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Bürgermeister-Amt : Längst ein Knochenjob

  • -Aktualisiert am

Auf dem Wahlzettel könnte es bald Lücken geben: Bereits zwei Amtsinhaber aus Hessen wollen nicht weiterhin als Bürgermeister(in) antreten. Bild: dpa

Viel Verantwortung, verhältnismäßig wenig Geld und zunehmend schwierige Aufgaben: Das Amt des Bürgermeisters ist kein leichtes. Kein Wunder, dass sich immer weniger Kandidaten dafür finden.

          Es wäre an der Zeit, einmal Danke zu sagen. Denn mit ganz wenigen Ausnahmen erfüllen die Rathauschefs ihre mitunter schwierige Aufgabe mit Bravour. Wie Schwalbachs Bürgermeisterin Christiane Augsburger (SPD) oder ihr Kronberger Kollege Klaus Temmen (parteilos) sind die Amtsträger oft in ihren Heimatstädten geboren, oder sie leben schon lange Zeit dort. Die meisten Bürgermeister wollen ihre Stadt voranbringen, und sie stehen sieben Tage in der Woche und 24 Stunden am Tag bereit. Ob es nachts brennt, ein 90 Jahre alter Jubilar zu würdigen ist oder ein neues Baugebiet vor wütenden Anwohnern verteidigt werden muss, sind sie erste Ansprechpartner. Immer häufiger aber räumen gerade beliebte Bürgermeister, deren Wiederwahl keinesfalls auf der Kippe stünde, vor Erreichen der Altersgrenze aus persönlichen Gründen das Feld. Bei Temmen und Augsburger ist das der Fall.

          Das kommt nicht von ungefähr: Die Moderatoren in der täglichen Abwägung um das Beste fürs Allgemeinwohl führen Land auf Land ab unterdessen einen Abnutzungskampf, der an den eigenen Kräften zehrt. In einer Ellenbogengesellschaft, in der jeder zuerst an sich denkt, können gerade diese Interessenvertreter des Kollektivs schnell zu Zielscheiben für hasserfüllte Aktionen werden.

          Wer wie Augsburger vor einem völlig demolierten Dienstwagen stand, sich wie Temmen auf keine Mehrheit in der Stadtverordnetenversammlung mehr verlassen kann, überlegt sich eine Wiederwahl gleich dreimal. Denn im Vergleich zu ihren Aufgaben verdienen die Rathauschefs viel weniger Geld als ein vergleichbarer Manager in der freien Wirtschaft. Im Gegensatz zu einem Unternehmensboss muss sich ein Bürgermeister aber tagtäglich bei jedem seiner Bürger verantworten.

          Die Kritik aus der Bevölkerung nimmt zudem immer respektlosere Formen an. Insbesondere, wenn es um Baugebiete geht, werden die Köpfe der Verwaltung, die nur Beschlüsse der Stadtverordnetenversammlung ausführen, oft in E-Mails und bei öffentlichen Veranstaltungen aufs Übelste beschimpft. Da muss sich ein Bürgermeister schon ein dickes Fell zulegen, wenn er dieses Amt ohne gesundheitliche Schäden bewältigen will. Die Direktwahl hebt den Bürgermeister als einen von allen Bürgern mehrheitlich gewählten Kandidaten ausdrücklich hervor – dieser Entscheidung gilt es sechs Jahre lang Respekt zu zollen. Sachliche Kritik gehört zur hauptamtlichen Politik dazu, nicht aber Verunglimpfungen oder Sachbeschädigungen - wer dies als Lappalie abtut, muss sich um schwindenden Zusammenhalt in der Gesellschaft nicht wundern.

          Heike Lattka

          Korrespondentin der Rhein-Main-Zeitung für den Main-Taunus-Kreis.

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