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Braun-Ausstellung : Elektrisch und trocken gegen 15.000 Barthaare

Ein Stab-Rasierer B2 von Braun aus dem Jahr 1966 Bild: Marcus Kaufhold

Rasierapparate gehören zu den beliebten wie heiklen Weihnachtsgeschenken. Eine Ausstellung der Braun-Sammlung in Kronberg zeigt die Entwicklung des Rasierapparats und der Marke.

          Unter manchem Weihnachtsbaum hat vermutlich auch jetzt ein Rasierapparat gelegen. Obwohl praktische Geschenke eine äußert heikle Komponente der Beziehungspflege sind - man denke nur an die Krawatte. Aber wie hieß es vor gut 30 Jahren so schön in einer Anzeige, die mit einem Frauengesicht für Herrenrasierer warb: „Es gibt Geschenke, bei denen man auch an sich selbst denken muss.“ Natürlich sollte sich die Dame nicht rasieren. Sondern ihren zarten Teint vor den harten Stoppeln ihres Gatten schützen. Dem Heilsversprechen glatter Haut beim Manne widmet sich das Unternehmen Braun seit 60 Jahren. Und zwar im Unterschied zur bis dahin herrschenden Tradition nicht mit dem scharfen Messer und Rasierschaum, sondern elektrisch betrieben und trocken. Der Name des in Kronberg ansässigen Unternehmens verpflichtet natürlich auch bei der Haarkürzung. Und so spielt in der Ausstellung der Braun-Sammlung, die sich derzeit den Rasierern widmet, das Design eine große Rolle.

          Bernhard Biener

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Hochtaunuskreis.

          Die Rasur steht für einen wichtigen biologischen Einschnitt im Leben des männlichen Adoleszenten, der sich fortan mit durchschnittlich 15.000 Barthaaren auseinandersetzen muss, die innerhalb von 24 Stunden um einen halben Millimeter wachsen. Sie erfordert in ihrer elektrischen Form aber auch eine Entscheidung, die von familiären Traditionen ebenso geprägt ist wie vom Einfluss der Werbung oder dem Freundeskreis. Und sie steht in einer Reihe weltanschaulicher Fragen, die für bestimmte Generationen mit dem Tintenfüller (Geha oder Pelikan) begann und sich bis zum Computer (Apple oder PC) fortsetzt. Braun oder Philips heißen die entsprechenden Pole beim Rasierer, lässt man einmal die amerikanische Firma Remington und den asiatischen Konkurrenten Panasonic außen vor.

          „Wie ein Faustkeil liegt er besser in der Hand“

          Die beiden europäischen Marken stehen für unterschiedliche Konzepte: Philips setzt auf rotierende Klingenkränze, Braun traditionell auf die patentierte Scherfolie über einem oszillierenden Messerblock aus halbkreisförmigen Klingen. Zur Serienreife hatte Max Braun das Foliensystem 1950 gebracht. Der S 50 war noch weiß, wie es sich damals für Badezimmerware gehörte. Das änderte sich 1962 mit dem Sixtant SM 31. Seinen Namen hatte der Rasierer von den sechseckigen Löchern der Scherfolie, die erstmals in einem chemischen Prozess hergestellt wurde. Mittlerweile würden an die Fertigung der Folie ähnliche Anforderungen wie an Komponenten der Mikroelektronik gestellt, sagt Dirk Freund, Direktor für Forschung, Entwicklung und Design. Sie habe es ermöglicht, zwei wichtige soziale Anforderungen zu erfüllen: Täglich nicht nur gut rasiert zu sein, sondern auch unverletzt. Denn der berühmte Schnitt mit dem Rasiermesser komme nicht mehr vor.

          Kronberger Klassiker: ein Braun-Rasierer aus der Combi-Serie

          Roland Ullmann gehört zu jenen, die den Braun-Rasierern ihr Aussehen gegeben haben. 1976 entwarf der Designer sein erstes Produkt, das in Serie ging. Der Braun Micron besaß einen ausfahrbaren Langhaarschneider. Die Form sei ein Spiegelbild der technischen Entwicklung, sagt Ullmann, der seit kurzem im Ruhestand ist. Dass der Scherkopf bei den Spitzenmodellen inzwischen deutlich vom Rumpf abgesetzt ist, erklärt er mit dessen zusätzlicher Bewegungsfreiheit. Er passt sich nicht nur den Gesichtskonturen an, sondern schwingt auch zur Seite. Die Verlagerung von Elektronikteilen in den Netzstecker, der damit zum „Smart Plug“ geworden sei, habe neue Freiheiten für den eigentlichen Rasierer eröffnet. Er sei schmaler geworden. „Wie ein Faustkeil liegt er besser in der Hand“, sagt Ullmann.

          30.000 Rasierapparate am Tag

          Vom Ringen der Designer mit Technikern und Marketingabteilung ahnt der Laie nichts. Aber nicht nur für Ullmann war die Kombination aus harten und weichen Kunststoffen beim Griff des Micron plus im Jahr 1979 geradezu eine Revolution. Auch der legendäre Braun-Designer Dieter Rams kann sich an „lange Diskussionen“ um die Noppen des Griffs erinnern und daran, wie die Löcher dafür in die Prototyp gepult wurden. „Die Mischung aus hartem und weichem Kunststoff war ein Risiko“, sagt Rams.

          Die Elektrorasierer hatten für Braun früh eine große wirtschaftliche Bedeutung. 1954 schloss das Unternehmen mit dem amerikanischen Feuerzeughersteller Ronson einen Vertrag über die Lizenzfertigung von Braun-Geräten in den Vereinigten Staaten. Es war mit zehn Millionen Dollar das bis dahin größte Konsumgütergeschäft der Nachkriegszeit. Heute werden in den Werken Walldürn und Schanghai jeweils mehr als 30.000 Rasierapparate am Tag zusammengesetzt. Als die Fertigung im Odenwald 1953 eröffnet wurde, waren es 200. In den vergangenen 60 Jahren seien 275 Millionen Einheiten verkauft worden, heißt es bei Braun. Neben der Funktion ist die Form noch immer wichtig, und der heutige Chefdesigner Oliver Grabes will dabei wieder stärker an die Vergangenheit anknüpfen. „Klarer und einheitlicher“ heißt seine Devise. Das Ergebnis werden die Kunden frühestens Ende nächsten Jahres zu sehen bekommen.

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