https://www.faz.net/-gzg-a20mw

Corona-Fälle in Offenbach : „Lieber Lappen vorm Mund als Zettel am Fuß“

  • -Aktualisiert am

Auf dem Wochenmarkt in Offenbach herrscht Maskenpflicht – die meisten halten sich daran. Bild: Maximilian von Lachner

In Offenbach steigen die Corona-Zahlen an. Doch in der Stadt ist von der angespannten Lage fast nichts zu spüren. Das zeigt ein Besuch auf dem Wochenmarkt.

          2 Min.

          Für einen Plausch auf dem Wochenmarkt in Offenbach ist immer Zeit. Die Gemüsehändler schwatzen mit ihren Kunden, die Bäckereiverkäuferin verscheucht die Wespen von ihrem Kuchen, und auf dem Bänken am Rand ruhen sich alte Menschen aus. Die Stühle der Cafés am Wilhelmsplatz sind gut besetzt, die Kellner haben reichlich zu tun. Ein ganz normaler, gemütlicher Vormittag mitten im Sommer.

          Doch am Montag wurde ein deutlicher Anstieg mit dem Coronavirus infizierter Offenbacher bekanntgegeben. Der Krisenstab der Stadt hat daraufhin eine Verschärfung der Pandemie-Regeln beschlossen. Unter anderem soll entschiedener gegen Maskenverweigerer vorgegangen werden.

          „Ohne Maske kann ich Sie nicht bedienen“, sagt die Bäckereiverkäuferin erkennbar genervt. Immer wieder müsse sie diesen Satz sagen, immer wieder die darauffolgenden Diskussionen führen. „Dabei gibt es diese Regeln nun wirklich nicht erst seit gestern.“

          Auf der Theke klebt ein Schild mit dem Hinweis, dass auf dem ganzen Markt Maskenpflicht gilt. Davor steht eine ältere Frau, sie wirkt leicht überfordert und zuckt hilflos mit den Schultern: Sie habe die Maske zu Hause vergessen. Die Miene der Verkäuferin wird weicher. „Dann nehmen Sie doch einfach Ihr Halstuch.“ Die Kundin bekommt ihr Brot, geht weiter – und zieht das Halstuch wieder herunter.

          „Dem Blutdruck unserer Mitmenschen zuliebe“

          „Nach der Pressekonferenz gestern hätte ich mir eigentlich mehr Präsenz vom Ordnungsamt gewünscht“, sagt die Verkäuferin. Uneinsichtig, was das Tragen von Masken betreffe, seien vor allem ältere Kunden. „Wenn ich es ganz brutal sagen müsste, würde ich sagen, lieber Lappen vorm Mund als Zettel am Fuß.“

          Ein junges Pärchen reiht sich geduldig und mit Abstand in die kleine Schlange vor dem Bäckereiwagen ein. Die beiden sind zum Frühstücken verabredet und holen sich Backwaren auf die Hand. „Dem Blutdruck unserer Mitmenschen zuliebe“ hielten sie sich an die Regeln, sagt die junge Frau.

          Doch sie stehen der Corona-Politik der Regierungen in Bund und Land skeptisch gegenüber. „Studien beweisen, die Sterblichkeitsrate ist viel niedriger, als es in der Öffentlichkeit dargestellt wird“, behauptet er. Es hätte viel früher auf eine Massenimmunisierung gesetzt werden müssen. „Jetzt kommt es nur wieder zum Lockdown, wir werden hingehalten, und die wirtschaftliche Katastrophe wird noch größer.“ Von Massentests halte er nichts, das sei Panikmache. „Wenn man will, dass die Zahlen weiter steigen, dann sollte man mehr testen.“ Es werde zu wenig über gesundheitliche Folgen aufgeklärt, kaum jemand wisse, was das Virus tatsächlich anrichte.

          „Angst tötet auch“

          Die Freundin fällt ihm ins Wort. „Schön wäre es, wenn diese Aufklärung nichts mit Politik und Lobbyismus zu tun hat.“ Dies sollten unabhängige Medien leisten, die sich nicht an Interessen anderer anpassten. Von Verschwörungstheoretikern zu reden, sei der falsche Ansatz, findet ihr Freund. „Das sind meistens interessierte Menschen, die ihren Kopf einschalten und kritische Fragen stellen.“ Ein paar Schritte weiter werden die besten Kartoffeln für einen Salat ausgewogen, so lautete zumindest die Bestellung der Kundin.

          Schwungvoll wirft der Verkäufer die Knollen in die Waagschale. Sorgen um seine Gesundheit mache er sich keine. Die Leute reagierten zu panisch, sagt er und gestikuliert wild in der Luft. „Ich kenne mehr Menschen mit wirtschaftlichem Schaden als Menschen, die an Corona gestorben sind.“ Im Bekanntenkreis seien zwei Leute an dem Virus erkrankt gewesen, beide nur mit leichten Symptomen. Das Zwischenmenschliche leide unter den Regelungen, er mache sich Sorgen, dass irgendwann keiner mehr wisse, wie man miteinander umgehe. „Angst tötet auch, das wissen Sie ja sicher selbst.“

          Mittlerweile ist es voller geworden. Vereinzelt halten sich Besucher nicht an die Maskenpflicht, und mancher Verkäufer versteht die Maske eher als Kinnbedeckung denn als Mund-Nasen-Schutz. Der Kartoffelverkäufer begrüßt eine Kundin. „Sehen Sie, da fangen die Hamsterkäufe wieder an“, witzelt er und deutet auf ein Paket Klopapier in der Hand der Frau. Er rückt die Maske unter seiner Nase zurecht und nimmt die Bestellung entgegen.

          Weitere Themen

          Zum ersten Mal auf dem neuen alten Goetheturm Video-Seite öffnen

          Wahrzeichen steht wieder : Zum ersten Mal auf dem neuen alten Goetheturm

          Er erstrahlt fast wieder in seinem alten Glanz - der Frankfurter Goetheturm. Und gäbe es Corona nicht, würde Frankfurt dieses Wochenende zu einer Eröffnungsfeier einladen. Zumindest ein kleiner Kreis konnte das Wahrzeichen am Freitag schon mal genauer in Augenschein nehmen.

          Topmeldungen

          Spitzenforscher kommen zurück : Hallo, Deutschland!

          Von wegen Braindrain: Hiesige Universitäten ziehen Spitzenforscher aus der ganzen Welt an und könnten durch die Corona-Krise noch attraktiver werden. Mancher sieht eine „historische Chance“.
          Shopping-Viertel in Peking: Chinas Oberschicht konsumiert wieder.

          Einkaufsmanagerindex : Chinas Wirtschaft zieht an

          Sowohl die Industrieproduktion als auch Dienstleistungen haben sich in der Volksrepublik positiv entwickelt. Die Aussichten für die chinesische Wirtschaft könnten jedoch vom Handelskonflikt mit den Vereinigten Staaten getrübt werden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.