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Catering-Firma in Corona-Krise : Überleben mit 15 Prozent des Umsatzes

Hoffen auf bessere Zeiten: Die Unternehmerfamilie Hans-Peter und Katrin sowie Sandra, Petra und Bernd Moos-Achenbach (von links) Bild: Finn Winkler

Achenbach Delikatessen stemmt sich mit Werksverkäufen und Märkten gegen den drohenden Konkurs. Obwohl das Familienunternehmen in dritte Generation mit Rückschlägen vertraut ist — die Corona-Krise bringt sie an ihre Grenzen.

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          Mit finanziellen Nackenschlägen sind die Achenbachs in ihrer 66 Jahre währenden Unternehmensgeschichte vertraut. Vogelgrippe, Schweinepest, Rinderwahn und der Terroranschlag in Amerika am 11. September 2001 waren tiefe Einschnitte für die renommierte Delikatessen-Manufaktur in Sulzbach. Als jedoch das Ehepaar Petra Moos-Achenbach und Bernd Moos-Achenbach nach einer Fachmesse in Dubai aus dem Flugzeug stieg und das in weiße Plastikanzüge gekleidete Flughafenpersonal in Italien sah, hatte die Geschäftsführerin eine böse Vorahnung: „Hier rollt etwas Großes auf uns zu“, warnte sie ihre Familie. Die erste Einschätzung der Familienseniorin bewahrheitete sich: Ihre Kinder Hans-Peter, Sandra und Katrin, allesamt Mitglieder der Geschäftsführung, kämpfen seit März um das Überleben des mittelständischen Betriebs in dritter Generation.

          Heike Lattka
          (lat.), Rhein-Main-Zeitung

          Die Bänder stünden seit fast zehn Monaten weitgehend still, was nicht vergleichbar sei mit den temporären Einbußen vergangener Krisen. Vom schlimmsten Geschäftsjahr seit dem Bestehen des Unternehmens spricht Petra Achenbach, und Tochter Katrin fügt hinzu: Den ganzen März über habe sie mit ihren Geschwistern nur Stornierungen entgegengenommen. Keine Messe mehr, die zu beliefern gewesen wäre, keine Anfragen von Catering-Unternehmen, außerdem reihenweise Absagen der internationalen Fluggesellschaften, die keine First-Class-Menüs mehr orderten. Dasselbe gelte für die hochpreisige Hotellerie und Gastronomie.

          „Uns sind alle diese Branchen als Kunden vom einen auf den anderen Tag weggebrochen“, sagt Katrin Achenbach. Auf 15 Prozent des üblichen Monatsumsatzes seien die Einnahmen geschrumpft. Die ersten 50.000 Euro Soforthilfe des Bundes hätten bei weitem nicht gereicht für einen Lebensmittelbetrieb, der besonderer hygienischer Fürsorge bedürfe, sobald man nur einen Knopf drücke. Die Fixkosten bezifferte Achenbach auf 150.000 bis 200.000 Euro. Ebenjene Summe lege man Monat für Monat drauf.

          Gegen das Ende des Familienbetriebs stemmen

          Es sei schwer, hilflos mitanzusehen, wie das, was die Familie in 66 Jahren harter Arbeit für sich und ihre Belegschaft erworben habe, mit jedem Monat, den die Pandemie andauere, zwischen den Fingern zerrinne, sagt Bernd Moos-Achenbach, der in Frankfurt ein bekannter Radsportmäzen ist. Der Pandemie zum Opfer fiel auch der deutschlandweit bekannte Achenbach-Preis, mit dem der beste Nachwuchskoch gekürt werden sollte. Die junge Generation aber will sich mit aller Kraft gegen das Ende des Familienbetriebs stemmen. „Wir Geschwister reden uns die Köpfe heiß, überlegen, wie es weitergehen kann“, berichtet Katrin Achenbach. Sofort hätten die Mitarbeiter Überstunden abfeiern und Urlaube nehmen müssen, dann aber waren Katrin Achenbach zufolge Einschnitte nötig: Von den 85 Mitarbeitern wurden jene mit befristeten Arbeitsverträgen entlassen. Die restlichen 62 Beschäftigten der Belegschaft gingen in Kurzarbeit.

          Um die Frischwaren noch an die Kundschaft zu bringen, funktionierten die Achenbachs Messestände zu Marktständen um und boten den Kunden im Direktverkauf feine Soßen, Suppen, Terrinen und Salatdressings an. Was nicht verkauft wurde, wanderte als Spende an die Tafeln in Schwalbach und Hattersheim. „Bei uns werden aus Prinzip keine guten Lebensmittel weggeworfen“, sagen die Achenbachs.

          Um den Betrieb wenigstens etwas am Laufen zu halten, gibt es erstmals einen Werksverkauf an Privatkunden. Statt auf Messen bieten Achenbachs in „X-Mas-Menüboxen“ Festtagsspeisen auf Gourmetniveau. In weniger als 60 Minuten lasse sich ein festliches Essen für vier Personen zubereiten. Ob Kürbis-Gnocchi oder Ente, Zutaten und Anleitung sowie Anregungen für jene, die noch einen drauflegen wollen, finden sich in der Box. Für das Silvestermenü sicherten sich Achenbachs sogar die Mitarbeit eines ehemaligen Drei-Sterne-Kochs. Für den nächsten Werksverkauf an der Hauptstraße in Sulzbach an diesem Freitag rechnet die Familie mit großem Zulauf. Das Angebot habe sich herumgesprochen. Zwar seien die Einnahmen eher „ein Tropfen auf den heißen Stein“, aber die Mitarbeiter freuten sich, wieder arbeiten zu können.

          Angesichts der Krise erwägen die Achenbachs, mit einer eigenen Marke in den Lebensmittel-Gourmetversand einzusteigen. Dies könne das Unternehmen absichern helfen. Erste Konzepte seien in Arbeit, sagt Katrin Achenbach. Es gelte, den Betrieb durch die Krise zu bringen, spätestens in einem halben Jahr müsse das Geschäft wieder richtig anspringen. Zumal für die personelle Zukunft schon gesorgt sei: „Unser nächstes Enkelkind ist gerade unterwegs, das ist trotz aller Sorgen das Allerwichtigste“, sagt Petra Achenbach.

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