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Landwirt im Landtag : Bauer sucht Freunde

Öko versus konventionell: Können diese beiden Landwirtschafts-Formen Hand in Hand gehen? Bild: ZB

Der einzige Landwirt im Landtag will ökologische und konventionelle Betriebe versöhnt sehen. Er selbst ist Öko-Bauer. Dennoch will er den Schritt zur Öko-Landwirtschaft nicht erzwingen.

          Die Gräben zwischen ökologischer und konventioneller Landwirtschaft habe man erfolgreich zugeschüttet, meint die hessische Umweltministerin Priska Hinz (Die Grünen). Als Kronzeugen für das Eigenlob präsentierte ihre Partei in der Debatte des Landtages Hans-Jürgen Müller, den einzigen im Parlament verbliebenen Landwirt, der eine einschlägige Lehre und ein Fachstudium vorzuweisen hat. Aber Müllers Sicht der Dinge kann nur einseitig sein. Denn der Einundsechzigjährige, der gestern seine Jungfernrede hielt, ist Öko-Bauer. Dass sich unter den Abgeordneten kein Vertreter der konventionellen Landwirtschaft mit eigenem Hof mehr findet, ist kein Zufall. Immer mehr hessische Landwirte stellen ihren Betrieb auf die ökologische Bewirtschaftung ihrer Flächen um. Bei knapp 15 Prozent liegt der Anteil heute. Im Jahr 2025 soll er ein Viertel aller Betriebe ausmachen.

          Ewald Hetrodt

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Wiesbaden.

          Mit diesem Ziel geht die schwarz-grüne Koalition in Hessen deutlich über die Ambitionen des Bundes hinaus. CDU und SPD in Berlin streben einen Anteil von 20 Prozent an. Auch vor diesem Hintergrund bekräftigte Müller den in der Koalitionsvereinbarung fixierten Anspruch Hessens, zur Öko-Modellregion Deutschlands zu werden. Dabei soll das Prinzip der Wahlfreiheit gelten. Müller glaubt, eine „riesengroße Bereitschaft“ zur Umstellung von konventionellen auf ökologische Betriebe zu erkennen. Oft hänge sie mit dem Generationswechsel auf dem Hof zusammen. Auf jeden Fall müsse der Schritt freiwillig bleiben, betonte der Landwirt.

          Finanzielle Anreize dazu enthalte beispielsweise der seit einigen Jahren existierende Ökoaktionsplan. Der Abgeordnete verwies auf die Gemeinsamkeiten unter allen Landwirten. Dass konventionelle Betriebe beispielsweise Maschinen gemeinsam mit Öko-Bauern anschafften und nutzten, sei inzwischen selbstverständlich. Darüber hinaus verbinde beide die Nachhaltigkeit ihres Wirtschaftens. Die damit verbundene Pflege der Natur und der Landschaft sei eine Leistung im Dienste der Gesellschaft, erklärte die Abgeordnete der CDU, Lena Arnoldt. Außerdem werde auf den Höfen unter der Beachtung der höchsten Standards das wichtigste Produkt der Menschheit hergestellt: Lebensmittel. Weil sie sich in einer globalisierten Welt nicht vollständig über den Preis finanzieren ließen, müssten die Betriebe weiterhin durch die gemeinsame Agrarpolitik unterstützt werden. Mit dem Ökoaktionsplan werde auch die Direktvermarktung gefördert.

          Nebenwirkungen der Landwirtschaft noch nicht im Griff

          Im Umgang mit ökologischer und konventioneller Landwirtschaft folgten CDU und Grüne dem „Prinzip Stricken“ meinte die FDP-Abgeordnete Wiebke Knell. „Eine Reihe für die CDU, zwei Reihen für die Grünen, und schon werden drei Bauern freigelassen.“ Die Bevorzugung der grünen Klientel sei „rein ideologisch motiviert und subventioniert“, so Knell. „Dieses Strickmuster hat Löcher. Dabei sei die konventionelle Landwirtschaft auf dem besten Wege, für Nachhaltigkeit zu sorgen, beispielsweise durch die Nutzung künstlicher Intelligenz. So sei es heute möglich, auf dem Acker mit einem optischen Sensor den Stickstoffgehalt jeder einzelnen Pflanze zu messen und danach die Düngung gemäß dem individuellen Bedarf einzustellen.

          Das autonome Fahren auf Feldern sei eine der vielen Möglichkeiten, die Böden zu schonen. Müller übersehe, wie sehr die Natur von einer geeigneten digitalen Infrastruktur auf den Höfen profitieren könne. Die Grünen spalteten die Gesellschaft, so Knell. Sie unterschieden zwischen guten und bösen Bauern sowie zwischen guten und bösen Verbrauchern. Mit der geplanten Ausweitung der Öko-Modellregion auf ganz Hessen werde ein Vorschlag der SPD verwirklicht, stellte der Sozialdemokrat Heinz Lotz fest. Sein Parteifreund Gernot Grumbach wandte sich an die Umwelt- und Agrarministerin Priska Hinz: „Sie haben die Nebenwirkungen der Landwirtschaft nicht im Griff.“ Die Nitratbelastung des Wassers sei nach wie vor zu hoch, das Insektensterben und die Erosion der Böden gingen weiter.

          Keines der schwarz-grünen Programme habe in den zurückliegenden Jahren auch nur einen einzigen Hektar Ackerboden vor der Versiegelung gerettet, konstatierte Heidemarie Scheuch-Paschkewitz, die landwirtschaftspolitische Sprecherin der Linksfraktion. Die hessische Landgesellschaft müsse ihre Politik so ändern, dass gute Ackerböden aus dem Besitz des Landes nicht mehr für Gewerbeflächen und Logistikzentren zubetoniert werden könnten, wie dies etwa im nordhessischen Neu-Eichenberg geschehen sei. Dass die landwirtschaftlichen Flächen in Hessen unaufhörlich schrumpften, beeinträchtige die nötige Anpassung an den Klimawandel.

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