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Bruchköbel : Reithalle, Boxen und Koppeln

Der Kinzigheimerhof betreibt Ackerbau und hat außerdem eine Pferdepension Bild: F.A.Z. - Rüchel

Die Staatsdomäne Kinzigheimerhof gilt als einer der ältesten landwirtschaftlichen Betriebe in Hessen. Die Pferdepension bildet ein Standbein der Domäne, neben dem Anbau von Zuckermais und Erdbeeren.

          Der Geräuschpegel der nahen Bundesstraße trübt ein wenig die ländliche Idylle von Koppeln, Feldern und Ställen. Aber von der guten Anbindung profitiert der Betrieb. Die Pferdepension, eines der wirtschaftlichen Standbeine des Kinzigheimerhofs bei Bruchköbel, zählt auch dank der guten Verkehrsanbindung Pferdebesitzer aus dem gesamten östlichen Rhein-Main-Gebiet und bis über die Landesgrenzen zur Klientel.

          Wolfram Ahlers

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für Mittelhessen und die Wetterau.

          Als weitere Einnahmequelle hat sich in den zurückliegenden Jahren ein ehemaliges Stallgebäude erwiesen, das zu einem schmucken Veranstaltungssaal für Familienfeiern hergerichtet worden ist. Neben dem besonderen Ambiente dieses von einem Landschaftsgarten umgebenen Gebäudes sei die leichte Erreichbarkeit auch für diesen Erwerbszweig von Vorteil, sagt Alexandra Schneider. Gemeinsam mit vier Mitarbeitern führt sie diesen traditionsreichen Hof.

          Im Besitz des Landes Hessen

          Die Staatsdomäne Kinzigheimerhof gilt als einer der ältesten landwirtschaftlichen Betriebe in diesem Teil Hessens. Als „Kenzheimer Höfe“ wird das Anwesen zwischen Bruchköbel und Hanau erstmals 1239 erwähnt, als die Familie „derer von Kenzheim“ ihr Gut einem Kloster schenkte. Der Hanauer Graf Philipp Ludwig erwarb diese und umliegende Ländereien Anfang des 17. Jahrhunderts und schloss sie zur Domäne mit dem heutigen Namen zusammen. In den folgenden Jahrhunderten wechselte die Domäne immer wieder Eigentümer und Pächter, gelangte schließlich in den Besitz des Landes Hessen.

          Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges hatte die Wehrmacht auf dem Kinzigheimerhof eine Flugabwehreinheit stationiert – mit fatalen Folgen: Das Anwesen war immer wieder Ziel von Bombenangriffen, wobei die historischen Gebäude zerstört wurden. Nach dem Krieg erfolgte in Etappen der Wiederaufbau auf den alten Grundmauern, wobei man sich weitgehend an den historischen Bauplänen orientierte. Drei Pächterfamilien weisen die Betriebsbücher für die zurückliegenden 100 Jahre aus. Vor knapp drei Jahren stieg Alexandra Schneider in den noch laufenden Pachtvertrag ein, als sich der Vorgänger zurückzog. Vor kurzem hat die Hessische Landgesellschaft im Auftrag des Landes den Pachtvertrag mit ihrer als GbR geführten Betriebsgemeinschaft um die üblichen 18 Jahre verlängert.

          Mit 29 Jahren zählt Alexandra zu den jüngeren Domänenpächtern in Hessen. Der Kinzigheimerhof umfasst rund 130 Hektar, was in etwa der durchschnittlichen Größe hessischer Domänen entspricht. Weitere knapp 100 Hektar gehören als Pachtland von privaten Eigentümern ebenfalls zum Betrieb. Zur Seite stehen ihr vier ständige Mitarbeiter sowie mehr als 200 Saisonarbeitskräfte. Dass sie sich entschied, diesen Hof zu übernehmen, ist zum einen in ihrer Biographie begründet. Sie ist mit der Landwirtschaft aufgewachsen, absolvierte die Ausbildung in Betriebswirtschaft und Landbau.

