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: Bundesbank ist in Mainz Fälscherbanden auf der Spur

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Auf den ersten Blick stimmt alles: Der Stich zeigt ein Bauelement im Stil der Renaissance, die Farbe changiert in Orangetönen, und ein kleines Feld glitzert silbern. Die Fälschung fällt erst auf, wenn ...

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          Auf den ersten Blick stimmt alles: Der Stich zeigt ein Bauelement im Stil der Renaissance, die Farbe changiert in Orangetönen, und ein kleines Feld glitzert silbern. Die Fälschung fällt erst auf, wenn man den Fünfzig-Euro-Schein in die Hand nimmt: Das Papier fühlt sich glatt, irgendwie labberig an, und die Schrift läßt sich nicht ertasten. Bei genauerem Hinsehen offenbaren sich Details der Fälschung: Das Wasserzeichen ist bloß aufgedruckt, und statt eines Hologramms klebt auf dem Papier ein sorgsam ausgeschnittenes Stück Alufolie. Zehntausende solcher Fälschungen gehen Jahr für Jahr bei der Falschgeldstelle der Deutschen Bundesbank in Mainz ein. Absender sind Banken oder Werttransportunternehmen, die an der Echtheit des Geldes zweifeln, oder die Polizei, die die nachgemachten Scheine oder Münzen sichergestellt hat. Zu einem Großteil fallen die Imitationen aber erst in den Filialen der Bundesbank auf, die dafür sorgt, daß Fälschungen nicht zurück in den Zahlungsverkehr gelangen. Die Sachverständigen in Mainz untersuchen zunächst, ob die Scheine wirklich nachgemacht sind. "Aber das ist das kleinste Problem", sagt Rainer Elm, Leiter des Analysezentrums. Für Fachleute seien alle Fälschungen auf Anhieb zu erkennen.

          Erst danach beginnt die eigentliche Arbeit im Analysezentrum. Die Mitarbeiter untersuchen, mit welchen Gerätschaften und Verfahren das Falschgeld hergestellt worden ist. Überdies werden die Scheine mit registrierten Fälschungen verglichen. Wenn die Merkmale übereinstimmen, können die Gutachter davon ausgehen, daß die Noten aus derselben Werkstatt stammen. Das Ergebnis der Prüfung liefert Hinweise für die polizeiliche Ermittlung.

          "Oft sind wir auch dabei, wenn die Polizei eine Druckerwerkstatt aushebt", sagt Elm. Selbst wenn Maschinen und Werkzeug bereits fortgeschafft sind - den Mainzer Fachleuten genügen kleinste Farbpartikel, um die Herstellung von Falschgeld nachzuweisen. Ein weiteres Aufgabenfeld ist es nach Elms Worten, Sachverständige für Gerichtsverfahren zur Verfügung zu stellen. Meist seien die Angeklagten beim Versuch, eine gefälschte Banknote in Umlauf zu bringen, erwischt worden. Vor Gericht behaupteten sie dann, nur diesen einen Schein hergestellt zu haben. Die Gutachter der Falschgeldstelle könnten gegebenenfalls jedoch zeigen, daß eine Reihe weiterer Fälschungen denselben Ursprung aufwiesen.

          Geradezu legendär sind die 300-Euro-Scheine, die in den vergangenen Jahren immer wieder aufgetaucht sind. Die "Dreihunderter" waren übers Internet zu bestellen und als "Scherzgeld" deklariert. Das hinderte den einen oder anderen freilich nicht daran, sie in Umlauf zu bringen. Viele Empfänger ließen sich vom ungewöhnlichen Euro-Betrag nicht irritieren - und übersahen außerdem, daß der Schein mit nackten Damen bedruckt war.

          Fachleute sprechen bei solchen Phantasienoten nicht von Fälschungen. Offenkundig abgeänderte Scheine - und nur diese - werden als "Blüten" bezeichnet. Die Unterscheidung hat auch eine juristische Dimension: Während die Fertigung einer Blüte als Ordnungswidrigkeit gilt, handelt es sich beim Herstellen einer Fälschung um eine Straftat. Daraus versuchen einige Fälscher einen Vorteil zu ziehen, indem sie ihre Noten leicht abändern, um im nachhinein behaupten zu können, es seien keine Fälschungen gewesen.

          So offensichtlich wie beim 300-Euro-Schein ist der Schwindel nicht immer. Aber selbst gut gemachte Imitationen seien zu erkennen, sagt Elm. Früher habe er geraten, auf den Gesamteindruck des Scheins zu achten: "Wenn Clara Schumann eine krumme Nase hatte, war was faul." Heute, wo mit Kopierern oder Scannern gearbeitet werde, orientiere man sich besser an den Einzelheiten, den sogenannten Sicherheitsmerkmalen. Etwas Aufmerksamkeit sei freilich gefordert - "aber beim Joghurtkauf gucken wir schließlich auch, ob das Verfallsdatum schon überschritten ist". Wichtig sei es, den fragwürdigen Schein genau zu betrachten, abzutasten und mit einem echten Exemplar zu vergleichen. Der Einsatz technischen Geräts sei meist überflüssig. Die in Geschäften weitverbreitete Prüfung mit UV-Licht habe sogar dazu geführt, daß sich einige Fälscher auf die Nachahmung dieses Merkmals spezialisiert hätten.

          Generell werden die Imitationen professioneller, hat Elm beobachtet: "Den Gelegenheitsfälscher gibt es kaum noch." Das liege einerseits an den Sicherheitsmerkmalen, die nur aufwendig nachzuahmen seien. Andererseits sei es im Zeitalter von EC- und Kreditkarte schwierig, große Mengen Bargeld unbemerkt unter die Leute zu bringen. Deshalb werde das Geschäft von international agierenden Banden dominiert. Produziert werde meist in Ost- und Südosteuropa, wo die Hersteller dem direkten Zugriff der deutschen Polizei entzogen seien. Ihnen komme zugute, daß sich der Markt für Fälschungen mit der Euro-Einführung erheblich vergrößert habe.

          Trotzdem hält sich der angerichtete Schaden in Grenzen. Denn unechte Noten gibt es weit seltener als landläufig angenommen. Gemäß der jetzt veröffentlichten Bundesbank-Statistik ist die Zahl der registrierten falschen Euro-Noten im vergangenen Jahr um rund neun Prozent auf 74000 zurückgegangen. Auf rund 1100 Bundesbürger kommt somit eine Fälschung. "Im Privatleben ist mir noch nie eine untergekommen", sagt Elm. Trotzdem müsse das Problem ernst genommen werden. Fälschungen führten zu einem Verlust des Vertrauens in die Währung. Und wenn dieses Vertrauen fehle, dann leide die ganze Wirtschaft darunter. MATTHIAS TRAUTSCH

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