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Brachttal : Wächtersbacher Keramik vor dem Aus

Gilt als Erfinder des Henkelbechers: Wächtersbacher Keramik Bild: Kai Nedden

Die Wächtersbacher Keramik wird wohl abgewickelt. Entlassungen am Produktionsort Brachttal sind nicht mehr zu vermeiden. Derweil liegen geheime Rezepturen im Tresor.

          Nach fast 180 Jahren gehen die Lichter in der Produktion der Wächtersbacher Keramik in Brachttal-Schlierbach wohl endgültig aus. In einer Betriebsversammlung informierte der vorläufige Insolvenzverwalter Franz-Ludwig Danko die 75 Mitarbeiter sowie Vertreter der regionalen Politik, darunter Landrat Erich Pipa (SPD), über eine Absage des Eigentümers für einen zwölfmonatigen Fertigungsauftrag. Laut Danko steht etwa 35 Beschäftigten gleich die Kündigung ins Haus. Die übrigen könnten lediglich darauf hoffen, für fünf bis sechs Wochen mit der Verarbeitung des noch vorhandenen Materials zu Steingut am Standort beschäftigt zu werden. Das sei aber noch nicht sicher.

          Luise Glaser-Lotz

          Korrespondentin der Rhein-Main-Zeitung für den Main-Kinzig-Kreis.

          Nach den Worten von Dankos Sprecher Christoph Möller führten langwierige Verhandlungen mit dem Eigentümer der Keramischen Fertigungsstätte Brachttal GmbH, Turpin Rosenthal, zu keinem brauchbaren Ergebnis. Rosenthal habe am Mittwochabend in einer E-Mail mit Hinweis auf die „verstrichene Zeit“ und die „geschaffene wirtschaftliche Notwendigkeit“ den in Aussicht gestellten zwölfmonatigen Auftrag für die Belegschaft abgesagt. Gleichzeitig habe er auf eine entsprechende Frage Dankos die grundsätzliche Bereitschaft bekundet, die Immobilie und die vorhandenen Fertigungsanlagen in Schlierbach zu veräußern. Doch habe sich Rosenthal noch festlegen wollen und um Zeit für eine solche Entscheidung gebeten, so Danko.

          Gespräch mit einem potentiellen Investor

          Allerdings komme es jetzt darauf an, die Dinge nicht auf die lange Bank zu schieben. Er befinde sich im Gespräch mit einem potentiellen Investor, der die Produktionsstätte in Schlierbach möglicherweise kaufe, um dort Keramikwaren herzustellen. Dieser müsste sich aber schnellstmöglich mit Rosenthal einigen, sonst laufe die Zeit davon. Auch der kurzfristigen Lösung einer Verarbeitung der noch vorhandenen Materialien und der Veräußerung der Steingutprodukte über einen eigenen Vertriebsweg müsste Rosenthal zustimmen.

          Seit Anfang September steht die Produktion in der Keramischen Fertigungsstätte Brachttal still. Sie zählt zu den fünf Gesellschaften, in die Rosenthal das Unternehmen Wächtersbacher Keramik aufgeteilt hat. Der 49 Jahre alte Rosenthal, Enkel des Porzellanfabrik-Begründers Philipp Rosenthal, hatte vor fünf Jahren den in einem ersten Insolvenzverfahren steckenden Betrieb übernommen. Rosenthal verknüpfte seinerzeit das Keramikgeschäft mit der Porzellanfertigung der Könitz Porzellan Gesellschaft in Thüringen, die er von der Treuhand erworben hatte.

          Mit der Übernahme hoffte man in Brachttal auf den Fortbestand der im Jahr 1832 von Graf Adolf zu Ysenburg und Büdingen gegründeten Wächtersbacher Keramik, die nicht nur Kunstgeschichte in der Geschirrfertigung schrieb, sondern auch als Erfinder des Henkelbechers gilt. Während Rosenthal von zwei Millionen Euro sprach, die er an Investitionen und zur Abdeckung von Verlusten aufgebracht habe, werfen ihm Gewerkschaft und Belegschaft vor, nicht für die Instandhaltung der Anlagen gesorgt zu haben.

          Mängel beim Brandschutz

          Nach den Schilderungen Dankos zog Rosenthal von 2007 an durch die Aufteilung in die Gesellschaften schrittweise alle Werte aus dem Produktionsstandort im Main-Kinzig-Kreis ab. Dazu zählt Danko unter anderem die Marke Wächtersbacher Keramik, die Immobilie, die Maschinen und die Fertigungsformen. Auch der Vertrieb und die Vermarktung wurden ausgegliedert. Selbst der räumlich angegliederte Werksverkauf gehört nicht zur Keramischen Fertigungsstätte Brachttal GmbH. Wenn heute Kunden nach Brachttal kämen, um Geschirr der „Wächtersbacher Keramik“ zu kaufen, helfe das nicht der GmbH, das Geld fließe vielmehr in die Kasse von Rosenthal, so Danko.

          Möller bezeichnete die GmbH gestern als völlig mittelloses Unternehmen. Es bestehe im Grunde nur noch aus der Belegschaft. Selbst wenn die Produktion am Standort über den befristeten Auftrag hätte fortgesetzt werden können, hätte man dort gegen das Bundesimmissionsschutzgesetz verstoßen. Die Genehmigungsbehörden seien aber zu einer Übergangslösung bereit. Auch gebe es Mängel beim Brandschutz und bei der Arbeitssicherung. Die völlig maroden Fertigungshallen seien zugig und im Winter nicht heizbar, die Anlagen völlig veraltet.

          Rezepturen im Tresor

          Die wertvollen, teilweise geheimen Rezepturen der einzigartigen Farbglasuren der Wächtersbacher Keramik liegen laut Danko im Tresor in Schlierbach. Was damit geschehen werde, sei rechtlich noch zu klären. Um sie für die traditionelle Herstellung von Wächtersbacher Keramik zu verwenden, brauche man aber das am Ort überlieferte Know-how. Alles spreche dafür, dass es die Wächtersbacher Keramik, wie man sie kenne, nie wieder geben werde.

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