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Bürgermeisterwahl in Eschborn : Kein Wort über Geigers Geheimnisverrat

Kurz vor der Bürgermeisterwahl: Bei den Wählern kommt weiterhin der amtierende Bürgermeister Matthias Geiger besonders gut an. Bild: dpa

Am amtierenden Eschborner Bürgermeister gibt es einiges zu kritisieren. Weil das Publikum auf einer Veranstaltung mit den drei Kandidaten für die Bürgermeisterwahl von dieser Kritik aber nichts hören will, werden persönliche Angriffe lieber vermieden.

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          In der gesamten Region ist Eschborn als florierender Wirtschaftsstandort mit Rücklagen in Höhe von 220 Millionen Euro bekannt. Viele erinnern sich aber auch an die sogenannte CD-Affäre des amtierenden Bürgermeisters Mathias Geiger. Der FDP-Politiker war in seiner Zeit als Erster Stadtrat in den Abendstunden mit der Kamera durch Rathausbüros gestreift und hatte vom Steuerbescheid bis zur Krankmeldung alles abgelichtet, was er in die Hände bekam und was möglicherweise dazu geeignet war, den damaligen Bürgermeister Wilhelm Speckhardt (CDU) zu diffamieren. Solch ein Verhalten hätte in wohl jeder anderen Stadt einen Rücktritt erfordert. Nicht aber in Eschborn. Geiger ging sogar gegen die an sich glimpfliche Verurteilung zu einer Geldstrafe wegen Geheimnisverrats in Revision. Im übrigen beließ er es bei einer Entschuldigung bei den Bürgern.

          Heike Lattka

          Korrespondentin der Rhein-Main-Zeitung für den Main-Taunus-Kreis.

          In Kürze tritt Geiger als unabhängiger Kandidat zur Wiederwahl an – mit guten Aussichten, abermals als Sieger aus dem Urnengang hervorzugehen. Selbst von seinen Herausforderern Adnan Shaikh (CDU) und Fritz-Walter Hornung (Die Linken) kommt keine Kritik an Geigers Verhalten. Über alle Vorgänge rund um die Direktwahl von 2013 wird geschwiegen. Damals geriet Geiger bundesweit in die Schlagzeilen. Der „Bild“-Zeitung waren Dokumente über interne Ermittlungen gegen ihn wegen des Vorwurfs der sexuellen Belästigung einer früheren Sekretärin zugespielt worden. Die folgende Schlammschlacht erwies sich allerdings für die CDU und den damaligen Amtsinhaber Speckhardt als Bumerang. Der CDU-Bürgermeister wurde abgewählt.

          Der Eschborner Geiger, der sich vom Verwaltungslehrling zum Bürgermeister hochgearbeitet hat, wird von seinen Anhängern seitdem geradezu fanatisch verehrt. Seiner Popularität konnte kein Skandal etwas anhaben. Das verdankt er seiner Grundhaltung. Nie verlor der Einundsechzigjährige die Bodenhaftung. Immer begibt er sich auf Augenhöhe mit den Bürgern, versteht sich als Sprachrohr des kleinen Mannes. Der Amtsinhaber fühlt sich unter „de Leut“ am wohlsten, und nicht so sehr in Chefetagen. Die 35.000 Pendler zählen ohnehin nicht zu den Wählern. Mit dem Bau der beiden Innenstadtkreisel sowie den begonnenen Projekten Seniorenwohnanlage, Notfallzentrum und Anschluss an die Autobahn 66 brachte der Amtsinhaber einiges auf den Weg, das lange liegengeblieben war. Dass der unterdessen von Geiger geschasste ehrenamtliche Baudezernent Adolf Kannengießer (SPD) hauptsächlich für den Fortgang dieser Projekte stand, wurde in der Stadt schon längst wieder vergessen.

          Persönliche Kritik stößt auf Unmut

          CDU-Herausforderer Shaikh, Schulleiter der Heinrich-von-Kleist-Schule, ein dynamischer Managertyp mit Ideen für eine bessere Vernetzung und Digitalisierung der Stadt, wird es in dieser Eschborner Melange schwer haben. Dabei unterstützen den 46 Jahre alten Kandidaten neben der CDU auch die Grünen und die Sozialdemokraten. Der Sohn eines gebürtigen Pakistani und einer Deutschen setzt auf Höflichkeit, lebt Respekt und Wertschätzung vor. In keine der Machenschaften rund um die Eschborner Stadtverordnetenversammlung ist er je verwickelt gewesen. Der frische Wind, den er propagiert, könnten die Eschborner mit ihm tatsächlich bekommen.

          Matthias Geiger: Amtierender Bürgermeister in Eschborn Bilderstrecke

          Vielleicht wäre Shaikh auch jemand, der eine Verwaltung wieder aufrichten könnte, in der viele aus Angst vor ihrem obersten Chef in die innere Emigration gegangen sind. Shaikh musste wegen seines Nachnamens und des schon lange abgelegten zweiten Vornamens Mohamed viele Diffamierungen und Anfeindungen im Netz ertragen. Verdeckter und offen geäußerter Rassismus richtet sich gegen den Mann, der im vergangenen Jahrzehnt mit 1500 Schülern eine der größten weiterführenden Schulen des Main-Taunus-Kreises mit hoher Fachkompetenz leitete.

          Der dritte Kandidat Hornung bietet den Wählern eine inhaltliche Alternative. Der 62 Jahre alte Volkswirt will wie die anderen Bewerber preiswerten Wohnraum in der Stadt. Er setzt sich als einziger für den Bau der „Josefstadt“ ein, dem geplanten neuen Frankfurter Stadtteil an der A5. Geiger und Shaikh sprechen sich gegen dieses Vorhaben, nur 1,5 Kilometer Luftlinie von Eschborner Gemarkung entfernt, aus. Beim einzigen Zusammentreffen der Kandidaten in der Stadthalle kam die „Josefstadt“ im Publikum nicht gut an. Die Bürger interessierte eigentlich nur ein Thema: die Verkehrslage, die sich zuzuspitzen droht, wenn in den Gewerbegebieten bald 3000 weitere Pendler arbeiten. Fragen der Bürger gab es weder zum verzögerten Stadthallen-Neubau noch zur Alten Mühle, die zusammenfällt, wenn nicht bald etwas passiert.

          Die Zuhörer reagierten allerdings höchst sensibel auf Stilfragen und Anwürfe der politischen Gegner. Jede noch so kleine Spitze Shaikhs zu Verzögerungen bei Vorhaben stieß im Saal sofort auf Unmut. Als er anprangerte, dass bei der Sanierung der Bahnhöfe von Eschborn und Niederhöchstadt fünf Jahre lang nichts passiert sei, wurde Geiger für seine Replik mit großem Applaus bedacht. Umgekehrt fand es bei den Wählern keinen Anklang, als Shaikhs Qualifikation für das Amt recht polemisch thematisiert wurde. Wenn 700 an einer Direktwahl interessierte Zuhörer in der Stadthalle ein Gradmesser sind, steht kurz vor der Wahl nur eines fest: Alles, was auch nur nach persönlicher Kritik riecht, wollen die Wähler nicht hören. Die Kandidaten und deren Anhänger sind deshalb gut beraten, ihr Fairness-Abkommen bis zum Wahltag einzuhalten.

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