          90 Pferdeboxen in der Pension

          Weil ihr Bruder den elterlichen Hof bei Gründau übernahm, entschloss sie sich, anderswo ihre beruflichen Ambitionen zu verwirklichen. Sie übernahm mit dem Kinzigheimerhof einen Betrieb, der schon in den vergangenen Jahren mit Erfolg landwirtschaftliche Produktion und Dienstleistung miteinander kombiniert hatte. So hat Schneider die Pferdepension Stück für Stück erweitert, die Zahl der Boxen auf 90 inzwischen nahezu verdoppelt. Dafür ließ sie unter anderem nicht mehr genutzte Lagergebäude umgestalten. Zwei Reithallen mit Dressurplatz und Longiergelände und einer Anlage für Springtraining bieten zudem die Möglichkeit, an Ort und Stelle auch allen Disziplinen des Pferdesports nachzugehen. Wer will, kann seinem Tier auf einem weitverzweigten Netz von Reitwegen rund um die Domäne Auslauf gewähren.

          Mit Zuckermais und Erdbeeren hat sich der Kinzigheimerhof auf den Anbau von Feldfrüchten spezialisiert, deren Nachfrage seit Jahren stetig wächst, wie Schneider sagt. Bei Zuckermais hat sich die Domäne mittlerweile einen Kundenstamm in ganz Deutschland geschaffen. Kolben und Körner werden noch auf dem Hof für den Verzehr zubereitet und über ein eigenes Vertriebsnetz an Einkaufsmärkte in der Region ebenso geliefert wie an Handelsketten in anderen Teilen des Landes. Durch sogenannte versetzte Saat lässt sich dieser Mais über mehrere Monate ernten. Der Verkauf der Erdbeerernte geschieht zum einen per Direktvermarktung am Feldrand, zum anderen werden Obstmärkte in der Region beliefert. Weizen und Rüben runden den Anbau ab und tragen zum Fruchtwechsel bei, was der Bodenqualität zugute kommt.

          Zu den Vorgaben, die das Land seinen Domänenpächtern unter dem Stichwort nachhaltiger Landwirtschaft macht, zählt neben der Pflege von Ackerböden, die anhand von regelmäßigen Proben nachgewiesen wird, auch der Landschaftsschutz. So hat man Ackerrandstreifen und Feldgehölzinseln angelegt, die Insekten und Kleintieren als Refugien dienen. In Kooperation mit der Universität Gießen beteiligt sich der Kinzigheimerhof zudem an einem Forschungsprojekt zu schonender Bodenbearbeitung. Auf einem etwa anderthalb Hektar großen Versuchsfeld werden Methoden erprobt, wie sich das Erdreich auf Äckern auch ohne den Einsatz von Pflügen lockern lässt.

          Hessen will seine Domänen privatisieren

          Bei Domänen handelt es sich um größere Ländereien mit land- und forstwirtschaftlicher Nutzung sowie um Betriebe mit Gartenbau, Tierhaltung oder Weinanbau, die sich im staatlichen Eigentum befinden. Vor rund fünf Jahren hat die Landesregierung die Verwaltung der Domänen an die Hessische Landgesellschaft übertragen. Das Land Hessen verfügt derzeit über 43 verpachtete Domänen mit einer Fläche von insgesamt ungefähr 6300 Hektar. Hinzu kommen zwei selbstbewirtschaftete und eine vom Hessischen Dienstleistungszentrum für Landwirtschaft, Gartenbau und Naturschutz geführte Domäne mit zusammen etwa 1200 Hektar.

          Bei Betriebsumfängen zwischen durchschnittlich 100 bis 200 Hektar zählen die Domänen zu den größeren Anwesen der Landwirtschaft. Hinzu kommen noch rund 6300 Hektar an Einzelparzellen als sogenannter Streubesitz. Das sind Grundstücke, die überwiegend an kleinere Höfe als Zusatzflächen zur deren Existenzsicherung verpachtet sind. Grund und Boden aus diesem Streubesitz, für den keine Nachfrage für den Landbau mehr besteht, veräußert das Land unter anderem an Kommunen und private Investoren, etwa wo neue Bau- und Gewerbegebiete entstehen sollen. Aber auch als Ausgleichsflächen für den Naturschutz kommen Grundstücke aus dem Streubesitz in Frage.

