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Citybahn in Wiesbaden : Mainzer treten auf die Euphoriebremse

Schienentauglich: Die Theodor-Heuss-Brücke wurde vor 20 Jahren so saniert, dass sie eine Straßenbahn tragen könnte. Bild: dpa

Baubeginn für eine „Citybahn“ in Wiesbaden schon 2019? Das halten die Mainzer für reichlich optimistisch.

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          Acht Jahre hat es gedauert, die „Mainzelbahn“ aufs Gleis zu setzen. Seit Sonntag sind nun tatsächlich die ersten Fahrgäste in den neuen Variobahnen auf der 9,2 Kilometer langen Strecke zwischen Mainzer Hauptbahnhof und Lerchenberg unterwegs. So wie es sich der Stadtrat 2009 in seinem Grundsatzbeschluss zum Ausbau des Streckennetzes gewünscht hat. Neben einigen Kinderkrankheiten, wie nicht überall reibungslos funktionierende Ampelschaltungen, haben sich schon erste Anwohner zu Wort gemeldet, die sich von den an ihren Häusern vorbeirauschenden Bahnen gestört fühlen. Zu den Vorzügen des in Mainz realisierten, gut 90 Millionen Euro teuren Nahverkehrsvorhabens gehörte, dass der für die Trasse benötigte Korridor im Flächennutzungsplan seit den achtziger Jahren ausgewiesen war; weshalb es keine einzige Klage gegen das Projekt gab.

          Markus Schug
          Korrespondent Rhein-Main-Süd.

          Angesichts der in den vergangenen Jahren gemachten Erfahrungen wundert man sich auf der linken Rheinseite derzeit ein wenig über den Optimismus der Nachbarn: In Wiesbaden hoffen sie, ein vergleichbares Stadtbahn-Projekt deutlich schneller verwirklichen zu können. 2019 will man im Hessischen möglichst schon mit dem Bau einer elf Kilometer langen „Citybahn“-Strecke beginnen, die vom Hauptbahnhof aus durch Amöneburg bis nach Kastel führen soll. Von dort aus müsste es über die Theodor-Heuss-Brücke, die vor 20 Jahren straßenbahntauglich saniert wurde, durch die Mainzer Innenstadt in Richtung Hauptbahnhof und eventuell gar bis zur Universität weitergehen. „Eine solche Linie ist mittel- bis langfristig sicher eine sinnvolle Überlegung“, sagte der Mainzer Oberbürgermeister, Michael Ebling (SPD), im Gespräch mit dieser Zeitung.

          Was die Bahn kosten wird, ist noch nicht klar

          Tatsächlich sei die zwischen beiden Landeshauptstädten verkehrende Buslinie 6 mit täglich rund 35000 Fahrgästen die am stärksten ausgelastete Route im gemeinsamen Netz. Allerdings befinde man sich, wenngleich dies bisweilen anders dargestellt werde, nicht schon „am Vorabend des ersten Spatenstichs“.Die Absprache zwischen den Nachbarn war in diesem Fall zumindest verbesserungsbedürftig. Und der Zeitpunkt, zu dem die Wiesbadener Stadtverordneten mit Ausnahme der FDP das Projekt beschlossen haben, kam den Mainzern eher ungelegen. Denn bisher steht noch nicht fest, wie viel die „Mainzelbahn“ am Ende kosten wird. Mit schätzungsweise 90 Millionen Euro wäre der Ausbau, der von Bund und Land zu mehr als 60 Prozent bezuschusst werden dürfte, letztlich aber wohl rund 20 Millionen Euro teurer als ursprünglich veranschlagt.

          Dennoch haben die Verkehrsgesellschaften links und rechts des Rheins vor, im nächsten Jahre eine gemeinsame Planungsgruppe zu gründen, die sich mit allen Fragen rund die „Citybahn“ beschäftigen werde. Einen entsprechenden Beschluss habe der Aufsichtsrat der Mainzer Stadtwerke gerade getroffen, sagte Ebling, der Vorsitzender des Gremiums ist. Bei der Verkehrsgesellschaft MVB und im Verkehrsdezernat, die sich bei dem Thema auffällig zurückhaltend zeigen, möchte man das Projekt „Mainzelbahn“ offensichtlich erst in Gänze abgeschlossen wissen, ehe den Bürgern neue Ausbaupläne „zugemutet“ werden.

          Aktuell wird aber noch an dem Schienenstrang zum Zollhafen, vor dem Uni-Eingang und an anderen Stellen der Trasse gearbeitet. Die wahrscheinlichste „Citybahn“Route auf Mainzer Seite würde von der Theodor-Heuss-Brücke aus durch die Große Bleiche zum Münsterplatz verlaufen, wo ein Anschluss an das knapp 30 Kilometer lange Mainzer Streckennetz möglich wäre. Andere Varianten, etwa auf der Rheinstraße bis zum Domplatz und von dort aus auf der Ludwigsstraße bis zum Schillerplatz, dürften aufwendiger und teurer sein. Zudem würde die Linie dem dreimal in der Woche ausgerichteten Erzeugermarkt auf dem Domplatz in die Quere kommen. Und auch an Fastnacht dürfte auf der Ludwigsstraße neben dem Mainzer Rosenmontagszug eigentlich kein Platz mehr für eine aus Wiesbaden kommende Stadtbahn sein.

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