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Verabschiedung Army-General : „30.000 Soldaten wie 300.000 aussehen lassen“

Mann klarer Worte: Generalleutnant Ben Hodges Bild: Frank Röth

Mit dem scheidenden Oberkommandierenden der US-Army in Europa, Ben Hodges, verliert der Westen einen unverblümten Fürsprecher für mehr europäische Zusammenarbeit.

          Eigentlich hatte sich Ben Hodges eine kleine Zeremonie ohne viel Tamtam gewünscht. So richtig klein geht es aber nun einmal nicht, wenn ein Drei-Sterne-General aus dem Dienst scheidet und den Befehl über 30.000 Soldaten abgibt. Und so wurde der Abschied des Oberkommandierenden der Army in Europa gestern in der Clay-Kaserne in Wiesbaden doch mit gut 260 Ehrengästen und reichlich militärischem Tamtam zelebriert.

          Peter Badenhop

          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          Während es draußen ununterbrochen regnete, fand sich in einem großen Hangar des Militärflugplatzes am Rande der Landeshauptstadt eine Ansammlung von Sternen ein, wie sie selbst in einem europäischen Hauptquartier selten ist. Generäle aus praktisch allen Nato-Staaten waren anwesend, darunter Bundeswehr-General Markus Laubenthal, der von 2014 bis Anfang 2016 erster deutscher Stabschef im Army-Headquarter gewesen war.

          Hodges verlässt die Army nach 37 Dienstjahren, in denen er nicht nur Kommandos im Irak und in Afghanistan führte, sondern auch mehrfach in Deutschland eingesetzt war. Oberkommandierender der Army in Europa wurde er 2014. Von der Clay-Kaserne in Wiesbaden-Erbenheim aus befehligte er die rund 30.000 in Europa verbliebenen amerikanischen Soldaten, von denen die meisten in Deutschland stationiert sind.

          In Militärkreisen gilt Hodges’ Zeit an der Spitze des amerikanischen Heeres in Europa als eine der dynamischsten der vergangenen Jahrzehnte. Vehement hat sich der General in seinen drei Jahren als Kommandeur immer wieder auch öffentlich für eine Stärkung der transatlantischen Zusammenarbeit und des amerikanischen Engagements in Europa eingesetzt. Als erster General auf diesem Posten trat er in deutschen Talkshows auf, hielt freimütige Reden und gab zahllose Interviews, in denen er ein ums andere Mal vor der Bedrohung Europas durch die aggressive Politik Russlands warnte und mehr militärisches Engagement des Westens und eine intensivere Kooperation innerhalb der Nato forderte. Und die Bundesverteidigungsministerin ließ er unverblümt wissen, für ein Land, das eine Führungsrolle in der EU spiele, seien „Hubschrauber, die nicht fliegen“ und Flugzeuge, die nicht zu gebrauchen seien, nicht akzeptabel.

          Von Hodges stammt auch die nur halb scherzhaft gemeinte und an Washington gerichtet Formulierung, er müsse 30.000 amerikanische Soldaten so aussehen lassen wie 300.000, um den immer rücksichtsloser auftretenden Russen etwas entgegensetzen zu können. Stetig forderte er mehr amerikanische Einheiten auf europäischem Boden und eine Umkehr der massiven Truppenreduzierungen unter den Präsidenten George W. Bush und Barack Obama. In Washington sorgte das mitunter für Irritationen, im Pentagon soll es hinter verschlossenen Türen regelmäßig Klagen über den General gegeben haben, der nicht bereit war, ein Blatt vor den Mund zu nehmen.

          Aber Hodges hat mit seinem Beharrlichkeit einiges bewegt: Das Pentagon lässt inzwischen regelmäßig eine weitere Kampfbrigade nach Europa rotieren. Die Nato hat an ihrer Ostflanke große, öffentlichkeitswirksame Übungen abgehalten, zudem hat sie im Juli 2016 beschlossen, von der Politik der Zusicherung für die östlichen Alliierten zu einer Politik der Abschreckung gegenüber Russland überzugehen und multinationale Kampfverbände von jeweils gut 1.000 Mann in den drei baltischen Staaten und Polen stationiert.

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          In den vergangenen Monaten hatte es sogar Spekulationen gegeben, die Army-Führung suche nicht einfach nur nach irgendeinem Nachfolger für Hodges, sondern nach einem Offizier mit besonderem Potential. Sprich: nach einem „beförderungsfähigen“ Drei-Sterne-General, mit dem der Posten des Europa-Kommandeurs wieder zu einem Vier-Sterne-Kommando gemacht und damit deutlich aufgewertet werden könnte. Im Zusammenhang damit stand die Erwartung – und in Europa auch die Hoffnung –, das Pentagon werde als Rechtfertigung einer solchen Aufwertung das V. Corps wieder zum Leben erwecken. Dieser 2013 außer Dienst gestellten Kommandoeinheit waren im Kalten Krieg mehr als 100.000 Soldaten zur Verteidigung des „Fulda-Gap“ unterstellt gewesen. Dass die Wiederbelebung des zuletzt als mobiler Planungs- und Führungsstab eingesetzten Corps auch in seinem Sinne wäre, daraus hat Hodges nie ein Hehl gemacht. Allerdings gibt es in Washington bisher keine Anzeichen dafür, dass das „Victory Corps“ tatsächlich zurückkehren könnte.

          Die Suche nach einem Nachfolger für den neunundfünfzigjährigen Hodges, der bereits im September planmäßig aus der Army ausscheiden sollte, gestaltete sich ungewöhnlich schwierig. Eine Rolle mag dabei die nicht ganz reibungslose Einarbeitung der neuen Administration in Washington gespielt haben; um mehrere Monate verlängert werden musste Hodges Amtszeit vor allem aber, weil der vom Präsidenten nominierte Kandidat, Generalmajor Ryan Gonsalves, einen Kongressmitarbeiter so ungebührlich behandelt haben soll, dass er inzwischen seines Posten als Kommandeur der 4. Infantry Division enthoben wurde. Seither ist die Army-Führung weiter auf der Suche nach einem geeigneten Offizier.

          Gestern übernahm zunächst Hodges Stellvertreter Generalmajor Timothy McGuire gewissermaßen geschäftsführend das Kommando. Am Rande der Zeremonie wurde allerdings bekannt, dass die Bestätigung und Ernennung von Generalmajor Christopher Cavoli durch den Senat offenbar kurz bevorsteht. Mit ihm käme ein Mann an die Spitze des amerikanischen Europa-Heeres, der bis vor anderthalb Jahren das Army-Trainingcenter im oberpfälzischen Grafenwöhr geleitet hat und wie Hodges ein Advokat einer engeren multinationalen Kooperation innerhalb der Nato ist. Aber auch Hodges selbst wird Europa verbunden bleiben: Er zieht zwar in seinen Heimatstaat Florida, wird aber künftig für das Center for European Policy Analysis arbeiten, eine Denkfabrik mit dem Schwerpunkt Sicherheitspolitik und Osteuropa. In der Clay-Kaserne in Wiesbaden war er gestern sicher nicht zum letzten Mal.

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