https://www.faz.net/-gzg-10r26

Brömserhof in Rüdesheim : Nachtschichten für einen Schatz am Mittelrhein

Gelitten: Die Malereien im Brömserhof sind nach einer falschen Sanierung schon stark angegriffen Bild: Michael Kretzer

Im Brömserhof in Rüdesheim sind zwei Räume im 16. Jahrhundert von einem Schüler von Lucas Cranach dem Älteren bemalt worden. Die Renaissancekunstwerke müssen dringend restauriert werden.

          3 Min.

          Etwa 120.000 Besucher bestaunen jährlich die Sammlung mechanischer Musikinstrumente im Brömserhof. Im Ahnensaal und in der Hauskapelle des imposanten Baus aus dem 15. Jahrhundert lenken die selbst spielenden Pianos allerdings von einer noch größeren Attraktion ab: Die Ausmalung dieser beiden Räume durch Hans Ritter, einen Schüler von Lucas Cranach dem Älteren, ist eines der bedeutendsten profanen Kunstwerke der Renaissance in Deutschland. In Darstellung, Umfang, Geschlossenheit und Qualität gilt diese Raumgestaltung als Rarität nördlich der Alpen.

          Oliver Bock

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis und für Wiesbaden.

          Der Staatssekretär im hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst, Ralph Alexander Lorz (CDU), sprach gestern in Rüdesheim von einem außergewöhnlichen, aber bislang zu wenig bekannten „Schatz“ im Unesco-Welterbe Oberes Mittelrheintal. Ein bedrohter Schatz, denn drei in guter Absicht vorgenommene Sicherungen im vergangenen Jahrhundert haben sich rückblickend als bedrohlich erwiesen: Das damals als Schutzschicht aufgetragene Material auf Casein-Basis erweist sich als zerstörerisch. Nun steht eine umfangreiche, langwierige und aufwendige Restaurierung an. Sie wird insgesamt wohl rund 600.000 Euro kosten und sechs Jahre in Anspruch nehmen.

          Biblische Geschichte von Jonas und dem Wal an den Rhein verlegt

          Die beiden Räume im Adelshof der Familie Brömser sind nach den Recherchen der Denkmalschützer in den Jahren 1558/1559 anlässlich einer Hochzeit von dem auch „Döring“ genannten Künstler Ritter ausgemalt worden. Originell und für die Region bedeutend ist nach Darstellung der Leiterin der Restaurierungswerkstätten des Landesamts für Denkmalpflege, Christine Kenner, dass auf den Wandbildern die biblische Geschichte von Jonas und dem Wal an den Rhein verlegt wurde. Die Malereien umfassen zudem weitere religiöse Themen, stilisierte und naturalistische Pflanzen- und Tierdarstellungen sowie Porträts bis hin zu Phantasie- und Mythengestalten. „In ihrer Reichhaltigkeit und Thematik sind sie zwar teilweise noch spätgotischen Elementen verhaftet, doch die Formensprache und ihre phantasievolle Leichtigkeit kann überwiegend der Renaissance zugeordnet werden“, meint Kenner. Die Ausmalungen seien in „Seccotechnik“ ausgeführt. Dabei werde die Farbe direkt auf den trockenen Putz aufgetragen.

          Entdeckt und freigelegt wurden die Malereien zwischen 1898 und 1900 und seither dreimal konserviert mit der Folge der teilweisen Zerstörung der Originale. 1995 war nach einer weiteren Untersuchung der allmähliche Substanzverlust bemerkt worden. Nach einer intensiven Beobachtung fanden zwischen 2005 und 2007 umfangreiche Voruntersuchungen zu Bestand, Zustand und Schadensursachen statt. Dabei wurden neue Arbeitstechniken entwickelt, die einen Erhalt der qualitätvollen Retuschen von 1898 zulassen.

          Museum bleibt trotz Restaurierung geöffnet

          Das Restaurierungsprojekt des Landesamts für Denkmalpflege ist auf mehrere Jahre angelegt. Für das gesamte Vorhaben wurde ein Arbeitsmodell in Kooperation mit der Restauratorenausbildung an der Fachhochschule Köln gewählt. Damit ist in jeder Hinsicht auch eine wissenschaftliche Begleitung gesichert. „Die Ergebnisse der Restaurierung werden einen über dieses Projekt hinausweisenden Ertrag für die Restaurierungswissenschaften ergeben“, meint Kenner.

          Die Restaurierung ist insofern nicht einfach, als das private Museum von Siegfried Wendel, der den Brömserhof vor Jahren von der Stadt Rüdesheim erworben hat, die gesamte Zeit geöffnet bleiben muss. Die Restauratoren, von denen bis zu fünf im Ahnensaal ungestört und konzentriert arbeiten wollen, haben sich deshalb für Nachtschichten zwischen ein Uhr nachts und 10 Uhr morgens entschieden. Finanziert werden die Arbeiten in einem ersten Schritt vom Land Hessen mit 120.000 Euro für den Ahnensaal.

          Lorz zufolge beteiligt sich auch der Bund. Der Haushaltsausschuss des Bundestags habe im September eine erste Tranche des Sonderprogramms für den Denkmalschutz in Deutschland freigegeben, aus dem dringende Sanierungsarbeiten an 134 historischen Gebäuden gefördert werden. Der Bundestagsabgeordnete Klaus-Peter Willsch (CDU) habe erreicht, dass 100.000 Euro für die Renaissance-Fresken in der mit Kreuzigungsmotiven ausgemalten Hauskapelle des Brömserhofs bereitgestellt werden. Damit leiste auch der Bund einen wichtigen Beitrag zum Schutz von Baudenkmälern, die das nationale kulturelle Erbe prägten. Weil das Geld dennoch nicht reicht, hofft Lorz auch auf private Geldgeber, die die öffentliche Hand dabei unterstützen, den Schatz im Rheintal dauerhaft zu bewahren und in neuem Glanz zu präsentieren.

          Weitere Themen

          Von Goethe bis Ebbel Video-Seite öffnen

          Quiz zu 75 Jahre Hessen : Von Goethe bis Ebbel

          Die Hessen haben ein Lieblingsgetränk, ihr Bundesland hat eine geographische Mitte und große Namen spielen eine Rolle und das Land hat Nachbarn. Ein Quiz zum 75. Jahrestag der Gründung des Bundeslands in Deutschlands Mitte.

          Topmeldungen

          Wo geht es lang? Wegweiser zu einer kommunalen Zulassungsstelle

          Warten aufs Nummernschild : Chaos in der Zulassungsstelle

          Wer sein Auto zulassen will, muss wegen der Corona-Einschränkungen teils wochenlang auf einen Termin beim Amt warten. Bürger verzweifeln, Händler und Industrie toben. Was läuft da schief? Ein Ortstermin.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.