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Blumenfeld zum Selbstschneiden : „80 Prozent Ehrlichkeit“ an der Bezahlbox

  • -Aktualisiert am

Vertrauenssache beim Bezahlen: Blumen zum Selberpflücken Bild: F.A.Z. - Foto Wolfgang Eilmes

Weithin sichtbar an der Straße zwischen Oberursel und Bad Homburg ist das gelbe Schild: „Blumen zum Selberschneiden“. Kunden parken am Rand und gehen mit Küchenmessern durch die Beetreihen. Einen Kassierer gibt es nicht. Die meisten Selbstpflücker zahlen trotzdem.

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          Hans-Georg Kofler steht am Rand seines Narzissenfeldes und wirft einen Blick auf die farbenprächtigen Frühlingsblüher. Weithin sichtbar an der Straße zwischen Oberursel und Bad Homburg ist das gelbe Schild: „Blumen zum Selberschneiden“. Kunden parken am Rand und gehen mit Küchenmessern durch die Beetreihen. Am Ausgang bezahlen sie den Betrag in eine Stahlbox. Einen Kassierer gibt es nicht. Kofler ist nur manchmal hier, um ein paar freundliche Worte mit den Kunden zu wechseln. Ob der korrekte Betrag in die Box geworfen wird, ist der Ehrlichkeit des Käufers überlassen.

          Aus diesem Grund haben einige Kollegen von Kofler aus der Umgebung den Anbau nach ersten Versuchen wieder aufgegeben. Die Zahlungsmoral hätte erheblich abgenommen, klagen sie. Kofler meint zu wissen, warum es bei ihm im Oberurseler Stadtteil Oberstedten anders läuft. „Das soziale Umfeld stimmt einfach. Es ist ein gewachsener Ort ohne soziale Brennpunkte.“ Und er fügt hinzu: „Wir haben 80 Prozent Ehrlichkeit.“ Die restlichen 20 Prozent sind nicht nur unbezahlt mitgenommene Blumen, sondern auch sein Eigenbedarf sowie Witterungs- und Mäuseschäden.

          Relativ höhere Einnahmen aus mit Getreide

          Dieses Jahr hat Kofler bereits 40.000 Tulpen gepflanzt. Pro Stiel kosten sie 40 Cent. „Mit einem Hektar Blumen erziele ich einen mehrfach höheren Deckungsbeitrag als mit konventionellen landwirtschaftlichen Früchten“, sagt Kofler. „Im Verhältnis ist meine Ware preiswert. Das kann ein Grossist nicht bieten“, sagt der Landwirt überzeugt, der elf Jahre als Betriebshallenleiter am Frankfurter Blumengroßmarkt gearbeitet hat.

          Kofler bietet auf drei Feldern im Vordertaunus Blumen zum Selbstschneiden an. Als er das Projekt startete, hatte er zwei Prämissen. „Ich wollte ein Blumenfeld anlegen, und ich wollte etwas daraus machen, was dem Kunden gefällt“, sagt er. Mit dieser Vorstellung ist er an die Planung herangetreten - und hat nichts dem Zufall überlassen. Mit den Satellitenbildern von Google Earth hat er das Gelände und die Straßenverläufe um Oberstedten untersucht, auf klare Vorgaben hin. „Ein Blumenfeld sollte möglichst an einer Kreisstraße liegen, an der mindestens 10.000 Autos vorbeifahren“, erklärt der 54 Jahre alte Landwirt. „Die Bodenbeschaffenheit muss für Gartenbau geeignet sein. Nicht zu steinig und möglichst viel Humus.“ Das ungefähr drei Hektar große Gelände kurz an der Bundesstraße ist demnach ideal geeignet. Fahrer aus beiden Richtungen können problemlos ein- und ausbiegen. Wegen des nahen Ortes fahren sie langsamer und sehen rechtzeitig das Hinweisschild.

          „Ein üppiges Angebot und gepflegte Kulturen sind Pflicht“

          „Wir bieten alles, was auch in einem Bauerngarten wächst“, sagt Kofler, der auf seinem Hof zusätzlich Staudengewächse und Gartenzubehör verkauft. Von Frühblühern bis zu herbstlichen Sonnenblumen; von März bis November ist Saison. Vor sieben Jahren hat Kofler mit dem Anbau begonnen. Mittlerweile ist es zu einem wichtigen Standbein seines landwirtschaftlichen Betriebs geworden.

          Seine Ideen hat er von seinem Saatguthändler aus Baden-Württemberg. Dieter Bär aus Bad Krozingen hat nach eigenem Bekunden Mitte der neunziger Jahre die ersten Selbstschneider-Felder in Deutschland eingeführt. Er berät auch über die passende Fruchtfolge und Pflanzenschutz bei Krankheiten. 600 Landwirte in Deutschland, Österreich, Dänemark und Frankreich betreue er inzwischen, sagt Bär. „Ein üppiges Angebot und gepflegte Kulturen sind Pflicht“, sagt er. „Wenn der Kunde mit Matsch an den Schuhen und unschönen Blüten vom Feld kommt, gibt er sich innerlich das Recht, weniger zu bezahlen“, sagt der geschäftstüchtige Landwirt. Er hat auch schon Kundenbefragungen zu dem Selbstbezahlerkonzept gemacht, bis zum nächsten Jahr will er sie zusammen mit der Universität Freiburg statistisch auswerten.

          Landwirt Kofler sieht es so: „Wenn der Euro in der Kasse stimmt, dann war der Kunde zufrieden.“

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