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: Behinderte arbeiten an computergesteuerten Maschinen

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"Wir haben die Wirtschaftskrise zu spüren bekommen und uns umgestellt", sagt Volker Stöhr, Produktionsleiter der Werraland-Werkstätten in Eschwege. Sie ist eine von 119 Einrichtungen für Behinderte, die sich in Offenbach auf der noch bis Sonntag dauernden Werkstätten-Messe vorstellen.

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          "Wir haben die Wirtschaftskrise zu spüren bekommen und uns umgestellt", sagt Volker Stöhr, Produktionsleiter der Werraland-Werkstätten in Eschwege. Sie ist eine von 119 Einrichtungen für Behinderte, die sich in Offenbach auf der noch bis Sonntag dauernden Werkstätten-Messe vorstellen. Stöhr klagt nicht darüber, daß er in den "klassischen Produktionssparten" wie dem Maschinenbau mittlerweile mit Firmen etwa aus Tschechien konkurrieren muß; der Produktionsleiter setzt auf kurze Wege zum Kunden, Präzision in der Ausführung und die penible Einhaltung von Terminen. Die Arbeit an computergesteuerten Maschinen sei für viele der 300Behinderten in der Werkstatt selbstverständlich, zum Beispiel wenn sie Gehäuseabdeckungen für Thermometer herstellten. Flexibilität und Investitionen haben sich laut Stöhr gelohnt: Der Umsatz stieg nach seinen Angaben im vergangenen Jahr um 15Prozent.

          Doch zur Werkstättenmesse ist Stöhr vor allem gekommen, um ein neues Produkt vorzustellen: das "Spielbausteine"- System "Bricki". Zehn Behinderte fertigen die aus geschnittenem Schaumstoff und mit einer beweglichen Kunststoffhaut überzogenen roten, gelben, blauen und grünen Bausteine. Sie lassen sich zu Phantasielandschaften, Häusern oder geometrischen Figuren zusammensetzen. Entworfen wurde das System von den professionellen Entwicklern der Firma "Lernspiel" aus Ringgau. Stöhr freut es, die Ringgauer ihr Spiel nicht als Massenartikel in Fernost herstellen lassen, sondern als "Premiumprodukt" in Deutschland von seiner Werkstätte.

          Neue Wege geht auch die "Bruderhaus Diakonie" in Wangen und Ravensburg, wo 60 psychisch kranke Menschen arbeiten. Durch die Kooperation mit der Handelsimportfirma "dwp", die biologische Produkte zu "fairen Bedingungen" aus 30Ländern der sogenannten Dritten Welt einführt, haben etwa zehn Behinderte einen dauerhaften Arbeitsplatz gefunden. Thomas Hoyer, Geschäftsführer von dwp, zeigt sich zufrieden mit seinen neuen Mitarbeitern: "Sie sind sehr selbständig und völlig integriert."

          Die Behinderten bedienen Abfüllmaschinen für Tee, Kaffee oder getrocknete Mango-Streifen, Sirup und Likör, prüfen den Wareneingang, wiegen die Produkte, etikettieren die Verpackungen und rechnen die Lieferung per Computer ab. Für Brunhild Brugger, Gruppenleiterin in der Werkstatt Wangen, ist die Kooperation mit dwp ein guter Weg, die behinderten Mitarbeiter in den ersten Arbeitsmarkt einzubeziehen: "Die kranken Menschen entdecken plötzlich, was es noch an Gesundem in ihnen gibt."

          Kathrin Paul, 33Jahre alt und an einer Psychose erkrankt, ist froh, daß sie in einem "normalen" Betrieb arbeiten kann. Seit vergangenem Oktober ist sie in Aalen mit neun weiteren Behinderten in dem Cafe "Samocca" beschäftigt, das vom Samariterstift Neresheim eingerichtet wurde. Dort serviert sie nicht nur Espresso und "Latte Macchiato", sie belegt auch die Bagels. "Das macht Spaß", sagt Paul, die bei der Werkstättenmesse unaufhörlich die Espressomaschine an der chic gestylten Theke des Ausstellungsstands bedient. Heilerzieherin Sabin Lehmann, die den Behinderten im Cafe hilft, will einigen von ihnen bald schon zeigen, wie man Kaffeebohnen röstet. Denn die Kaffeespezialitäten im "Samocca" werden aus selbstgerösteten Bohnen zubereitet.

          Selbstbewußt bewegt sich auch Daniela Leckebusch, die während der Messe am Ausstellungsstand der Sindelfinger "Genossenschaft der Werkstätten für Behinderte" arbeitet. In dem kleinen Einkaufsmarkt, der für die Messezeit aufgebaut wurde, räumt die Neunundzwanzigjährige Knoblauchöl und Balsamessing ins Regal. Seit 2001 ist sie in einem "CAP"-Einkaufsmarkt tätig. Nach Angaben von Thomas Heckmann, in der Genossenschaft für die Läden zuständig, sind insgesamt 90Behinderte in den bundesweit schon 15Einkaufsmärkten beschäftigt. Diese Franchise-Firmen hätten Erfolg in einem Nischenmarkt: der Versorgung mit Produkten des täglichen Bedarfs, dort, wo die Menschen wohnten.

          Die Behinderten verrichteten in den Läden alle Arbeiten und würden dabei von gewerblichen Mitarbeitern unterstützt. Die Märkte, deren Namen sich vom englischen "Handicap" - Benachteiligung - herleitet, sind für Heckmann "ein Modell zur Integration in den ersten Arbeitsmarkt". Im Herbst soll in Frankfurt ein von den Praunheimer Werkstätten betriebener "CAP"-Markt eröffnet werden. ajw.

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