhandeln müssen. Allerdings sei das alles „Fischen im Trüben, Kaffeesatzleserei und Navigieren auf Sicht“. Es komme darauf an, wie und wann die Behörden entschieden.

          Auf jeweils rund 500.000 Euro summieren sich Einnahmen und Ausgaben der Burgfestspiele in normalen Zeiten. In der Vergangenheit habe man eine schwarze Null geschrieben, sagt Halberstadt. Im städtischen Haushalt stehen jeweils 70.000 Euro bereit, die man bisher aber nicht habe in Anspruch nehmen müssen. Da sich die Corona-Krise heftig auf das kulturelle Leben nicht nur in Dreieich auswirkt, dürfte die bisherige Kalkulation keinen Bestand mehr haben. Sollten die Burgfestspiele nur mit deutlich weniger Zuschauern stattfinden können, muss Halberstadt die Mehrkosten ausrechnen – und sich fragen: „Ist es uns das wert?“

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