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Bistum Mainz : „Die Institution Kirche wird kleiner“

Soll nicht aufgegeben werden: die katholische Akademie Erbacher Hof nahe dem Mainzer Dom Bild: Bistum Mainz

Defizite in Höhe von mehr als 100 Millionen Euro: Der Bischof des Bistums Mainz muss Ausgaben kürzen – und trennt sich von sechs Schulen und drei Tagungshäusern. Ein Problem wird das nicht bekämpfen können.

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          Schon am Tag nach seiner Weihe, am 28. August 2017, hat sich der damals neue Bischof Peter Kohlgraf erstmals intensiv mit den Finanzen des Bistums Mainz beschäftigt. Seitdem hat sich die Lage nicht gebessert. Vielmehr sind Jahr für Jahr weitere Defizite in Höhe von insgesamt mehr als 100 Millionen Euro hinzugekommen. Deshalb versucht sich die Diözese nun in einem Kraftakt von einer ihrer Meinung nach nicht mehr länger zu stemmenden Finanzlast zu befreien.

          Markus Schug
          Korrespondent Rhein-Main-Süd.

          Konkret sollen drei Tagungshäuser – in Bingen, Heppenheim und Ilbenstadt – bis spätestens 2022 aufgegeben werden. Und für sechs bis dato noch katholische Schulen, vier davon in Mainz, wird in Gesprächen mit den jeweils zuständigen Ländern, Kreisen und Städten nach Lösungen gesucht, um Trägerschaft und Gebäudeunterhaltung in andere Hände zu übergeben. Damit verbunden wäre die Übernahme von zirka 250 verbeamteten Lehrern, deren Pensionsansprüche den Bistumshaushalt schon seit Jahren, vor allem aber zu Niedrigzinszeiten, stark belasten.

          Rund 70 Millionen Euro, bald ein Drittel der erwarteten Kirchensteuereinnahmen in Höhe von 233 Millionen Euro, entfallen laut Wirtschaftsplan 2020 auf Schulen, Hochschulen und Religionsunterricht. Das sei eine bedenkliche Entwicklung, die nach Ansicht von Bischof Kohlgraf und Weihbischof Udo Markus Bentz, dem Ökonom des Bistums, den selbst zum sparsamen Haushalten gezwungenen Pfarreien und den Pastoralen Räten immer schwerer vermittelt werden könne.

          „Öffentlich und transparent diskutiert“

          Am Mittwoch haben die beiden obersten Repräsentanten der Diözese im Erbacher Hof in Mainz ihre Pläne zur Neustrukturierung des Bildungs- und Tagungsbereichs vorgestellt, die vor allem mit Blick auf die sechs vor großen Veränderungen stehenden Schulen noch „öffentlich und transparent diskutiert“ werden sollen.

          Unterm Strich hofft das Bistum, mit der Schließung der Tagungshäuser Am Maiberg in Heppenheim, St. Gottfried in Ilbenstadt in der Wetterau und des Kardinal-Volk-Hauses auf dem Rochusberg bei Bingen sowie durch die Abgabe der Trägerschaft für mehrere Schulen jährlich rund 15 Millionen Euro einzusparen.

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          Bis 2030 müsse der Haushalt sogar um bis zu 50 Millionen Euro pro Jahr entlastet werden, sagte Generalvikar Bentz, falls man nicht weiterhin auf die in besseren Zeiten gebildeten Rücklagen zugreifen wolle. Von „schmerzhaften Einschnitten“, die an den betroffenen Standorten mit Sicherheit sehr emotional aufgenommen und diskutiert werden dürften, sprach Kohlgraf, der früher selbst viele Jahre lang als Religionslehrer und Schulseelsorger tätig war. Aktuell ist das Bistum Mainz Träger von 18katholischen Schulen etwa in Mainz, Darmstadt und Offenbach.

          Ausbau spiritueller Zentren

          „Die Institution Kirche wird kleiner – an Mitgliedern, an finanziellen Mitteln und auch an Menschen, die sich für ein christliches Profil engagieren wollen“, so Kohlgraf: „Es ist jetzt unsere Aufgabe, der Kirche im Rahmen des Pastoralen Weges ein Gesicht zu geben, das in diese veränderte Zeit passt.“

          Bei den Tagungshäusern, die zum Teil schon früher nicht wirtschaftlich hätten betrieben werden können und die coronabedingt fast gar nicht mehr gebucht worden seien, setzt das Bistum aber nicht nur auf Schließungen. Vielmehr will man andere Standorte, wie die Klöster Jakobsberg bei Ockenheim und Engelthal bei Altenstadt an der Nidder, als „spirituelle Zentren“ ausbauen. Dort sollen fortan etwa Exerzitien angeboten sowie Kirchenmusik und Bildungsarbeit gebündelt werden. Auch der Erbacher Hof in Mainz, die Akademie des Bistums, soll erhalten bleiben und mit einem modifizierten Konzept, unter anderem mit mehr Veranstaltungen in der Region, aufgewertet werden.

          Bei den Bildungseinrichtungen stehen gleich zwei katholische Mädchengymnasien, die Liebfrauenschule in Bensheim und die Hildegardisschule in Bingen, vor gravierenden Veränderungen. Denn es erscheint mehr als ungewiss, dass beide Häuser nach einem Trägerwechsel ihr bisheriges Schulprofil behalten können. Auch wenn das Bistum vorsorglich angekündigt hat, dass man sich nach der angestrebten Umwandlung auf der Leitungsebene ja nicht komplett aus dem Unterricht und der Schulseelsorge zurückziehen werde.

          Fast 16.000 Katholiken weniger

          Für das Mainzer Theresianum, das gerade für einen zweistelligen Millionenbetrag saniert wird, soll eine Stiftungslösung gefunden werden. Was in der Vergangenheit etwa für die einst von Ordensgemeinschaften geführte Mainzer Maria-Ward-Schule und die Edith-Stein-Schule in Darmstadt gelungen sei. In staatliche Verantwortung abgeben möchte das Bistum die kleine Martinus-Grundschule im Mainzer Stadtteil Gonsenheim und das Ketteler-Kolleg und Abendgymnasium im Münchfeld. In der zweiten Mainzer Martinusschule, dem Haus an der Weißliliengasse in der Innenstadt, soll zwar der Realschulzweig ausgebaut, der dazugehörige Grundschulzweig allerdings sukzessive aufgegeben werden.

          Grundsätzlich sei es möglich, eine Trägerschaft zum Ende des jeweils nächsten Schuljahres zu kündigen, erklärte Bentz gegenüber der F.A.Z. Solche Schnellschüsse seien jedoch nicht geplant. In einem nächsten Schritt müsse dann über die gut 210 Kindertagesstätten des Bistums in Hessen und Rheinland-Pfalz nachgedacht werden, über deren Zukunft aber in jedem Einzelfall mit den zuständigen Gemeinden zu beraten sei.

          Die Zusammenlegung von Pfarreien und die Schaffung neuer Pastoralräume bleibe ebenfalls ein wichtiges Thema. „Allein 2018 und 2019 sind wir im Bistum Mainz fast 16.000 Katholiken weniger geworden“, sagte Kohlgraf. Eine Umkehrung dieses Trends sehe er nicht. Das bedeute langfristig, „dass die finanzielle Tragfähigkeit der Diözese Mainz erheblich sinken wird“.

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