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Hotellerie und Gastronomie : Angst vor Herbst und Winter

  • -Aktualisiert am

„Wir sind auf uns allein gestellt“: Der Rüdesheimer Gastronom Peter Häfner fühlt sich von der Politik in Stich gelassen. Bild: Lucas Bäuml

Der Rüdesheimer Hotelier und Gastronom Peter Häfner hat einen öffentlichen Hilferuf an die Politik verfasst. Er befürchtet: Viele Betriebe werden einen dritten Pandemiewinter nicht überleben.

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          Noch ist Peter Häfner mit der Auslastung seiner 39 Zimmer im Hotel Trapp in diesem Sommer einigermaßen zufrieden. Doch der Rüdesheimer Hotelier blickt mit großer Sorge auf Herbst und Winter. Denn angesichts der Signale, die Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) im Hinblick auf die zu erwartende Corona-Welle des dritten Pandemiewinters über die Medien verbreitet, erwartet Häfner nichts weniger als „eine Flut von Betriebsschließungen“.

          Oliver Bock
          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis und für Wiesbaden.

          Der Hotelbetreiber könnte mit zwei Extremen gut leben: entweder einem abermaligen Lockdown in Verbindung mit staatlichen Kompensationszahlungen oder mit Maßnahmen, die weitgehend in die Selbstverantwortung der Bürger und Unternehmer gestellt werden. „Alles dazwischen ist schwierig“, sagt Häfner. Er befürchtet, dass die Warnungen der Politik vor der nächsten Welle der Pandemie das Reiseverhalten der Bürger massiv beeinflussen – und die Gastronomen und Hoteliers ohne Gäste, aber auch ohne Unterstützung dastehen. „Wir sind auf uns allein gestellt“, fürchtet Häfner mit Blick auf den Winter.

          Der Hilflosigkeit Ausdruck geben

          Der Hotelier und seine Frau gehören zu den am härtesten von Pandemie getroffenen Unternehmern in Rüdesheim. Als sie zum rückblickend denkbar schlechtesten Zeitpunkt im März 2020 das Hotel Trapp übernahmen, war es für die anstehende Saison zu 80 Prozent ausgelastet. Tage später drehte sich ihr Geschäft nur noch um Umbuchungen und Stornierungen.

          Häfner hat nun einen „Hilferuf“ als offenen Brief an Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) und Ministerpräsident Boris Rhein (CDU), an Landrat und Bürgermeister verfasst, um seiner Hilflosigkeit Ausdruck zu geben. Dass Häfner in der Branche massive Verwerfungen erwartet, hat aus seiner Sicht viele Gründe: stark verteuerte Energiepreise bis hin zum drohenden Gaslieferstopp, erheblich verteuerte Lebensmittelpreise, Lieferschwierigkeiten für viele Materialien und Personalknappheit.

          Laut Häfner erwirtschaftet das Hotel in diesem Jahr rund 35 Prozent weniger Umsatz als vor Corona. Er kann bestätigen, was der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) erst vor wenigen Tagen berichtet hat: Demnach sind im Juli die Lebensmittelpreise gegenüber dem Vorjahresmonat um 26 Prozent, die Personalkosten um 17 Prozent, die Stromkosten um 42 Prozent und die Gaskosten um 66 Prozent gestiegen.

          Laut Häfner vergeht fast kein Tag, an dem Lieferanten nicht neue Preise ankündigen, Lieferpauschalen verlangen und die Mindestbestellmengen heraufsetzen. Diese Belastung kann der Hotelier nur in kleinen Portionen an die Gäste weitergeben. Die Preise „können nicht so hoch sein, wie sie sein müssten“.

          Auch vom Staat ungerecht behandelt

          Inzwischen ändert er die Zimmerpreise häufiger als früher, je nach Buchungslage und Konkurrenzverhalten. Be­schwerden von Gästen gibt es kaum, aber „es kommen einfach weniger Gäste“. Laut Dehoga spüren 62 Prozent der Restaurants, Hotels, Cafés, Bars und Gasthäuser die Konsumzurückhaltung der Bürger. Deren Verhalten hat sich nach den Beobachtungen schon jetzt verändert. Viele Buchungen kommen erst im letzten Augenblick, manche direkt am Tag der Anreise.

          Als wären diese Sorgen nicht groß genug, sieht sich Häfner auch vom Staat ungerecht behandelt. Als junges Unternehmen kam sein Hotel ohnehin nicht gleich schon beim ersten Hilfspaket für Hotellerie und Gastronomie zum Zuge. Doch als der Staat sein Angebot nachgeschärft hatte, konnte auch Häfner über den Steuerberater Überbrückungshilfen beantragen, die nach der Genehmigung durch das zuständige Regierungspräsidium ausgezahlt wurden.

          Inzwischen hat er von seinem Steuerberater erfahren, dass der Staat die Regeln rückwirkend so verändert und präzisiert hat, dass er womöglich ein Drittel der Hilfszahlung wieder erstatten muss. „Wieso darf der Staat das?“, fragt Häfner, ehe ihm das Wort „Bananenrepublik“ entfährt.

          Im Lauf der Pandemie hat Häfner die Zahl seiner Mitarbeiter verringert, um die Personalkosten des kleinen Familienbetriebs im Zaum zu halten. Jede Position sei nur einfach besetzt, sagt der Hotelier. Die Folge: Jeden Ausfall müssen seine Frau und er kompensieren. Das heißt: Siebentagewoche mit zwölf bis 16 Stunden Arbeitszeit täglich. Eine Dauerlösung kann das nicht sein.

          Häfner hat einen langen Forderungskatalog an die Politik formuliert. Er reicht von einer Öffnung des deutschen Arbeitsmarktes auch für Menschen außereuropäischer Länder bis zur Verstaatlichung der Energieunternehmen. Vom Kanzler kam bislang keine Antwort, mit dem Ministerpräsidenten gab es immerhin einen kurzen Dialog. Auch mit Landrat und Bürgermeister. Doch Häfner weiß schon jetzt, dass er Herbst und Winter auf sich allein gestellt bewältigen muss.

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