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Carsten Wilke, Forstvereins-Präsident : „Unser Wald ist ein schlafender Riese“

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„Die größte Solaranlage im Land ist der deutsche Wald”, meint Carsten Wilke, räsident des Deutschen Forstvereins Bild: Cornelia Sick

Im „Jahr der Wälder“ hat die Debatte über die Energiewende an Fahrt gewonnen. „Wir sind aber nicht der Ansicht, dass Holz direkt aus dem Wald verfeuert werden sollte“, so Carsten Wilke vom Forstverein.

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          2011 ist das „Internationale Jahr der Wälder“. Welche Hoffnungen verbindet der Deutsche Forstverein damit?

          Wir erwarten, dass der Stellenwert des Waldes in der nationalen und internationalen Politik danach einen anderer ist als bisher. Wir erwarten, dass die Beiträge der Forst- und Holzwirtschaft zu Themen wie Klimawandel, Energiewende und Daseinsvorsorge angemessen berücksichtigt werden. Da sehen wir einen großen Nachholbedarf. Die Politik hat sich vom ländlichen Raum zu sehr entfernt.

          Im Internationalen Jahr der Wälder richtet sich der Blick auch auf den Forst im besonders waldreichen Hessen. Ist er ein kränkelnder Patient oder vital und multifunktional?

          Eindeutig vital und multifunktional. Der Wald kann als ein Musterbeispiel dafür gelten, wie vielfältige Wünsche und Herausforderungen der Gesellschaft erfüllt werden können, beispielsweise im Hinblick auf den Klima-, Wasser- und Artenschutz. Ganz klar also kein kränkelnder Patient, sondern ein schlafender Riese.

          Es ist also richtig, dass heute von Waldsterben nicht mehr die Rede ist und dass die Waldzustandsberichte die früheren Waldschadensberichte abgelöst haben?

          Das ist richtig. Es ist aber erforderlich und notwendig, diese Berichte zur Situation des Waldes laufend fortzuführen.

          Verbände wie Greenpeace regen an, neue Nationalparks auszuweisen und dort die Forstwirtschaft ruhenzulassen. Braucht auch der hessische Wald mehr Schutz?

          Diese Forderung entspringt einem merkwürdigen Reflex vieler Interessengruppen, nicht nur von Greenpeace, die sehr einseitige, sektorale Interessen an den Wald stellen. Ähnlich verhalten sich auch Jäger oder Touristiker. Viele Gruppen blicken nur aus ihrem Blickwinkel auf den Wald und stellen dann ihre Forderungen. Hier liegt der Kern unseres Anliegens als Forstverein, denn die Forstleute haben die Kompetenz und es auch über viele Generationen bewiesen, dass sie alle Aspekte des Waldes zu einem möglichst großen Nutzen für unsere Gesellschaft zusammenführen können. Ein totaler Schutz ist dabei ein Element, aber nicht mit der Ausschließlichkeit von Greenpeace.

          Ein anderer Naturschutzverband, der Nabu, fordert Sie auf, endlich „wissenschaftliche Tatsachen“ zu akzeptieren und einen ideologischen Holzweg zu verlassen. Die Stilllegung eines hohen Flächenanteils von fünf bis zehn Prozent der Waldfläche sei notwendig, um den Erhalt der biologischen Vielfalt für zukünftige Generationen zu sichern. Was ist daran falsch?

          Eine solche willkürlich gegriffene Prozentzahl ist durch nichts zu belegen. Wir sind in der Lage und willens, auf die Frage nach der Artenausstattung der Wälder - die im Kern ihre Berechtigung hat - eine Antwort zu geben. Wir müssen genau hinsehen, wie viel Mehr an Nutzen für den Naturschutz bringt ein Mehr an Flächenstilllegung? Da ist ein größerer intellektueller Ansatz erforderlich als eine pauschale Forderung nach Prozenten.

          Hessen beispielsweise braucht also nicht eine zweite, dritte oder vierte Variante des Nationalparks Kellerwald?

          Nein. Wir müssen aber genau betrachten, ob es Defizite gibt, die durch weitere Flächenstilllegungen ausgeglichen werden können und müssen. Falls ja, ist der Forstverein zum konstruktiven Dialog bereit. Das Ergebnis darf aber nicht schon am Anfang dieses Dialogs stehen. Das wäre verkehrt und gerade im Hinblick auf die Energiewende und die Nutzung des regionalen Rohstoffes Holz falsch.

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