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Brauerei-Grundstück : Wohnen statt Brauen

  • -Aktualisiert am

Soll weichen: die Pfungstädter Brauerei in der Innenstadt der Kommune Bild: Marcus Kaufhold

In Pfungstadt will ein Immobilienentwickler Wohnungen für 1000 Menschen schaffen. Die Gespräche mit der Brauerei um deren Fortbestand seien für ihn vorbei. Doch gegen die Baupläne regt sich Widerstand.

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          In einer Bürgerversammlung sind die Pfungstädter am Montagabend erstmals offiziell über die geplante Wohnbebauung auf dem Gelände der Pfungstädter Brauerei informiert worden. Der Braubetrieb spielt für den Investor Conceptaplan dort, ungeachtet der rund 4600 Unterschriften für ein Bürgerbegehren, keine Rolle mehr. Eine von der Bürgerinitiative vorgeschlagene Mediation mit dem Ziel einer einvernehmlichen Lösung zwischen dem Brauereibesitzer auf der einen und Conceptaplan auf der anderen Seite wird sowohl von Conceptaplan-Geschäftsführer als auch von der Politik abgelehnt.

          Die Stimmung in der Stadthalle war geteilt. Im vorderen Drittel saßen die Vertreter der Parteien und die Befürworter der Wohnbebauung, dahinter, in deutlicher Überzahl, die Mitglieder der Bürgerinitiative. Der Ton blieb an diesem Abend verbindlich, auf Fragen der Anwesenden gab es allerdings nicht immer klare Antworten.

          Wohnquartier für mehr als 1000 Menschen

          Ein Planer des Bauherren sprach von Visionen und den besonderen Chancen, auf diesem Gelände inmitten der Stadt ein Wohnquartier für deutlich mehr als 1000 Menschen zu entwickeln. Das bisher versiegelte Areal mit mehr als 70.000 Quadratmeter Fläche werde entsiegelt, viel Grün sei geplant, Autos würden unterirdisch in Parkgaragen abgestellt, das Quartier weitgehend autofrei.

          Alle Generationen sollten dort wohnen, Gastronomie sei ebenso geplant wie ein Ärztezentrum und eine Senioreneinrichtung. Das Quartier werde CO2-neutral und nach neuesten Umweltgesichtspunkten gebaut. Conceptaplan-Geschäftsführer Thomas Grimann sprach von fünf Prozent Einwohnerzuwachs für Pfungstadt und ist sich sicher: „Das Quartier hat eine Strahlkraft über Pfungstadt hinaus.“

          Conceptaplan verspricht für 20 Prozent der Wohnungen „reduzierte Mieten“

          Mehrere Anwohner äußerten ihre Bedenken vor allem wegen des Fahrzeugverkehrs. Bei bis zu 550 Wohneinheiten sei mit einem erheblichen Verkehrsaufkommen zu rechnen. Auch die heute schon angespannte Parksituation bereitet Sorgen. Da Conceptaplan pro Wohneinheit wohl maximal einen Stellplatz plant – Details müssten mit der Stadt noch besprochen werden – befürchten die Anwohner eine zugeparkte Seitenstraße, vor allem durch Besucher der Gastronomie, des Ärztezentrums oder der Bewohner des Quartiers. Bürgermeister Patrick Koch (SPD) versprach ein Verkehrsgutachten, das auf einen großen Teil der Innenstadt ausgeweitet werden solle, um die Situation dort besser in den Griff zu bekommen.

          „Wir brauchen Baurecht und müssen warten, bis der Bebauungsplan in Kraft tritt“, sagte Grimann auf die Frage, wann es „mit dem Lichtblick für Pfungstadt“, wie es ein Redner formulierte, losgehen könne. Im günstigsten Fall gäbe es Mitte 2023 Baurecht, 2024 könne mit den Bauarbeiten begonnen werden, bis 2026 die ersten Käufer oder Mieter einziehen.

          Conceptaplan verspricht für 20 Prozent der Wohnungen „reduzierte Mieten“, konnte aber nicht sagen, wie hoch die sein würden. Auch zu den Quadratmeterpreisen für zu erwerbendes Wohneigentum gäbe es wegen der ständig steigenden Baukosten derzeit noch keine Prognosen.

          Ahlheims Vorschlag kam nicht gut an

          Dass die Investoren überhaupt nicht daran denken, auf ein etwa 400 Meter entfernt gelegenes Areal auszuweichen, das als Baugebiet „Grüner Weg“ sogar noch größer als das Brauereigelände wird, machte Grimann in der Diskussion deutlich. Der Bürgermeister habe das schon im vergangenen Jahr vorgeschlagen. „Wir wollen lieber im Bestand bauen, als Freiland zu versiegeln“, sagte er.

          Reinhard Ahlheim, einer der Sprecher der Bürgerinitiative zum Erhalt der Brauerei, appellierte an alle Seiten, sich einem Mediationsverfahren zu stellen, um die verfahrene Situation und die Spaltung der Bevölkerung zu beheben. Käme es zu einer für alle Seiten tragbaren Einigung, hätte sich das Bürgerbegehren erledigt. Auch der Bürgermeister sagte, er habe lieber ein Szenario sowohl Wohnen als auch die Brauerei als entweder Wohnen oder die Brauerei. „Ich konnte mir nie vorstellen, dass es für die Brauerei keine Lösung gibt.“

          Doch Ahlheims Vorschlag kam nicht gut an. Die Bauausschussvorsitzende Katrin Seeger (SPD) stellte mit Blick auf den einstimmigen Bauausschussbeschluss zugunsten des Wohngebietes klar: „Wir sollten uns an den Fakten orientieren. Und die sind klar.“ Grimann sagte, er sei immer für Gespräche offen gewesen. Der Brauereibesitzer habe vor zwei Jahren erklärt, er weiche auf einen neuen Brauereistandort aus und wisse, dass sein Mietvertrag auf dem Grundstück Ende 2023 ende. Einem Kompromiss habe sich der Brauer verweigert und stattdessen plötzlich erklärt, er wolle auf dem bisherigen Gelände bleiben. „Wir werden uns jetzt auf das Wohnquartier konzentrieren.“

          Bürgerinitiative hofft bei einem Erfolg auf Verlängerung des Mietvertrags

          Selbst wenn ein Bürgerentscheid Erfolg haben sollte und die Wohnbebauung auf dem Brauereiareal abgelehnt würde, wäre das nicht die Rettung für die Brauerei. Hier gilt der privatrechtlich geschlossene Mietvertrag, der es Conceptaplan erlaubt, mit dem Ende des Mietvertrags die Brauereigebäude abzureißen, auch wenn das Wohnen auf dem Gelände zunächst nicht möglich sein sollte.

          Die Bürgerinitiative hofft bei einem Erfolg zunächst auf eine Verlängerung des Mietvertrags für die Brauerei. Gäbe es kein Baurecht, könne der Geländeverkauf womöglich rückabgewickelt werden. Ahlheim hat es in einem Rundschreiben als „Skandal“ bezeichnet, dass der überwiegende Teil der Politik nicht bereit sei, mit der Bürgerinitiative zu reden. Für ihn ist die Brauerei ein unwiederbringlicher Markenbotschafter für die Stadt, der regional und nachhaltig produziere und in der Vergangenheit Sport und Kultur in der Stadt in nicht unerheblichem Maß gefördert habe.

          Die Bevölkerung hat jetzt noch bis Ende Oktober Zeit, Einwendungen und Bedenken gegen das Bauprojekt geltend zu machen. Danach muss sich der Bauausschuss mit jeder einzelnen Einwendung befassen und darüber abstimmen.

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