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„Buildering“ in Mainz : Fingerspitzengefühl für Sandstein

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Geräteturnen lässt grüßen: Magnesia an den Händen gibt den „Builderern” einen besseren Griff als die nackte Haut Bild: Cornelia Sick

Die Möglichkeiten, die eine Stadt bietet, seinen Körper zu erproben, kreieren ständig neue Disziplinen. „Builderer“ klettern an Brücken, Türmen und Fassaden. Und freuen sich über „Probleme“.

          Im Bus Linie 65 drehen sich die Köpfe zur Fensterseite. Von außen sieht man Gesichter mit weit geöffneten Augen, Mitfahrer stoßen ihre Nachbarn an, zeigen aufgeregt nach draußen. Dann ist das Fahrzeug vorbei, brummt im dichten Verkehr davon. Tim Jacobs hat von der Aufmerksamkeit nichts mitbekommen. Mit dem Rücken zur Straße hängt er in drei Metern Höhe an einer senkrechten Mauer an der Mainzer Weißliliengasse - wie mit Saugnäpfen befestigt. Bedächtig bewegt er sich Schritt für Schritt nach oben. Dann schnappt er mit der rechten Hand nach der abschließenden Steinkante. Ein kräftiger Armzug: geschafft!

          Klettern mitten in der Stadt: Für Jacobs ist das nichts Außergewöhnliches mehr. Fußgänger, Radler und Busfahrgäste staunen aber noch, wenn er Mauern, Türme und Brücken hochsteigt. „Buildering“ nennen die meist jungen Stadtkletterer ihre Sportart. Der Begriff ist eine Mischung aus „Bouldering“, wie man das ungesicherte Klettern in geringen Höhen nennt, und „Building“, dem englischen Wort für Gebäude.

          Tim Jacobs ist mit seiner Kletterpartnerin Sandra an die langgezogene Mauer gekommen. Ihre Sporttaschen haben sie unter einem Baum abgestellt, beide tragen spezielle Kletterschuhe und einen Gürtel, an dem ein Beutel mit Magnesium befestigt ist. Das weiße Pulver reibt man sich in die Hände, um an der Wand nicht abzurutschen. Es ist früher Abend, die Straßenlaternen leuchten in der Dämmerung. Gemurmel und das Klirren von Gläsern dringt von einer Kneipe nebenan herüber.

          Tim Jacobs passt auf, dass seine Partnerin Sandra Palm nicht zu Boden fällt

          Eigene Internetseite zum „Buildering“

          „Ein Tag Buildering ist für mich wie ein Kurzurlaub“, sagt Jacobs, als er wieder auf dem Gehweg angekommen ist. Wenn es warm ist und die Sonne scheint, geht der 25 Jahre alte Mainzer, der gerade in Biologie promoviert, mit Freunden an den Rhein. An der Kaiserbrücke gibt es gute Möglichkeiten zum Klettern. Jacobs nimmt etwas zu essen und zu trinken mit und genießt den Tag am Fluss.

          Auch an anderen Stellen in der Region gibt es interessante Gebäude zu besteigen. Im vergangenen Jahr hat Jacobs einen Buildering-Führer für Mainz und Wiesbaden veröffentlicht und darin seine 14 Lieblingsziele beschrieben - darunter eine Schwimmhalle, zwei Schulen, ein Turm, ein Irish Pub. Das sei der erste Führer dieser Art in Deutschland, sagt er.

          Auf der Internetseite www.buildering-spots.de, die er mit betreibt, können Sportler aus ganz Deutschland Klettermöglichkeiten mit Stadtplänen hinzufügen. Auch am Frankfurter Mainkai ist ein „Spot“ verzeichnet. Aber viele sind noch nicht eingetragen. Die Sportart ist noch jung.

