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Bauwagensiedlung in Darmstadt : Figurentheater und Musenknutsch

  • -Aktualisiert am

Rüsselsheim: Elefant mit seinem Dompteur bei den Figurentheatertagen in der Bauwagensiedlung Diogenes Bild: Jan Mangelsdorf

Zwei Darmstädter Bauwagensiedlungen werben mit kleinen, aber feinen Festivals für ihre Lebensweise.

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          Schon das Aufsuchen der Bessunger Bauwagensiedlung „Diogenes“, die versteckt im Grünen liegt, irgendwo zwischen Waldkunstzentrum und Radrennbahn, gestaltet sich zur Schnitzeljagd. Aktuell ist „Diogenes“ einer von fünf Wagenplätzen in Darmstadt. Zwar unterscheiden sich die einzelnen Standorte in ihrer Größe und Entstehungsgeschichte, auch in der Anzahl und Mentalität ihrer Bewohner. Aber ihr gemeinsames Interesse gilt bezahlbarem und gemeinschaftlichem Wohnen in der Stadt sowie einem selbstbestimmten Leben, in dem Kultur und Umwelt nicht zu kurz kommen dürfen.

          „Weniger Luxus, aber dafür mehr Leben“ lautet ihre Devise. Immer mehr Stadtmenschen fühlen sich davon angezogen. Doch alle Darmstädter Wagenplätze sind derzeit voll. Es gibt Wartelisten, und die Suche nach neuen Standorten läuft schleppend. Zudem geht es auch in einer solchen „bunten“ Gemeinschaft nicht ohne Regeln. Schließlich müssen die Mitbewohner „menschlich und politisch zueinander passen“, wie es auf einer Internetseite der Wohnprojekte in Darmstadt so schön heißt. Wer einfach mal so bei „Diogenes“ vorbeischauen möchte, der wird vielleicht als störend empfunden. Wohnen doch hier ganz normale Menschen mit ganz normalen Jobs, die sich nicht ständig begutachten lassen wollen.

          „Wir sind Teil dieser Stadt, und wir wollen hier nicht weg“

          Außerdem muss man den Platz erst einmal finden. Mit ein bisschen Glück entdeckt man neben der Lichtenbergschule einen Trampelpfad, an dessen Beginn ein selbstgemaltes Hinweisschild warnt: „Achtung Wildschweine!“ Ist man mutig genug, sich von dort aus tiefer ins Gebüsch zu wagen, muss man noch an Brennnesseln, Brombeersträuchern und tiefer hängenden Ästen vorbei, bis man die ersten Bauwagen aus Holz erblickt. Tatsächlich würde man hier, mitten in der Natur und doch mitten in der Stadt, eher einen Waldkindergarten oder ein Geheimversteck von Jugendlichen vermuten als ein Zuhause von acht Erwachsenen und zwei Kindern.

          Mindestens einmal im Jahr wird diese Idylle allerdings für kurze Zeit unterbrochen. Dann nämlich laden die „Dorfbewohner“ die Öffentlichkeit zu einem dreitägigen Festival für Puppenspieler ein. Gleichzeitig nutzen sie auch die Gelegenheit, Interessierte über ihr alternatives Wohnprojekt zu informieren und die Stadt daran zu erinnern, dass es sie gibt. „Wir sind Teil dieser Stadt, und wir wollen hier nicht weg. Warum auch? Wir arbeiten und leben hier, haben also unser ganzes soziales Netz hier“, sagt Susanne Kanzler.

          Die Schreinerin, die schon seit Jahren in der Bauwagensiedlung „Diogenes“ lebt und diese „Lebensgemeinschaft auf Zeit“ genießt, fürchtet, dass der jetzige Standplatz bald dem Ausbau der nahen Kasernen hin zu gemischten Wohnquartieren weichen muss. „Früher sind wir regelmäßig mit unseren bunten Bauwagen auf den Luisenplatz gefahren, um für unsere Standplätze zu demonstrieren. Wir waren ja nur geduldet und wurden von der Stadt immer wieder von irgendwelchen Plätzen weggeklagt. Heute haben wir, dank der damaligen Mithilfe der Grünen, feste Verträge mit der Stadt. Aber so ganz sicher fühlen wir uns trotzdem noch nicht auf den heutigen Standplätzen“, verrät Horst Ranis.

          Der Informatiker ist ein Bauwagen-Veteran. 25 Jahre lang hat er auf dem Bauwagenplatz „Klabauta“ in Kranichstein gelebt. Inzwischen ist er berufsbedingt in eine Wohnung umgezogen. Trotzdem geht er immer noch gern auf die Darmstädter Bauwagenplätze, um dort seine Freunde zu treffen und mit ihnen die Moderation der Figurentheatertage oder die Inhalte der dazugehörigen Website zu besprechen.

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