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BKA : Wissenschaftler auf den Spuren des Verbrechens

Eine BKA-Mitarbeiterin gibt Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble Einblick in ihre Arbeit Bild: F.A.Z. - Michael Kretzer

Das Bundeskriminalamt hat sein neues Kriminaltechnisches Institut an der Wiesbadener Äppelallee eröffnet. Der 53 Millionen Euro teure BKA-Neubau ist das Vorzeigeobjekt der größten deutschen Sicherheitsbehörde.

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          Als 1969 beim sogenannten „Soldatenmord von Lebach“ vier Militärangehörige erschossen wurden, waren es die am Tatort gefundenen Projektile und Hülsen, die den Mordfall letztlich aufklären halfen. Sie waren nur wenige Millimeter groß, leicht zu übersehen. Dennoch schrieben sie Kriminalgeschichte, denn sie ließen Rückschlüsse auf den Waffentyp zu und führten die Ermittler schließlich zu den Tätern. Seit diesem Mordfall sind fast vier Jahrzehnte vergangen. Die Kriminalwissenschaft hat sich weiterentwickelt.

          Katharina Iskandar

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die Bestimmung von Projektilen ist für Kriminalisten inzwischen keine große Herausforderung mehr, und statt dem bloßen Fingerabdruck zählt heute vor allem die DNS. Sollte es künftig aber ähnlich spektakuläre Fälle geben, werden die Spuren wohl nur noch an eine Adresse geschickt: nach Wiesbaden, an die Äppelallee, wo das Bundeskriminalamt (BKA) gestern sein neues Kriminaltechnisches Institut eröffnet hat.

          „DNS-Analyse - Revolution des 21. Jahrhunderts“

          Wer in dem Gebäude mit 12.500 Quadratmetern Fläche über die Flure schleicht, wird nicht das Gefühl haben, in einer Polizeibehörde zu sein. An den Tischen sitzen Frauen und Männer in sterilen Kitteln, Maschinen bewegen sich roboterartig hin und her und geben fauchende Laute ab. Polizeiarbeit, sagte Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) gestern bei der Eröffnung, komme heutzutage nicht mehr ohne technischen und wissenschaftlichen Fortschritt aus. Und so ist der BKA-Neubau ein 53 Millionen Euro teures Vorzeigeobjekt der größten deutschen Sicherheitsbehörde, deren Kriminaltechnisches Institut schon vor dem Umzug hohes Ansehen genossen hat und auch Asservate im Auftrag von anderen europäischen Ländern untersucht.

          Platz für 300 Mitarbeiter: das neue Gebäude an der Äppelallee

          In einem der 620 Räume sitzt Marion Dötsch an einem Mikroskop. Sie untersucht eine schwarze Jacke, die vor ihr auf dem Tisch liegt, am Kragen. Einem Gegenstand hafteten in der Regel unzählige Fremdzellen an, sagt Hermann Schmitter, der Fachmann für DNS-Spuren ist. Maschinen könnten die Spuren zwar auswerten, aber nicht aussortieren. Das könne nur das geübte Auge eines Menschen. Dötsch sichert nur jene Spuren, die potentiell dem Täter zugeschrieben werden können. Erst dann wird die DNS analysiert.

          „Die DNS-Analyse“, sagt BKA-Chef Jörg Ziercke, „ist eine Erfolgsgeschichte, eine Revolution des 21. Jahrhunderts, ein wahrer Quantensprung“. Und weil für diese Analysen Fachleute nötig seien, sei die Allianz zwischen Wissenschaft und Polizeiarbeit unverzichtbar. 300 Mitarbeiter aus 60 verschiedenen Berufssparten – darunter Biologen, Chemiker und Physiker – gibt es beim BKA. Sie arbeiten nun erstmals unter einem Dach.

          Untersuchung von synthetischen Drogen

          Ein solcher Wissenschaftler ist auch Thomas Schäfer, promovierter Chemiker und Fachmann für Kernresonanzspektroskopie und für die Charakterisierung organisch-chemischer Produkte. Auch er hat in dem Neubau seine eigene Abteilung, die sich über einen der vielen Trakte erstreckt. Sein neuestes Arbeitsgerät ist der sogenannte NMR-Spektrometer – ein etwa 2,50 Meter hohes zylindrisches Gerät, das innerhalb von fünf bis sieben Minuten eine synthetische Droge in ihre Bestandteile zerlegt und diese analysiert. Schäfer zeigt das am Beispiel einer Ecstasy-Tablette.

          Auf dem Computermonitor sind unterschiedlich hohe Ausschläge zu erkennen – die chemische Komposition. Die Untersuchung von synthetischen Drogen sei seit jeher eine der Hauptaufgaben des BKA, sagt Schäfer. „Wir wollen schließlich wissen, aus welchen illegalen Laboren die Drogen kommen, wie die Vertriebswege sind und nicht zuletzt auch, was tatsächlich auf den Straßen verkauft wird.“ Das könne man nur, wenn man „die Handschrift“ zuordne, die das beschlagnahmte Rauschgift trage.

          „Hauptfaktor ist der Mensch“

          Nach den Worten Zierckes will das BKA weiterhin „Vorreiter für neue Wege“ sein. Die DNS-Technik sei noch längst nicht ausgereizt, sagt der BKA-Chef. Im Sinne einer „kreativen Spurensuche“ bekämen auch Boden- und Vegetationsspuren eine immer größere Bedeutung. Gerade kürzlich hat das Kriminaltechnische Institut in einem Forschungsprojekt versucht, pflanzliches Material mittels molekulargenetischer Verfahren zu analysieren – ähnlich wie bei der Untersuchung menschlicher DNS. Es gelang, bei einer Mordermittlung ein Eichenblatt aus dem Fahrzeug des Tatverdächtigen einem bestimmten Baum in der Nähe des Leichenfundorts zuzuordnen.

          Dies gilt nach Ansicht von Gottfried Vordermaier schon jetzt als „bahnbrechender Erfolg“. Vordermaier, der das Kriminaltechnische Institut seit 2002 leitet, kennt sich mit den kriminalwissenschaftlichen Möglichkeiten wohl wie kein zweiter aus. Trotz aller technischer Errungenschaften, sagt er, bleibe „der wesentliche Hauptfaktor“ aber der Mensch. Denn untersucht werden könne am Ende nur das, was am Tatort gefunden werde.

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