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Bildung : Vor dem Ferienende in Hessen: Streit um Ganztagsschulen

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Bildungsmisere, Erziehungsdefizite oder die Vereinbarkeit von Familie und Beruf: Ganztagsschulen sollen eine Fülle gesellschaftlicher Schwierigkeiten lösen. Um die Einrichtung und den Ausbau dieser Schulen schwelt in Hessen jedoch ein Streit.

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          Bildungsmisere, Erziehungsdefizite oder die Vereinbarkeit von Familie und Beruf: Ganztagsschulen sollen eine Fülle gesellschaftlicher Probleme lösen. Um die Einrichtung und den Ausbau dieser Schulen schwelt in Hessen jedoch ein Streit: Lehrer und Eltern werfen der Landesregierung vor, „Billigmodellen“ den Weg zu ebnen. „Wir haben die Ganztagsangebote in nur drei Jahren verdoppelt“, entgegnet Ministeriumssprecher Ralf Hörnig.
          Die Zahl der Schulen mit Ganztagsangeboten wächst im neuen Schuljahr von 229 auf 290. „Was die Teilnahmequote an Ganztagsangeboten angeht, steht Hessen schon jetzt an zweiter Stelle der alten Länder - nach Nordrhein-Westfalen“, sagt Hörnig.

          Der Ganztagsschulverband (GTS) Hessen und die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) halten Kultusministerin Karin Wolff (CDU) vor, unter dem Oberbegriff Ganztagsschule nur Schulen mit pädagogischer Mittagsbetreuung zu fördern. Von den 61 neuen Schulen seien 15 Sonderschulen; die anderen 46 böten bloß Mittagsbetreuung. Nur ein Bruchteil der Anträge auf Ganztagsangebote sei genehmigt worden. Die Zahl der „echten Ganztagsschulen“ - mit Angeboten an fünf Nachmittagen bis mindestens 16.00 Uhr - stagniere seit zehn Jahren.

          „Zahl der Stellen bei Ganztagsschulen um 11,2 Prozent gekürzt“

          Diese Schulen müßten sogar mit immer weniger Lehrern auskommen, heißt es: „Die Stellenkürzungen bei den klassischen Ganztagsschulen betragen allein in diesem Jahr 11,2 Prozent“, kritisiert der GTS-Landesvorsitzende Guido Seelmann-Eggebert. Früher habe ihnen das Ministerium 30 Prozent mehr Lehrerstellen zugestanden als einer herkömmlichen Halbtagsschule. Davon seien nur 17 Prozent geblieben.

          Außer den Sonderschulen gibt es in Hessen nach Angaben von GEW und GTS 15 klassische Ganztagsschulen, davon sechs Grundschulen. Dazu kämen - ohne Sonderschulen - rund 30 Schulen, die wenigstens drei Mal in der Woche bis in den späten Nachmittagen Projekte, Arbeitsgruppen, Sport, Musik oder Wahlfächer böten. Den Ausbau dieses Schultyps fördere Wolff aber auch nicht, kritisiert GEW-Landeschef Jochen Nagel. „Nur eine höhere Zahl der echten Ganztagsschulen bietet die Chance, neue pädagogische Konzepte zu entwickeln und damit auch die Bildungschancen aller Kinder und Jugendlichen zu verbessern.“

          So sieht es auch der zum Beamtenbund zählende Verband Bildung und Erziehung. „Ganztagsschule ist eine Schule, die den ganzen Tag Schule macht, und nicht eine verlängerte Mittagspause mit Vereinsbetreuung“, sagt Landesvorsitzender Helmut Deckert. Ganztagsschulen entstünden derzeit eher nach dem Zufallsprinzip; es fehle eine geordnete Entwicklung.

          Land: Pflichtunterricht am Nachmittag aber gefragt

          Nach Darstellung des Kultusministeriums ist Pflichtunterricht am Nachmittag aber kaum gefragt. Deshalb werde man den Eltern nicht die verpflichtende Ganztagsschule „aufstülpen“, sagt Ministeriumssprecher Hörnig. Nur vier von gut 200 Anträgen auf Einrichtung eines Ganztagsangebots für das Schuljahr 2004/2005 hätten auf eine volle Ganztagsschule gezielt. Seelmann-Eggebert führt das aber darauf zurück, daß man den Schulen die Aussichtslosigkeit weitergehender Wünsche signalisiert habe: „Das Interesse an Ganztagsschulen wächst, aber es paßt nicht in die Bildungspolitik der Ministerin.“

          Bundesweit vorn ist Hessen nach Ansicht des GTS-Bundesvorsitzende Stefan Appel allerdings mit seinen Qualitätsrichtlinien für ganztägig arbeitende Schulen“. Der Entwurf schreibe etwa neben Speiseraum und Küche auch einen Freizeitbereich, eine Bibliothek und Raum für Tisch- und Bewegungsspiele vor. Er verlange ein Konzept und definiere Pflichtangebote, etwa für soziales, selbstständiges und fachübergreifendes Lernen, lobt Appel. Allerdings ermögliche er es dem Ministerium, Ganztagsschulen nach Finanzlage zu fördern. Das Papier soll laut Ministerium zum neuen Schuljahr in Kraft treten.

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