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Corona-Comic einer Studentin : Mit Szenen aus dem Lockdown in die „New York Times“

Melancholisch, aber nicht düster: Eine Zeichnung aus Lucie Langstons Bildgeschichte „Through The Dunes“ Bild: Illustration Lucie Langston

Lucie Langston hat ihr Auslandssemester in Wales wegen der Pandemie abbrechen müssen. Zurück in Mainz zeichnete die Designstudentin einen Comic – mit großer Resonanz.

          3 Min.

          In gewisser Weise ist es Corona zu verdanken, dass Lucie Langston jetzt so gute Laune hat. Und das, obwohl ihr der Lockdown seelisch schwer zugesetzt hat. Die Therapeutenweisheit, dass jede Krise eine Chance birgt, ist in den vergangenen Monaten bis zum Überdruss bemüht worden – für Langston trifft sie tatsächlich zu. Nicht nur, weil sie sich aus dem Stimmungsloch buchstäblich herausarbeiten konnte. Das Ergebnis ihres Schaffens ist auch derart gelungen, dass es der 35 Jahre alten Frau die Tür zu einer Künstlerkarriere öffnen könnte. Langston, Kommunikationsdesign-Studentin der Hochschule Mainz, hat ihre Erfahrungen aus der Zeit der Isolation zu einem Comic gestaltet. Den fand die „New York Times“ so beeindruckend, dass sie ihn auf ihrer Internetseite veröffentlicht hat.

          Sascha Zoske

          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          Langston klingt optimistisch und selbstbewusst, als sie am Telefon berichtet, wie ihre Bildgeschichte entstand. Aus dem, was sie erzählt, lässt sich erahnen, dass diese Zuversicht für sie nicht selbstverständlich ist. „Ich hatte ein sehr bewegtes Leben“, sagt die Tochter einer Berlinerin und eines irischstämmigen Amerikaners. Aufgewachsen ist sie zum Teil in den Vereinigten Staaten, gut zehn Jahre hat sie in Leipzig verbracht. Nach der Highschool ließ sie sich zur graphisch-technischen Assistentin ausbilden, das Abitur erwarb sie auf dem zweiten Bildungsweg.

          In Cardiff gezeichnet, bis das Virus kam

          Es hat lange gedauert, bis sich Langston zum Studieren entschloss. Mehrere Schicksalsschläge hatte sie verkraften müssen, ihre Eltern waren schwer erkrankt, sie selbst hatte mit Depressionen zu kämpfen. „Das Leben hatte sich quergestellt und keine Lust gezeigt, mich vorankommen zu lassen.“ An der Hochschule Mainz ging es aufwärts für sie, die Werkstätten dort findet sie „supertoll“. Vorläufiger Höhepunkt ihres Studiums sollte ein Erasmussemester in Cardiff werden, das sie Anfang Januar antrat. Langston sagt, dort sei ihre Arbeitsfreude „komplett explodiert“. Jeden Tag habe sie gezeichnet. Dann kam das Virus.

          Szenen der Isolation: Ausschnitte aus Lucie Langstons Comic „Through the Dunes“ Bilderstrecke
          Comics der Pandemie : Mainzer Designstudentin schafft es in die „New York Times“

          Dass die Pandemie ihre gute Zeit in Wales abrupt beenden würde, wollte Langston zuerst nicht wahrhaben. Nach Schließung der Uni am 20. März verließ sie als eine der letzten Ausländer das Wohnheim, mit einem der letzten Flüge kehrte sie nach Deutschland zurück. In Mainz zog sie in eine Wohngemeinschaft – ihre eigene Bude hatte sie vor dem Auslandssemester untervermietet. Vier Wochen lang traute sich die Studentin kaum aus dem Haus. Als Pollen-Allergikerin leidet sie unter Asthma, ihre Sorge war, dass sie dies anfällig machen könnte für einen schweren Verlauf von Covid-19. Eine Freundin animierte sie schließlich zu Spaziergängen. Die führten sie in den Mainzer Sand, ein Naturschutzgebiet mit Dünen und seltenen Pflanzen.

          Mal „schrecklich“, mal „total erholsam“

          Auch das Studium nahm Langston wieder auf. Der Kurs, den sie belegte, wurde von der Professorin Monika Aichele geleitet. Weil ein ursprünglich geplantes Comicprojekt der Krise zum Opfer gefallen war, machte Aichele ihre Studenten auf das Online-Tagebuch „Art In Isolation“ der „New York Times“ aufmerksam. Hierfür konnten Illustrationen, Comics und andere künstlerische Arbeiten eingereicht werden, die während des Lockdowns entstanden waren. Nach der Rückkehr hatte Langston zuerst daran gedacht, sich künstlerisch mit dem Thema Suizid auseinanderzusetzen. Doch dann, sagt sie, sei ihr klar geworden, wie stark Corona die Gesellschaft prägen werde.

          Langston begann zu zeichnen. Auf dem iPad skizzierte sie mit digitalem Buntstift die Bilder, die ihr durch den Kopf gingen. Zwei Monate lang arbeitete sie bis zu zehn Stunden am Tag. „Ich war geradezu manisch.“ Ihre Lage empfand sie mal als „schrecklich“, mal als „total erholsam“. Es entstand ein sechzehnseitiger Comic, der Langstons Alltag im Corona-Frühling schildert. Zart ist der Strich, reduziert die Farbpalette, die Anmutung melancholisch, aber nicht düster. Die Technik hat Langston dem Siebdruck nachempfunden, den sie in ihrer Ausbildung erlernt hatte. Der Titel des Werks verweist auf den Mainzer Sand: „Through The Dunes“.

          Freudentränen und Lob aus aller Welt

          Sie schickte ihre Arbeit an die „New York Times“. Zweieinhalb Wochen lang hörte sie nichts. „Ich hatte gedanklich schon damit abgeschlossen.“ Dann meldete sich die Redaktion doch noch: Der Comic sollte in der Rubrik „Opinion“ der Online-Ausgabe erscheinen und dort mit einem eigenen Artikel gewürdigt werden. „Da bin ich voll aus den Latschen gekippt“, sagt Langston. Vor Freude habe sie Tränen vergossen.

          Am 20. Juli erschien ihr Werk. „Das Feedback war Wahnsinn.“ Die Zahl ihrer Follower auf Instagram erhöhte sich schlagartig, aus aller Welt bekam sie Lob, sogar aus Neuseeland. „Zwei Therapeutinnen haben mir berichtet, dass sie den Comic nutzten, um mit ihren Patientinnen über deren Ängste zu sprechen.“ Langston erwartet, dass ihr der Erfolg beruflich helfen wird. Im Januar will sie ihren Bachelor machen und danach als Zeichnerin arbeiten – am liebsten für eine Zeitschriftenredaktion. Gute-Laune-Stoff ist von ihr eher nicht zu erwarten; sie kann sich vorstellen, Crime Stories zu illustrieren. „Menschliche Abgründe faszinieren mich.“ Aber nicht nur der Hang zur Schwermut ist ihr geblieben von den Corona-Tagen und den Spaziergängen im Mainzer Sand, sondern auch die Liebe zur Natur, gerade in ihren unscheinbaren Details: „Ich finde kleine Schnecken toll.“

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