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CDU-Schwarzgeldprozeß : Horst Weyrauch sorgt für Überraschungen

  • Aktualisiert am

Verhandlungspause: Kanther und Weyrauch Bild: dpa/dpaweb

Ausgerechnet Horst Weyrauch, der pflichtbewußte Treuhänder, hat gestern für die ersten knisternden Momente im Prozeß um die vor mehr als zwanzigJahren in die Schweiz verschobenen Millionen der hessischen CDU gesorgt.

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          Ausgerechnet Horst Weyrauch, der pflichtbewußte Treuhänder, hat gestern für die ersten knisternden Momente im Prozeß um die vor mehr als zwanzigJahren in die Schweiz verschobenen Millionen der hessischen CDU gesorgt. Der zuvorkommende Mann, dessen Mund stets ein mildes Lächeln umspielt, war - wie er sagte - darum bemüht, Erinnerung, Informationen aus Medien und Spekulation zu trennen, als er rekapitulieren sollte, wie und warum das Vermögen Ende 1983 der offiziellen Parteikasse entzogen und bis Ende der neunziger Jahre verdeckt wieder in die Budgets von Landespartei und einigen Kreisverbänden eingespeist wurde. Trotz aller Vorsicht barg seine Aussage einige Knalleffekte.

          Ein "Bukett von Gründen" sei es Ende 1983 gewesen, das seiner Einschätzung nach die Mitangeklagten, den damaligen Generalsekretär der hessische Union, Manfred Kanther, und den ehemaligen Schatzmeister Casimir Prinz Wittgenstein bewogen hatten, 20,8 Millionen Mark von ihm außer Landes schaffen zu lassen. Zwar habe das zum Beginn des Jahres 1984 in Kraft tretende Parteiengesetz, das in Konsequenz aus der Flick-Affäre deutlicher Rechenschaft über Herkunft und Verwendung der finanziellen Mitteln verlangte, eine Rolle gespielt. Aber auch die Abwehr von Begehrlichkeiten der damals notleidenden Bundespartei sowie die Furcht, der "Spendermarkt" für die hessische Union könnte zusammenbrechen, wenn potentielle Geldgeber von dem beträchtlichen Vermögen erführen, schwangen laut Weyrauch mit. Er selbst, der seit Ende der sechziger Jahre die hessische CDU beriet und ihre Bücher prüfte, sei dennoch an jenem 22.Dezember 1983 sehr überrascht gewesen, als er von den Millionen erfahren habe. Ob er nachgefragt habe, woher das Geld stamme? Er sei "klug genug" gewesen, dies nicht zu tun, lautete gestern seine Antwort. Bis Ende jenes Jahres hob Weyrauch das Kapital in mehreren Tranchen von dem Konto bei der Metallbank in Frankfurt ab und transferierte es auftragsgemäß in die Schweiz - dafür mußte er, wie er es gestern formulierte, nur tausend Meter Luftlinie zu einer Luxemburgischen Bank an der Kaiserstraße zurücklegen.

          Weyrauch, ein Experte auf dem schwierigen Feld der Parteienfinanzierung, hatte seinem Bekunden nach damals keine rechtlichen Bedenken, das Geld zu verschleiern. Seiner Einschätzung nach habe es sich um "Sondervermögen" gehandelt, noch nicht im "Herrschaftsbereich" der CDU und daher nicht rechenschaftspflichtig. Kammervorsitzender Rolf Vogel nannte das eine sehr gewagte These.

          Die politisch spannendste Frage, ob aus den Reihen der - fast komplett als Zeugen geladenen - Führungsriege der hessischen Union all die Jahre tatsächlich außer ihm nur seine beiden Mitangeklagten von dem Geld wußten, bejahte Weyrauch zwar wie bisher schon in den Vernehmungen bei der Staatsanwaltschaft: "Wir haben verabredet, das bleibt unter uns.". Allerdings zögerte der Zweiundsiebzigjährige mehrfach auffällig, als der Gerichtsvorsitzende oder die Staatsanwälte insistierten. Etwa bei der Frage, ob Kanther, der 1987, nachdem er hessischer Finanzminister geworden war, seine Vollmacht für das Schweizer Konto zurückgegeben hatte, seiner Einschätzung nach nichts von der Gründung der Stiftung "Zaunkönig" in Liechtenstein erfahren habe, über die von 1993 an die Millionen verwaltet wurden. Sein Ansprechpartner sei stets Prinz Wittgenstein gewesen, sagte der Finanzberater. Er sei davon ausgegangen, daß Kanther informiert worden sei, er wolle aber nicht spekulieren, manövrierte sich der wegen Beihilfe zur Untreue angeklagte Weyrauch aus der sich anbahnenden Zwickmühle. Kanther will erst Anfang 2000, als die Affäre publik wurde, von der Stiftung erfahren zu haben.

          Hellhörig hat gestern das Gericht und erst recht die SPD im Landtag eine andere, eher lapidar vorgetragene Bemerkung Weyrauchs gemacht: Nachdem auf einem Parteitag der hessischen CDU Anfang 1998 Roland Koch Kanther als Vorsitzenden ablöste und auch Wittgenstein sein Amt abgab, habe er eine Legitimation gebraucht, um weiterhin zusammen mit Wittgenstein das Geld verwalten zu können. Deswegen habe er beim damaligen Landesgeschäftsführer Siegbert Seitz nachgefragt. Der schon früher heftig diskutierte Dankesbrief Kochs an Wittgenstein für dessen Wirken, verbunden mit der Bitte, weiterhin seine Erfahrung und seine Kontakte für die Partei einzusetzen, erfüllte laut Weyrauch seinen Wunsch. Koch habe freilich den Brief unterschrieben, ohne seine eigentliche Bedeutung zu kennen, sagte Weyrauch.

          In der Sicht der SPD war dieser Brief von Weyrauch "bestellt", die Unterschrift Kochs habe in der Folgezeit die Schwarzgeldpraxis der hessischen CDU legitimiert. Die politische Verantwortung treffe Koch auch, wenn er tatsächlich nicht gewußt haben sollte, wozu der Brief dienen sollte, äußerte SPD-Landtagsfraktionschef Jürgen Walter. - Der Prozeß wird am 13. September fortgesetzt.

          HELMUT SCHWAN

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