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Bundeswehr : Biomasse statt Flugabwehrraketen

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

In Hessen muß jede dritte Bundeswehr-Kaserne schließen. Nach dem ersten Schock werden inzwischen vielerorts Pläne für die freiwerdenden Gelände geschmiedet.

          Als der damalige Bundesverteidigungsminister Peter Struck (SPD) Ende 2004 die Schließung jeder dritten Kaserne in Hessen ankündigte, waren die Bürgermeister der betroffenen Städte und Gemeinden schockiert. Ministerpräsident Roland Koch (CDU) sprach von einem „herben Schlag“ und forderte Strukturhilfen des Bundes. Doch statt weiter über den unabänderlichen Fortfall von Kaufkraft und Arbeitsplätzen zu klagen, werden inzwischen vielerorts Pläne für eine künftige Nutzung der freiwerdenden Armeegelände geschmiedet.

          Ralf Euler

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung, verantwortlich für den Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Etwa im nordhessischen Arolsen: Die Flugabwehreinheiten der Bundeswehr sind dort schon seit mehr als einem Jahr abgezogen. Das 100 Hektar große Areal, das die „Bio Energie Park Nordwaldeck GmbH“, eine Tochtergesellschaft der Bad Arolser Kommunalbetriebe, übernommen hat, soll zu einem Gewerbepark für Unternehmen umgewandelt werden, die sich mit nachwachsenden Rohstoffen beschäftigen. Für 2007 ist der Baubeginn eines Biomassewerks geplant, 15 Mieter haben sich schon jetzt Gebäudeteile oder Hallen auf dem Gelände gesichert.

          Aufbruch statt Depression

          Bad Arolsens Bürgermeister Gerhard Schaller gewinnt dem Abzug der Bundeswehr mittlerweile sogar positive Aspekte ab. Die anfängliche Depression sei einer Aufbruchstimmung gewichen, der geplante Bioenergie-Gewerbepark sei ein Zukunftsmodell, das auch in anderen Regionen Schule machen werde, prophezeit der parteilose Politiker. Der Bund habe beim Verkauf des Bundeswehrareals nicht übertrieben gepokert, die eine Million Euro, die das städtische Tochterunternehmen für die 100 Hektar gezahlt habe, seien ein fairer Preis gewesen. Dennoch bleibe die Umwandlung eines derart großen Areals vor den Toren der Stadt eine enorme Herausforderung.

          Auch an anderen zur Räumung vorgesehenen Standorten - wie in Sontra oder Hessisch Lichtenau - hofft man auf eine Weiternutzung der Kasernenflächen durch Gewerbebetriebe. Ob das gelingt, hängt nach Ansicht des Bürgermeisters von Hessisch Lichtenau, Jürgen Herwig (SPD), allerdings nicht zuletzt vom Weiterbau der Autobahn 44 von Kassel nach Thüringen ab: Wenn die Schnellstraße endlich fertiggestellt sei, werde die Region als Standort für Speditionen und andere Unternehmen deutlich attraktiver.

          Während die Bundeswehr in Arolsen bereits Vergangenheit ist, befinden sich andere hessische Kasernen noch „in Abwicklung“. Bis zum Jahr 2010 aber sollen elf der ehemals 32 Standorte und kleineren Bundeswehr-Vertretungen im Land geschlossen sein, darunter sechs von 13 großen Kasernen. Die Zahl der Dienstposten (Soldaten und Zivilbedienstete) sinkt von rund 15.000 auf weniger als 9000, gut 3700 Hektar Freifläche und knapp 570.000 Quadratmeter Gebäudefläche werden insgesamt freigegeben. Einen stärkeren prozentualen Rückgang an Bundeswehrstellen muß nur Sachsen verkraften, denn Hessen hat das Pech, daß im Land vergleichsweise viele Panzertruppen stationiert sind, die nach dem Ende des Kalten Krieges nicht mehr gebraucht werden.

          Verlust von Arbeitsplätzen

          Besonders hart getroffen von der Umstrukturierung ist Nordhessen mit dem Aus für die großen Kasernen in Fuldatal (bisher 1390 Soldaten und Zivilbeschäftigte), Hessisch Lichtenau (790 Stellen), Schwalmstadt (980), Sontra (780), Wolfhagen (540) und Neustadt (550). Aufgelöst werden außerdem die hessischen Standorte Erbach, Lorch, Fulda und Gießen.

          Zwei Kasernen in Nordhessen werden in den nächsten Jahren hingegen sogar aufgewertet: Am Heeresfliegerstandort Fritzlar, der mit gut 2000 Dienstposten größten Bundeswehreinrichtung des Landes, sollen mit Blick auf eine neue Generation von Kampfhubschraubern 200 Millionen Euro investiert werden. Und auch Rotenburg an der Fulda profitiert von der Reform: Die Zahl der Soldaten steigt dort von 870 auf 1000. Personell aufgestockt wird zudem das mittelhessische Stadtallendorf mit einer annähernden Verdoppelung der bisherigen 780 Dienstposten. Das Verteidigungsministerium verlagert die Spitze der Division für „Spezielle Operationen“ mit 700 Soldaten aus Regensburg nach Stadtallendorf.

          Der Arbeitskreis Konversion beim Regierungspräsidium Kassel, der unmittelbar nach Bekanntgabe des Truppenabzugs ins Leben gerufen worden war, berichtet von einem Verlust von 6400 Arbeitsplätzen an den Bundeswehrstandorten in Nordhessen, hinzu kämen weitere 1000 Arbeitsplätze durch Kaufkraftverlust und rückläufige Nachfrage nach Dienstleistungen. Lokale Handwerksbetriebe erhielten keine Aufträge mehr, Bäcker und Lebensmittelhändler, die die Bundeswehrkantinen beliefert hätten, müßten Umsatzeinbrüche verkraften. Vielerorts besteht zudem kaum Aussicht, überregional Interesse an einer Gewerbeansiedlung zu wecken, so daß mitunter allenfalls eine Renaturierung der Flächen oder die Nutzung als Freizeitgelände in Betracht kommen.

          Ein Lichtblick

          Befürchtungen, unter der Reduzierung der Streitkräfte werde in Hessen auch der Katastrophenschutz leiden, werden im Innenministerium in Wiesbaden zurückgewiesen. Die Bundeswehr leiste in Katastrophenfällen auch künftig Hilfe, sagt Ministeriumssprecher Thorsten Neels. Zudem sei der Katastrophenschutz in Hessen so organisiert, daß man zumindest bei der Erstalarmierung nicht auf das Großgerät der Armee angewiesen sei.

          Ein weiterer Lichtblick: Nach den angekündigten Einschnitten versprach Verteidigungsminister Struck bei einem Truppenbesuch in Fritzlar, daß Nordhessen von weiteren Standortschließungen verschont bleibe. Es werde keine nächste Runde von Kasernenschließungen geben, es sei denn, die Wehrpflicht werde abgeschafft. Diese Zusage gilt auch unter seinem Nachfolger Franz Josef Jung (CDU).

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