https://www.faz.net/-gzg-99tn2

Brauerei Braustübl : Zum Auftakt der Smoky Heiner

Brauer zu Darmstadt: Seniorchef Wolfgang Koehler mit seinen Söhnen Christoph (Mitte) und Wolfgang Bild: Rainer Wohlfahrt

Die Darmstädter Privatbrauerei hat sich schon neu erfunden. Nun will sie noch eine neue Bierkultur schaffen. Und spricht sogar von einer neuen „Liga“.

          Wolfgang Koehler ist ein Brauer aus Leidenschaft. Deshalb stört es den Inhaber der Darmstädter Privatbrauerei schon lange, wenn ein Gast bei ihm im Braustübl zur Bedienung sagt: „Ich will ein Bier.“ Ja, was für eines, bitte? Eines von den drei Sorten aus dem Fass oder von den verschiedenen Flaschenbieren? Koehlers Reaktion auf derart undifferenzierte Kundenwünsche ist gut verständlich, blickt man auf den Kulturunterschied zwischen seinem Beruf und dem des Winzers. Kein Mensch setzt sich heute an einen Wirtshaustisch und bestellt spontan „ein Glas Wein“. Er studiert vielmehr erst kennerhaft die passende Weinkarte und fragt dann nach, was zu Wild oder Fisch passt.

          Rainer Hein

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Darmstadt.

          Diese Zukunft zeichnet sich nun zart auch an Darmstadts Bierhimmel ab: Der deutsche Gerstensaft präsentierte sich jetzt im Sudhaus von Koehler nur noch ansatzweise als einfacher Durstlöscher, sondern vor allem als Speisebegleiter für die Erlebnis- und die Genussgastronomie, serviert im jeweils passenden Glas bis hin zum sektglasartigen Bierkelch und abgestimmt auf das besondere „Food Pairing“ des Gastes. Koehler und seine zwei Söhne sprechen von einer „neue Bierkultur“ und von einer neuen „Liga“, in die sie aufsteigen wollten. Vieles ist zwar noch visionär, aber ein erstes Produkt haben die drei vom Brauhaus schon definiert: ein Bier, das in Whiskyfässern reift und den Namen „Smoky Heiner“ tragen wird. Die Brauerei Grohe, die zu Koehlers kleinem Bierimperium gehört, soll das Rauchbier auf den Markt bringen.

          Experimentierfreudig

          Treiber der Darmstädter Genussrevolution sind neben dem stets experimentierfreudigen Senior-Chef dessen beiden Söhne Christoph und Wolfgang, die in der Privatbrauerei des Vaters groß geworden sind. Wolfgang trat als „Bayerns bester Braumeister“ vergangenes Jahr in die Geschäftsführung des Unternehmens ein, Christoph bereitet sich mit seinem Betriebswirtschaftsstudium auf die Tätigkeit als Marketing- und Vertriebschef vor.

          Nun waren beide kürzlich in der bayerischen Bierakademie Doemens bei München und haben sich dort zum Biersommelier ausbilden lassen – zwei Wochen, die ihnen eine neue Welt offenbarten, insbesondere die der Sensorik.

          Einer der Augenöffner für den Geschmackssinn hatte zunächst zwar die unappetitliche Gestalt eines Käses mit „schmieriger Konsistenz“, der obendrein noch aussah, als habe er „zwei Jahre Haltbarkeitsgrenze überschritten“. Aber als dazu ein kirscharomatisches Bier serviert wurde, erinnerte Christoph und Wolfgang das befremdliche Arrangement ganz schnell an Camembert mit Preiselbeeren. „Es war einfach Wahnsinn.“

          Lehmiges Aroma

          Und so ging es weiter: Ein nachtschwarzes Mokka-Bier, das zu scharf angebratenem Fleisch passte; ein Wildhefebier mit außergewöhnlich lehmigem Aroma („Richtung nasse Pferdedecke“), Biergläser, die es zuließen, sich in den Klang des Schaums hineinzuhören oder die einzelnen Aromen auf der Zunge zu spüren. „Bier ist unglaublich komplex“, meinten die Brüder und öffneten wie zum Beweis einen Bierfächer, der die ganze Bandbreite des Gerstensaft-Ausbaus veranschaulichte.

          Wer die gängige Weinlyrik kennt, der weiß, dass die Familie Koehler sich nicht nur herausfordernden Fragen der Braukunst stellt, sondern auch der Sprach- und Ausdruckskraft. Die neue Bierkultur, sie ist erklärungsbedürftig. Und sie verlangt eine neue Erwartungshaltung.

          Beim belgischen Kriek-Bier haben die Sommelier-Schüler aus Darmstadt beim ersten Schluck selbst erst einmal die Luft angehalten, sich dann aber von Vorurteilen „frei gemacht“. Der Vorteil für die Südhessen: Der Start ins Zeitalter des Genussbier-Trinkens lässt sich als kalkulierbares Experiment gestalten. Erstens steht Wolfgang Koehler seinen beiden Genuss-Revoluzzern noch ein gutes Jahr zur Verfügung, da er erst im Sommer 2019 aus dem Unternehmen ausscheiden wird. Außerdem produzierte die Darmstädter Privatbrauerei im vergangenen Jahr mit 49 Mitarbeitern 67.000 Hektoliter Eigenbier, Grohe zusätzlich 12.500 Hektoliter.

          Das ist wenig im Vergleich zu den ganz Großen der Branche, minimiert aber das wirtschaftliche Risiko: „Wir können kleine Tests fahren und zunächst einmal nur 60 Fässer von einem neuen Produkt produzieren.“

          Weitere Themen

          Was hängende Schuhe auf einer Stromleitung bedeuten

          Lange Tradition : Was hängende Schuhe auf einer Stromleitung bedeuten

          Was abgelatschte Turnschuhe in der Oberleitung hängen in Frankfurt an einer Stromleitung. Doch dahinter steckt offenbar mehr: Über die Entjungferung eines Schotten, der Kaufkraft junger Skater und einem möglichen Drogenumschlagplatz.

          Topmeldungen

          Spahns Notfallplan : Fast schon verdächtig viel Zustimmung

          Der Gesundheitsminister will Kassenärzte und Krankenhäuser zur Zusammenarbeit zwingen – und erhält dafür Lob von allen Seiten. Doch bei der Umsetzung sperren sich die Verantwortlichen noch.
          Hat sich zum Zwei-Prozent-Ziel der Nato-Staaten bekannt: Annegret Kramp-Karrenbauer

          Akks Wehretat : Der Streit schwelt weiter

          Die neue Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer bekräftigt das Ziel der Nato, dass die Verteidigungsausgaben steigen sollen. Das provoziert Widerstand – in der Opposition und selbst beim Koalitionspartner.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.