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Baustellen in Rhein-Main : Schnell geht anders

Die Schiersteiner Brücke über den Rhein muss durch einen Neubau ersetzt werden. Bild: dpa

Manche Bauvorhaben dauern ewig. Mal regt sich Protest, mal wird schlampig gearbeitet, mal steigen die Kosten. Am Ende gilt in jedem der hier beispielhaft aufgeführten Fälle aus der Rhein-Main-Region: Die Hoffnung stirbt zuletzt.

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          Noch steht der Bauzeitenplan für das technologisch und logistisch anspruchsvollste Bauvorhaben in Hessen. Aber ob er angesichts der Corona-Krise einzuhalten ist, kann auch Jörg Blaurock nicht sagen. Der Technische Geschäftsführer und Baustellenmanager der internationalen Teilchenbeschleunigeranlage Fair in Darmstadt gibt sich zwar weiter optimistisch: „Alles läuft noch sehr gut im Moment.“

          Rainer Hein

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Darmstadt.

          Oliver Bock

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis und für Wiesbaden.

          Aber wie sonst auf der Welt ist auch auf dem 20 Hektar großen Baugebiet im Norden Darmstadts die Pandemie für den weiteren Bauverlauf zur großen Unbekannten geworden. Die riesige Forschungsanlage mit mehr als 20 unter- und oberirdischen Beschleuniger- und Experimentierbauwerken und mit einem Doppelringbeschleuniger im Umfang von 1100 Metern als Zentrum soll nach dem geltenden Zeitplan mit ersten Experimenten im Jahr 2025 in Betrieb genommen werden. Dieses Zeitfenster ist inzwischen allerdings nicht mehr verbindlich, sondern nach Blaurocks Worten „vage“.

          Der symbolische erste Spatenstich für das rekordverdächtige Bauvorhaben des GSI Helmholtzzentrums für Schwerionenforschung und der Fair GmbH fand im Sommer des Jahres 2017 statt. Seitdem hat es allerdings immer wieder die Notwendigkeit zu Nachjustierungen gegeben, insbesondere bei den Finanzen des Projekts. Inzwischen wird davon ausgegangen, dass das gigantische internationale Großlabor zur Erzeugung von Ionenstrahlen mit bisher unerreichter Intensität und Energie rund drei Milliarden Euro kosten wird.

          Corona-Opfer: Am Darmstädter Teilchenbeschleuniger droht Ungemach.

          Die Finanzierung der nächsten Aufträge für das südliche Baufeld ist, da die Bundesregierung die Erhöhung ihres Anteils schon verbindlich versprochen hat, zwar gesichert, wie Blaurock erläutert. Die Frage steht aber im Raum, ob die beauftragten Baufirmen auch die nötigen Mitarbeiter schicken können. „Vor sechs Wochen hatten wir noch mehr als 300 Arbeiter auf der Baustelle und waren im Zeitplan.“ Jetzt arbeite wegen der Corona-Pandemie nur noch die Hälfte der Mannschaft. Viele der Arbeitskräfte stammten aus dem Ausland und fielen daher aus.

          Noch sei zwar alles auf „sehr gutem Weg“, versichert Blaurock. Aber die weitere Entwicklung lasse sich nur schwer absehen. Zu den Unwägbarkeiten zählt, dass manche der technisch hochkomplexen Komponenten für die Beschleuniger- und Experimentieranlagen Einzelanfertigungen sind, die von den internationalen Partnern des Fair-Projekts nach Darmstadt geliefert werden. Zum Beispiel ein sogenannter Kollektorring, den die Russen in Nowosibirsk fertigen sollen.

          Die internationalen Lieferketten seien aber nicht nur zur Volksrepublik China gestört. Auch die Kommunikation zu Russland sei aktuell „sehr eingeschränkt“. Diese Störungen, so sagt Blaurock, hätten den Bauablauf bisher noch nicht so tangiert, dass der Eröffnungstermin für Fair verschoben werden müsste. Aber dem Technischen Geschäftsführer geht es beim Blick in die Zukunft nicht anders als den Politikern: Die Pandemie hat sich wie Nebel über seine Baustelle gelegt.

          Pfusch am Bau in Wiesbaden

          Warum soll es Hessens Landeshauptstadt bei dringend nötigen Infrastrukturvorhaben besser ergehen als anderen Kommunen und Kreisen. Citybahn? Eine unendliche Diskussion. Rheinbrücke? Unendliche Standortsuche und ergebnisloses Palaver mit Mainz. Wallauer Spange? Die Pendler werden noch viele Jahre warten müssen, ehe es auf der Schiene wirklich schnell Richtung Frankfurt gehen könnte. Autobahnbrücken? Eine einzige Katastrophe.

          Der ohnehin viel zu lange dauernde Neubau der Salzbachtalbrücke dauert noch viel länger, weil eine Firma gepfuscht hat. Doch Brückenhavarien sind seit der Vollsperrung der Schiersteiner Brücke nach dem Absacken der Fahrbahn durch Baufehler nichts Neues. Und wer den Verkehr um Wiesbaden und Mainz insgesamt betrachtet, kann nur den Kopf schütteln über die unendliche Debatte und das Schneckentempo beim unvermeidlichen Ausbau des Mainzer Rings. Da gilt für das Rhein-Main-Gebiet die unheilvolle Botschaft: Im Westen nichts Neues.

          Radwegdebakel am Rheinufer

          Die Arbeiten an dem wohl teuersten Geh- und Radweg Deutschlands finden einfach kein Ende. Rund 14 Jahre nach dem offiziellen Baubeginn für die Strecke zwischen Rüdesheim und der Landesgrenze bei Lorch sind erst gut die Hälfte der 11,3 Kilometer gebaut. Beim symbolischen Spatenstich für den ersten Teilabschnitt im Dezember 2006 waren die Gesamtbauzeit noch mit acht Jahren und die Kosten mit rund 39 Millionen Euro angegeben worden, um entlang der Rheinuferstraße den kombinierten Rad- und Fußweg zu bauen. Wenn in – vielleicht – drei bis vier Jahren die letzten Kilometer tatsächlich geschafft sein sollten, wird der Weg insgesamt 115 Millionen Euro gekostet haben. Begründung: Planungstechnisch und bautechnisch ein schwieriges Projekt. Was allerdings jeder weiß, der die Straße einmal gefahren ist.

          Der Unvollendete: Rhein-Radweg zwischen Rüdesheim und Lorch

          Kleiner Schildbürgerstreich am Rande: Kurz vor Rüdesheim endet der Radweg im Nichts. Fußgänger müssen umkehren, Radfahrer auf die stark befahrene Straße wechseln. Ein Unding. Apropos Straße: Seit Jahrzehnten warten die Bürger von Eschenhahn bei Idstein und von Wambach bei Schlangenbad auf ihre Umgehungsstraße. Noch immer steht in beiden Fällen der schon seit Jahren angeblich in Kürze zu erwartende Planfeststellungsbescheid aus. Für dieses Jahr wird den Bürgern wieder einmal Hoffnung gemacht. Die stirbt bekanntlich zuletzt.

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