          Domänen erfüllen unter anderem agrar- und umweltpolitische Aufgaben. So werden auf diesen Ländereien beispielsweise verschiedenen Methoden umweltschonenden Ackerbaus oder artgerechter Tierhaltung angewandt, die anderen landwirtschaftlichen Betrieben als Beispiele dienen können. Aber auch alternative Wege zur Vermarktung von Erzeugnissen werden in solchen Betrieben erprobt. Zudem betrieben Staatsdomänen Bodenbevorratung, worauf das Land im Zuge des Flächenausgleichs, etwa bei der Flurbereinigung, zurückgreifen kann.

          Nicht zuletzt leisten Staatsdomänen einen Beitrag zum Denkmalschutz. Denn bei vielen handelt es sich um jahrhundertealte Anwesen, auf denen sich zum Teil architektonisch bedeutende historische Gebäude befinden. Dass die Instandhaltung wertvoller Bausubstanz die Pächter finanziell in Anspruch nimmt, berücksichtigt das Land bei der Festlegung der Pachtsätze. Daraus erklären sich nicht zuletzt die vergleichsweise geringen Pachteinnahmen. Es geht um einen Betrag von insgesamt rund zwei Millionen Euro pro Jahr.

          Gegen Ende des 17. Jahrhunderts gingen Landesherren dazu über, die einst unter staatlicher Regie bewirtschafteten Betriebe zu verpachten. Dabei wurden feste Summen vereinbart, um die Risiken schwankender Erträge für die Besitzer zu verringern. Friedrich der Große verfügte, dass die Verträge mit bewährten Pächtern zu erneuern seien. Er schuf damit die Grundlage, die Bewirtschaftung dieser Ländereien langfristig zu sichern, unabhängig von Pachtlaufzeiten. Dabei ist es bis in die Gegenwart geblieben. Die Laufzeiten betragen derzeit 18 Jahre. Dieser Anreiz motiviert Pächter, in Gebäude und Anbauflächen auch zu investieren. Das wiederum trägt zum Erhalt oder auch zur Wertsteigerung der Domänen bei. Was die Pächter auf den Flächen der Domänen anbauen, welche Tierhaltung sie betreiben wollen, steht ihnen grundsätzlich frei. Die Verträge verpflichten sie aber, neben ökonomischen auch ökologische Belange zu berücksichtigen. So müssen sich Domänenpächter an Projekten zur Landschaftspflege beteiligen, etwa wenn es darum geht, einen Verbund von Biotopen anzulegen.

          Politik der Regierung ist es, im Zuge der Privatisierung von nicht mehr benötigtem Landesbesitz einige der Staatsdomänen zu veräußern. Das geschieht in der Regel mit dem Auslaufen von Pachtverträgen. Rund ein halbes Dutzend war davon schon in den zurückliegenden Jahren betroffen. Kommunen, private Investoren oder auch bisherige Besitzer sind die neuen Eigentümer. So übernahm die Stadt Limburg beispielsweise für seinerzeit knapp 17 Millionen Mark die Domäne Blumenrod. Für 4,5 Millionen Mark wechselte die Domäne Adamstal bei Wiesbaden in die Hände des Pächters. Über mehrere Jahre wurde um die Zukunft der Domäne Oberfeld am Stadtrand von Darmstadt gerungen, bis sich im vergangenen Sommer eine Lösung fand: Eine Stiftung erwarb das mehr als 130 Hektar große Anwesen.

          Unter der Regie der Initiative Domäne Oberfeld, die als Verein geführt wird, soll in den kommenden Jahren ein nach ökologischen Kriterien wirtschaftender Betrieb entstehen, mit einem Hofladen für die Direktvermarktung. Außerdem soll dort ein „Lernbauernhof“ für Kinder und Jugendliche entstehen. Drittes Standbein ist eine Lebens- und Arbeitsgemeinschaft für Behinderte, mit Wohnungen und Werkstätten. Nicht zuletzt wollen die neuen Betreiber das Anwesen - soweit dies möglich ist - nach historischem Vorbild neu gestalten. Die Kornbrennerei im osthessischen Schlitz, eine der ältesten ihrer Art in Deutschland, hat das Land im vergangenen Jahr aus dem Domänenbesitz Karlshof ausgegliedert und an die Stadt Schlitz veräußert.

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