          Als Vorreiter gilt der Franzose Alain Robert. Mit spektakulären Aktionen machte der 47 Jahre alte Extremsportler in den vergangenen 25 Jahren immer wieder auf sich aufmerksam. Unter anderem bestieg er den Eiffelturm, das Empire State Building - völlig ungesichert und nur mit der Kraft seiner Arme und Beine. Wenn er oben ankam, wurde Robert allerdings meist von der Polizei in Gewahrsam genommen. Denn an vielen Orten ist das Klettern an Gebäuden nicht erlaubt. An Privatgebäuden muss der Eigentümer zustimmen, an öffentlichen Gebäuden ist das Buildering zwar nicht verboten, aber Passanten und Verkehr dürfen nicht gestört werden.

          „Das Spannende ist, dass man ständig neue Probleme hat“

          Im vergangenen Jahr kletterte Robert in Frankfurt - mit Genehmigung - auf das 166 Meter hohe Gebäude der Dresdner Bank und einige Wochen später auf das zwölf Meter niedrigere Skyper-Hochhaus. Dort entrollte er ein Transparent, mit dem er auf den Klimawandel aufmerksam machte.

          Tim Jacobs besteigt keine Wolkenkratzer. Buildering ist für ihn einfach die Möglichkeit, sein Hobby Klettern auch in der Stadt auszuüben. Zwar fahre er in seinen Ferien auch gerne in die Berge, sagt er. Aber zum Klettern am Fels gebe es in der Region kaum Möglichkeiten. Dazu müsse man sich lange ins Auto oder in den Zug setzen. Und die Kletterhalle sei teuer, zu voll und auf die Dauer langweilig.

          „Das Spannende am Buildering ist, dass man ständig neue Probleme hat“, sagt Sandra. Unter „Problemen“ verstehen die Kletterer neue Routen und Bedingungen. Mal müsse man mit Sandstein zurechtkommen, mal mit Granit, mal mit beidem. „Das hat man in keinem Gebirge.“

          Sandra ist an der Reihe, die Wand zu besteigen. Die beiden sind die Straße etwas abwärts gegangen, wo die Mauer deutlich höher ist - sechs bis sieben Meter muss die 28 Jahre alte Betriebswirtin nach oben klettern. Allerdings haben die beiden von oben ein Seil herabgelassen, an dem sie sich sichern kann. Fahrradfahrer rollen vorbei, während sie sich einhakt. „Da drüben ist übrigens auch eine Treppe“, sagt ein Mann, der Arm in Arm mit einer Frau vorbeiläuft. Dann geht Sandra an die Wand.

          „Komm, weiter, ich hab dich!“

          Buildering ist nicht der einzige Sport, den junge Leute sich für die Städte ausgedacht haben. Auch über „Parkour“ oder „Crossgolf“ wurde in der Vergangenheit oft gesprochen. Das eine bezeichnet die Überwindung von städtischen Gebäuden und anderen Hindernissen auf dem schnellsten Weg, unter dem anderen versteht man das Golfen auf alten Industrieflächen oder auf Großbaustellen. Wissenschaftler haben sich schon mit den neuen Sportarten beschäftigt. Einige halten die „urban sports“ für eine ironische Bewegung, die aus tristen städtischen Umgebungen wieder einen attraktiven Lebensraum machen solle. Andere sehen darin ein Aufbegehren gegen die Enge der Großstädte.

          Tim Jacobs sieht die Sache weniger theoretisch: Buildering könne man halt ohne großen Aufwand betreiben. „Man geht ein bisschen klettern, danach noch ein Bier trinken und hatte einen schönen Tag.“

          Sandra ist inzwischen beinahe oben an der Mauer angekommen. Sie tastet die Wand ab, setzt behutsam die Fußspitzen in die Fugen zwischen zwei Steinen. Tim Jacobs steht unten und hält das Seil fest. „Schön! Gut!“, ruft er. „Komm, weiter, ich hab dich!“ Sandra hält kurz inne, schnauft durch. Dann macht sie noch einige kraftvolle Schritte, greift nach dem Steingeländer über der Mauer und packt zu: Problem gelöst!

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