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Unterkunft für Geflüchtete : Container statt Kasernen

Im hessischen Main-Tauns-Kreis sind 4600 Geflüchtete in Containern untergebracht. Hier zu sehen: Ein Asylbewerberheim in Kriftel Bild: dpa

Im Hessischen Main-Taunus-Kreis war die Unterbringung von Geflüchteten wegen Platzmangels problematisch. Deshalb bringt der Landkreis von den insgesamt 4600 Flüchtlingen viele in Containern unter.

          Als vor Jahren Flüchtlinge in großer Zahl ins Land kamen und rasch ein Dach über dem Kopf brauchten, hatte der Main-Taunus-Kreis nicht so viel Glück wie andere Kommunen. In dem Landkreis, der von der Frankfurter bis zur Wiesbadener Stadtgrenze reicht, gab es keine leerstehenden Kasernen wie in Darmstadt oder Hanau, in welche die Neuankömmlinge hätten einquartiert werden können. Dort gab es auch keine Altbauten von Kreiskrankenhäusern wie in Bad Homburg oder Usingen. So musste der Sozialdezernent Johannes Baron (FDP) nach anderen Möglichkeiten suchen. Weil kaum leerstehende große Gebäude zur Verfügung standen, machte sich der Kreis daran, selbst Bauten zu errichten. Diese entstanden in „Modulbauweise“, wie es in der Fachsprache heißt. Deutlicher gesagt: Es wurden Wohncontainer aufgestellt, oft in zwei Etagen übereinander.

          Jan Schiefenhövel

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          In den meisten Fällen kaufte der Kreis die Container, die von innen fast so aussehen wie ein Zimmer, weil die Wände verkleidet sind. Wer drinnen steht, sieht aber an der typischen langgestreckten Form, dass er sich nicht in einem aus Ziegelsteinen erbauten Haus befindet. In Bad Soden entstand ein aus solchen Modulen zusammengefügtes Gebäude in gut sichtbarer Lage auf einer Kuppe, nämlich in der Nachbarschaft der Grundschule für das Neubaugebiet auf dem Sinai-Areal am westlichen Ortsrand. In anderen Städten im Main-Taunus-Kreis wurden die Container nicht so auffällig plaziert In einigen Fällen ließ die Kreisverwaltung die Behausungen der Einfachheit halber in baugleicher Form aufstellen. Modulgebäude stehen zum Beispiel in Kriftel, Sulzbach und Schwalbach. Inzwischen braucht der Kreis nicht mehr alle seine Containerbauten. So gab er in den vergangenen Wochen eine dieser Behausungen an die Stadt Eschborn ab, die ihrerseits ebenfalls Flüchtlinge darin unterbringt.

          Diese Aufgabenteilung zwischen dem Kreis auf der einen und den Städten auf der anderen Seite hängt mit dem rechtlichen Status der Schutzsuchenden zusammen. Der Kreis ist für jene zuständig, deren Zukunft noch offen ist. Sie sind Asylsuchende, das heißt, ob sie Asyl erhalten, ist noch nicht entscheiden. Die Städte wiederum sind gefragt, wenn es um die Unterbringung von Personen geht, denen schon ein Recht auf Asyl zugesprochen worden ist, in der Verwaltung werden sie meist kurz als „Anerkannte“ bezeichnet.

          Provisorisches Leben?

          Diese haben ein Bleiberecht ähnlich wie andere Ausländer, die auf Dauer in Deutschland leben. Eigentlich müssen die „Anerkannten“ sich selbst eine Wohnung suchen. In der Praxis finden sie aber wegen des angespannten Wohnungsmarkts und der hohen Mieten im Rhein-Main-Gebiet meist kein Quartier. Deshalb mieten die Städte für diese Personen Wohnungen oder Zimmer in Pensionen oder weisen ihnen Plätze in einer Gemeinschaftsunterkunft zu. Etliche „Anerkannte“ wohnen auch noch in den Heimen des Kreises.

          Zum Ende des ersten Quartals lebten nach Auskunft der Kreisverwaltung 4671 Flüchtlinge im Landkreis, die meisten aus Syrien und Afghanistan. Für eine große Mehrheit von ihnen ist die Entscheidung über ihre Zukunft schon gefallen: 3174 sind Anerkannte. 1162 warten noch auf die Entscheidung, ob ihnen Asyl gewährt wird. 335 Personen sind nicht anerkannt worden, sie werden aber geduldet und müssen das Land nicht verlassen. Fast die Hälfte der Flüchtlinge, 1998, lebt in Gemeinschaftsunterkünften des Kreises. Wiederum fast jeder Zweite davon müsste das Heim eigentlich verlassen. Deshalb erhebt der Kreis eine monatliche Miete von 398 Euro. Auch ein Asylsuchender muss diesen Betrag entrichten, falls er schon eine Arbeit hat.

          So müssen sich die Flüchtlinge jahrelang in einem provisorischen Leben, im Dasein in Heimen einrichten. Viele helfen sich dabei gegenseitig, wie es aus der Kreisverwaltung heißt: Sie übersetzen füreinander, begleiten sich gegenseitig zu Terminen bei Behörden oder helfen sich bei der Arbeitssuche. Diese gegenseitige Unterstützung ist eine große Hilfe für jene in der Verwaltung, die die Neuankömmlinge zu betreuen haben.

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