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: Beim Streifzug durch Steinbruch neues Mineral entdeckt

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Der Sailaufit ist ein eher unscheinbares Mineral. Hauchzart überzieht er auf einer Fläche von einigen Quadratmillimetern wie eine dünne Schmutzschicht das Gestein. Doch die Ansicht im Mikroskop offenbart ...

          Der Sailaufit ist ein eher unscheinbares Mineral. Hauchzart überzieht er auf einer Fläche von einigen Quadratmillimetern wie eine dünne Schmutzschicht das Gestein. Doch die Ansicht im Mikroskop offenbart einen eindrucksvollen Mikrokosmos: Auf nachtschwarzem Grund funkeln dort seine Kristalle wie abertausend Sterne am Firmament. Weltweit gibt es von dem Mineral Sailaufit vermutlich nicht mehr als ein halbes Kilo, schätzt sein Entdecker Joachim Lorenz aus Karlstein. Die begrenzte Menge allein garantiert schon beträchtlichen materiellen Wert, auch wenn es für den Sailaufit bisher keine technische Verwendung gibt.

          Doch die eigentliche Bedeutung liegt für Lorenz ohnehin in der Untersuchung seiner Strukturen und, wie bei einem Kunstwerk, in seiner heimlichen Schönheit und Besonderheit. Für den Spessart besitzt der Sailaufit noch einen weiteren Pluspunkt: Seit dem Jahr 1861 ist es nach dem Braunsteinkiesel Spessartit (1785), dem Kobaltvitriol Bieberit (1845) und dem Magnesiumarsenat Rösslerit (1861) das erste Mineral aus dem Spessart, das von der Wissenschaft als völlig neuartig anerkannt wurde. Gefunden im Rhyolith-Steinbruch in der Hartkoppe bei Ober-Sailauf, gab man ihm den Namen Sailaufit und reihte es damit in die Gruppe der rund 4100 bis heute weltweit bekannten Mineralien ein.

          Ebensogut hätte man es - wie seinerzeit das Rösslerit nach dem Hanauer Mäzen und Hutfabrikanten Rössler - nach seinem Entdecker Lorenzit nennen können. Denn der Karlsteiner, der hauptberuflich als Sicherheitsingenieur bei der Firma M.A.N. Roland beschäftigt ist, legte nicht nur ein geschultes und scharfes Auge an den Tag, um unter dem Deckmantel der vermeintlichen Schmutzschicht die Einzigartigkeit des Materials zu erahnen. Er brachte außerdem die nötige Portion Hartnäckigkeit auf, damit sein Fund zum verdienten wissenschaftlichen Durchbruch kam. Dazu war ein sehr langer Atem nötig: 14 Jahre ist es schon her, daß Lorenz das neue, viele Millionen alte Mineral von einem seiner Streifzüge durch den Steinbruch bei Sailauf mitbrachte.

          In diesen Rhyolith-Steinbruch, einen der letzten großen, in Betrieb befindlichen Steinbrüche des Spessarts, zieht es Lorenz wegen des großen Reichtums an Schätzen der Erde immer wieder. Er hat von den Besitzern dort nicht nur Betretungsrecht, gelegentlich führt er auch Besuchergruppen durch das unwegsame Gelände. Der meist rötlich gefärbte Rhyolith wird vor allem für den Belag von Straßen verwendet. Vor 330 Millionen Jahren drang er in flüssiger Form aus den Tiefen der Erde nach oben. Er erstarrte und wurde später von Buntsandstein überlagert. Dem Einbruch des Oberrheingrabens ist es laut Lorenz zu verdanken, daß im Gebiet des Spessarts der Buntsandstein abgetragen und der Rhyolith, nur überlagert von den jüngeren Sedimenten des Zechsteins, sowie andere geologische Reichtümer zugänglich wurden. In dem Rhyolith wurden bis zu 100 verschiedene Mineralien eingeschlossen, eines davon war der Sailaufit.

          Mit seiner Entdeckung im Jahr 1989 hatte Lorenz den Hobbyfund seines Lebens gemacht. Wie viele Kinder sammelte er schon in frühen Jahren Steine und Kristalle und verharrte danach, wie er selbst sagt, bis heute in der "frühpubertären Steinesammlerphase". Mittlerweile hat er das Laienstadium längst hinter sich gelassen. Nicht nur die unzähligen mineralischen Fundobjekte, aufbewahrt in Schubladen im selbstentworfenen Kellerregal, zeugen von seiner fachmännischen Leidenschaft, auch zahlreiche Veröffentlichungen in der Fachliteratur stammen aus seiner Feder. Anders wäre es auch nicht möglich gewesen, den Sailaufit bekannt zu machen.

          Bei den ersten Untersuchungen bestimmte Lorenz das Material als Arseniosiderit, allerdings wies die chemische Zusammensetzung Abweichungen auf. In Zusammenarbeit mit der Universität Würzburg wurde erfolglos eine Strukturbestimmung versucht. Auch weitere Untersuchungen in den kommenden Jahren blieben ohne Ergebnis. Schließlich reiste Lorenz einem Würzburger Professor nach Wien nach, wo mit weiteren zehn Proben ein letzter Versuch gewagt wurde.

          Ein neues computergesteuertes Röntgengerät, laut Lorenz ein "Wunderwerk der Röntgenstrukturanalyse", bestimmte die Lage und Art aller Atome einer Zelle des Minerals. Lorenz hatte den richtigen Riecher gehabt: Das erstellte Muster, einem genetischen Fingerabdruck vergleichbar, war bisher einzigartig. Zusammen mit allen anderen relevanten Daten wurde das Mineral unter dem Namen "Sailaufite" bei der zuständigen "International Mineralogical Organisation" angemeldet.

          Nach der Anerkennung erschien im Juni vergangenen Jahres die erste wissenschaftliche Veröffentlichung über den Sailaufit. Seitdem arbeiten die Fachleute weltweit die Daten über das Mineral in ihre Datenbanken, Tabellenwerke und Bücher ein. Die Heimatgemeinde wurde gleichwohl nicht vergessen. In einer Feierstunde stellte Lorenz kürzlich "sein" Mineral vor und übergab dem Bürgermeister eine Probe für eine Ausstellung im Rathaus. LUISE GLASER-LOTZ

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