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Urteil nach Betrug an Senioren : „Wenn ich rauskomme, sind die alten Leute sowieso tot“

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Am Landgericht Darmstadt fielen zwei Verurteilte mit vulgärem Verhalten auf. (Archivbild) Bild: dpa

Entscheidung am Landgericht Darmstadt: Weil ein diebisches Duo in mehr als zehn Fällen Senioren mit einer perfiden Masche betrogen hat, sind beide Männer zu mehreren Jahren Haft verurteilt worden. Reue zeigen sie keine.

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          Mit so deutlichen Worten eines Gerichts werden Angeklagte eher selten ins Gefängnis geschickt. Doch die dritte Strafkammer am Landgericht Darmstadt hat nicht mit Kritik gespart, als sie ein diebisches Duo zu vielen Jahren Haft verurteilt hat. Wegen gewerbsmäßigen Diebstahls in zehn Fällen ist ein fast 70 Jahre alter Mann zu sechseinhalb Jahren, sein Sohn wegen gewerbsmäßigen Diebstahls in einem Fall, gewerbsmäßiger Hehlerei und Geldwäsche zu vier Jahren Haft verurteilt worden. Die zu Prozessbeginn demonstrativ zur Schau gestellte Lässigkeit der Angeklagten ist den Männern schnell vergangen.

          Der Vater und sein 47 Jahre alter Sohn hatten laut Gericht betagte, oft gehbehinderte Senioren mit einer perfiden Masche dazu gebracht, unter anderem ihre Bankschließfächer zu leeren und Geld sowie Gold und andere Wertsachen nach Hause zu holen. Dort hatte sich meist der ältere Angeklagte, getarnt als Installateur oder Polizist, Zutritt verschafft. Nachdem der Angeklagte die Senioren abgelenkt hatte, habe er sich laut Anklage die aus den Schließfächern stammenden Wertsachen geschnappt und sei damit getürmt. Unter anderem 10.000 Euro, 2000 Schweizer Franken und einmal sogar 150´.000 Euro sowie einen Goldbarren sollen die Diebe innerhalb von knapp sechs Monaten erbeutet haben. Das jüngste Opfer war 75 Jahre alt, das älteste 91.

          „Sie haben sich gezielt sehr alte und gehbehinderte Opfer ausgesucht und deren Gebrechen ausgenutzt“, so der Vorsitzende Richter zu den beiden Angeklagten. Von dieser Masche lebe die Familie des Angeklagten seit inzwischen 20 Jahren. Mehrfach hatten Vater und Sohn wegen ähnlicher Taten schon im Gefängnis gesessen. Als das Duo seine letzten, jetzt in Darmstadt verhandelten Diebestouren begangen hatte, stand der Junior sogar noch unter laufender Bewährung.

          „Absurde“ und „drehbuchreife“ Geschichten

          Was auch immer die Angeklagten vor Gericht geäußert hatten, die Kammer nahm es ihnen nicht ab. „Absurd“ und „drehbuchreif“ seien die Geschichten gewesen. „Sie haben uns hier ziemlich dreist angelogen“, sagte der Vorsitzende. Selbst, als bei den Männern Teile des gestohlenen Geldes sichergestellt worden waren, hatten diese noch bestritten, dass die Scheine von ihren Diebestouren stammen. Der Vater etwa hatte angegeben, dass er die 2000 Schweizer Franken, die im Schließfach seines Sohnes gefunden worden waren, in einem Schnellrestaurant erhalten habe. Dort habe er beim Essen gesessen, als ihn ein Paar vom Nebentisch auf seinen Ring, den er trug, angesprochen habe. „Der hat ihnen so gut gefallen, dass sie ihn gleich gekauft haben“, hatte der Neunundsechzigjährige dem Gericht weismachen wollen.

          Da das Paar aber nur über Schweizer Franken verfügt habe, hätten sie den Ring damit bezahlt. Dass bei einer Diebestour genau 2000 Franken erbeutet worden waren, müsse demnach Zufall gewesen sein. „So etwas kann man sich nicht mehr anhören“, so der Richter zum Angeklagten. „Und Sie können doch nicht glauben, dass Ihnen jemand das abkauft?“ Offenbar aber hatte auch der Sohn erwartet, dass er mit solchen Absurditäten davonkommt – und ebenfalls versucht, dem Gericht Lügengeschichten aufzutischen. Sein vermeintliches Alibi für eine angeklagte Tat allerdings war geplatzt. Außerdem waren bei ihm 120 000 Euro gefunden worden, die neben seinen Spuren auch Abdrücke einer Geschädigten aufgewiesen hatten. Das Geld aber will der Sohn von einem Bekannten, dessen Namen er dem Gericht nicht nennen wolle, erhalten haben. Der habe es ihm zur Aufbewahrung gegeben. Woher dieser Bekannte das Geld hatte, das wisse er nicht.

          Das Verhalten: drohend, pöbelnd und vulgär

          Zwar habe der angeklagte Vater sowohl die letzte Tat, bei der er von der Polizei gefasst worden war, als auch drei weitere Diebstähle, bei denen er von Überwachungskameras gefilmt sowie von einem Opfer wiedererkannt worden war, eingeräumt. „Aber es blieb ja nichts anderes übrig“, sagte der Vorsitzende. Ansonsten hätten die Angeklagten weder Reue noch Einsicht gezeigt. Das zeigten auch Äußerungen des angeklagten Vaters, die er nach seiner Verhaftung bei der Polizei gemacht hatte, so das Gericht. Was der Beamte denn von ihm wolle, habe der Mann gesagt. „Wenn ich aus dem Knast komme, sind die alten Leute doch sowieso tot.“ Das, so der Vorsitzende Richter, passe genau ins Bild, das die Kammer von den Angeklagten erhalten habe. In dieses Bild passt auch, wie sich die Angehörigen der Männer nach der Urteilsverkündung verhalten haben: drohend, pöbelnd und vulgär. Die Familie, die nach Erkenntnis des Gerichts von dem ergaunerten Geld gelebt hat, offiziell aber mit dem Schleifen von Scheren ihren Unterhalt verdient haben will, bedrohte Zuschauer und griff sie verbal auf primitivste Weise an.

          Der Verteidiger des angeklagten Siebenundvierzigjährigen, der sich im Gerichtssaal tränenreich seiner kleinen Tochter und deren Mutter zugewandt hatte, hatte auf Freispruch plädiert: Dem Mann könne nichts nachgewiesen werden. Die beiden Anwälte des Vaters forderten nicht mehr als vier Jahre Haft für die vier eingeräumten Taten. Die Staatsanwaltschaft hatte für die Angeklagten sogar noch höhere Haftstrafen gefordert, als das Gericht letztlich verhängte. Und auch, wenn die Verteidiger Revision einlegen: Weihnachten werden die verurteilten Diebe im Gefängnis verbringen müssen.

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