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Börsen-Mitarbeiter protestieren : „Eschborn ist okay - Prag nicht“

Das neue Domizil der Deutschen Börse AG in Eschborn: „The Cube” Bild: dpa

Die Deutsche Börse eröffnet offiziell ihr neues Domizil in Eschborn - begleitet von Mitarbeiterprotesten. 370 Stellen sollen vor allem in Frankfurt und Luxemburg gestrichen oder an den billigeren Standort Prag verlagert werden.

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          Am heutigen Donnerstag eröffnet die Deutsche Börse AG offiziell ihr neues Domizil in Eschborn. Der vieldiskutierte Umzug von Frankfurt-Hausen in den Nachbarort wird damit abgeschlossen. Doch die Freude über neue Büros ist bei vielen der rund 1800 Mitarbeiter getrübt. „Die Stimmung ist am Tiefpunkt“, sagt Johannes Witt, stellvertretender Vorsitzender des Betriebsrats, der gemeinsam mit der Gewerkschaft Verdi zu einer Demonstration aufgerufen hat. Während drinnen Vorstand und Gäste heute das neue Haus bestaunen, wird draußen gegen den geplanten Abbau und die Verlagerung von Stellen protestiert.

          Tim  Kanning

          Redakteur in der Wirtschaft.

          In der ersten Jahreshälfte hatte Vorstandschef Reto Francioni die Streichung von 100 Stellen in Frankfurt und die Verlagerung von 250 Arbeitsplätzen nach Prag angekündigt. Zusätzlich sollten 80 Managerposten wegfallen - jeder fünfte.

          Programm zum freiwilligen Ausstieg

          Der Abbau in der Führungsebene sei weitgehend abgeschlossen, hieß es von Unternehmensseite. Nur einige Gerichtsprozesse seien noch anhängig. Für Mitarbeiter unterhalb der Führungsebene habe man gemeinsam mit dem Betriebsrat vor zwei Wochen ein mehrstufiges Programm zum freiwilligen Ausstieg aus dem Unternehmen aufgelegt, sagte ein Sprecher weiter.

          Der Ärger beim Betriebsrat ist dennoch groß. Die Zahlen, welche Abteilungen in welchem Maße betroffen seien, änderten sich beinahe täglich, sagt Witt. Vor allem die Informationstechnologie, aber auch die Buchhaltung und die Personalabteilung stünden im Fokus. So sei die Verunsicherung im Haus groß, zumal der Dax-Konzern in den vergangenen Jahren schon mehrere Sparrunden durchlaufen habe. Bereits 2008 waren 200 Stellen nach Prag verlagert und weitere 100 gestrichen worden.

          Vor allem weil mit der jüngsten Sparrunde auch in die Führungsstrukturen eingegriffen worden sei, habe die Unsicherheit inzwischen auch wirtschaftliche Folgen, sagt Witt. „Jeder ist eingeschüchtert und versucht, so geräuschlos wie möglich zu arbeiten.“ Das reiche, um den Betrieb aufrechtzuhalten, aber nicht, um ein Hochleistungsunternehmen wie die Börse weiterzuentwickeln, kritisiert der Betriebsrat. Für den Finanzplatz Frankfurt bedeute der Wegfall darüber hinaus einen Verlust an lange aufgebautem Fachwissen.

          „Nicht alles über Videokonferenzen zu regeln“

          Zudem entstünden eine Reihe von Kosten durch die Verlagerung, die die günstigeren Gehälter in Prag wieder wettmachten. Wenn neue Führungsstrukturen in Tschechien aufgebaut würden, bringe das hohe Zusatzkosten. Schließlich müssten die Prager viel mit der Zentrale kommunizieren. Nicht alles lasse sich über Videokonferenzen regeln, so dass hohe Reisekosten entstünden, ganz zu schweigen von dem Umbau der Abteilungen. Gerade der Abbau der 80 Führungskräfte habe schon jetzt große Lücken hinterlassen. Zudem gebe es eine Reihe von Gerichtsprozessen, sagt Witt.

          Insgesamt hatte die Deutsche Börse für die Umstrukturierung 240 Millionen Euro eingeplant - Geld, das nach Ansicht des Betriebsrats besser in die Fortbildung der Mitarbeiter hätte gesteckt werden sollen. Die Konzernleitung freilich rechnet anders. Francioni sprach im Mai von jährlichen Einsparungen in Höhe von 150 Millionen Euro, wenn der Umbau 2013 vollzogen sei.

          Betriebsrat Witt stellt klar, dass sich der Protest heute nicht gegen den Umzug nach Eschborn richte. Den habe schließlich nicht zuletzt er selbst als Aufsichtsratsmitglied mitgetragen. Nein, Eschborn sei okay, um Kosten einzusparen, sagt Witt. „Aber Prag ist es nicht.“

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