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Ballungsraum Rhein-Main : Schöner leben im Dorf

Bild: F.A.Z.

Niederdorfelden, eine kleine Ortschaft im Main-Kinzig-Kreis, hat die Zahl der Einwohner um 20,5 Prozent vergrößert. Im Ballungsraum insgesamt ist die Bevölkerung nur um 1,4 Prozent gewachsen. Macht sich ein Trend zum Landleben bemerkbar?

          Matthias Zach erinnert sich noch gut daran, wie es bis 2004 war. In seiner Gemeinde starben mehr Menschen als geboren wurden, es zogen mehr weg als hinzukamen. „Das ist keine Perspektive für einen Bürgermeister, man will doch, dass die Kommune lebt.“ Heute ist Niederdorfelden eine junge, dynamische Gemeinde. Eine „Ausnahmegemeinde“, heißt es im Planungsverband. Denn die Einwohnerzahl Niederdorfeldens, eine der drei kleinsten Ortschaften im Main-Kinzig-Kreis, ist von 2000 bis 2007 um 20,5 Prozent gestiegen. Damit ist das einstige 3000-Seelen-Dorf prozentual so stark gewachsen wie keine andere Kommune im Ballungsraum.

          Mechthild Harting

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          „Wir haben den Trend umgekehrt“, sagt Zach voller Stolz. Der Grünen-Politiker war 2006 im traditionell sozialdemokratisch geprägten Niederdorfelden überraschend zum Bürgermeister gewählt worden. Er ist einer von drei Grünen-Rathauschefs im Rhein-Main-Gebiet. Zach triumphiert vor allem deshalb, weil sich insbesondere im östlichen Main-Kinzig-Kreis, aber auch in anderen Teilen des Rhein-Main-Gebiets längst eine ganz andere Tendenz abzeichnet: Selbst im wirtschaftsstarken Kern des Rhein-Main-Gebiet schrumpfen die ersten Kommunen. Kelsterbach etwa hatte in jenem Zeitraum, in dem Niederdorfelden um 20,5 Prozent zugelegt hat, 5,5 Prozent seiner Bevölkerung verloren, Heusenstamm 2,9 Prozent und Kriftel 2,2 Prozent – um nur einige herauszugreifen. Noch sind die stärksten Rückgänge auf Kreisebene im weiteren Rhein-Main-Gebiet zu finden, im Vogelsbergkreis etwa, der von 2000 bis 2007 am meisten, nämlich gut vier Prozent seiner Bevölkerung verloren hat. Auch in den Kreisen Limburg-Weilburg, Rheingau-Taunus, Miltenberg und dem Odenwaldkreis weist die Tendenz nach unten.

          „Unsere Aufgabe ist, dass Neubürger im Dorf ankommen“

          Im Ballungsraum insgesamt ist die Bevölkerung in diesem Zeitraum noch um 1,4 Prozent gewachsen. Der Planungsverband erwartet allerdings nicht, dass dieser Trend bis 2020 anhalten wird. Prognostiziert wird ein Zuwachs von nur noch 0,8 Prozent bis zum Jahr 2020. Und selbst dieses geringe Wachstum dürfe die Region nicht als gesichert ansehen, meint Matthias Böss, beim Verband zuständig für Bevölkerungsanalysen: Nur den Status quo zu halten sei schon eine Herausforderung. Um die prognostizierten Zahlen zu erreichen, „brauchen wir Zuwanderung“, sagt Böss. Angesichts einer alternden Bevölkerung müssten jährlich rund 10.000 Menschen in den Ballungsraum ziehen, um den natürlichen Rückgang aufzufangen. Je näher das Jahr 2020 komme, desto schwieriger werde dies.

          Junge, dynamische Auspendler-Gemeinde: Die meisten Niederdorfeldener arbeiten im nahen Frankfurt

          Zach kann sich angesichts dieser Diskussion entspannt zurücklehnen. In Niederdorfelden sind im vergangenen Jahr 58 Kinder geboren worden, so viele wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Ursache für die außergewöhnliche Entwicklung ist das Baugebiet „Auf dem Hainspiel“. Für eine so kleine Gemeinde ist es sehr groß – 15 Hektar misst es. 600 bis 700 Neubürger sollen einmal dort leben; gut 500 haben schon Wohnungen, Reihenhäuser oder freistehende Einfamilienhäuser hinter dem Lärmschutzwall zur Landesstraße 3008 bezogen. Und die Gemeinde hat noch eine acht Hektar große Bauland-Reserve vis-à-vis des derzeitigen Neubaugebiets, kann also weiter wachsen.

          Andere Kommunen im Ballungsraum haben diese Möglichkeit nicht. Raunheim etwa, das seine Einwohnerzahl von 2000 bis 2007 um 11,6 Prozent erhöht hat und damit prozentual das zweitstärkste Wachstum im Ballungsraum aufweist, besitzt keine freien Flächen mehr. Die Bevölkerung werde dort zurückgehen, prognostiziert Böss: „Von der Bebauung her geht gar nichts mehr.“ In Niederdorfelden dagegen ist das Angebot fast schon zu groß. Der Planungsverband empfiehlt, das nächste Baugebiet dort nicht wie das derzeitige auf einmal, sondern Zug um Zug zu entwickeln. „Die Nachfrage hat nachgelassen.“

          In den vergangenen Jahren seien die Häuser noch „weggegangen wie warme Semmel“, sagt Böss. Niederdorfelden ist traditionell eine Auspendler-Gemeinde; das Gros der Bürger arbeitet laut Zach in Frankfurt. Dies gilt auch für die Neuzugezogenen. Denn Niederdorfelden grenzt unmittelbar an die Mainmetropole und ist mit der Niddatalbahn, im Volksmund „Stockheimer Lieschen“ genannt, gut angebunden: In 25 Minuten ist man am Hauptbahnhof. Seit Mai 2008 gibt es nach dreißigjähriger Unterbrechung auch wieder Zugverkehr am Wochenende. Und auch die Straßenanbindung ist über Bad Vilbel und die B 3 günstig. Die Preise für die Eigenheime sind ebenfalls erschwinglich. Im Neubaugebiet wird für ein „Stein auf Stein“ errichtetes Reihenhaus „mit sieben Meter breiter Front“ zum Preis von 200.000 Euro geworben. Ein weiterer Grund, nach Niederdorfelden zu ziehen, sei die „typische Wetterauer Kulturlandschaft“, findet Zach.

          Ohne Sorgen ist allerdings auch der Bürgermeister nicht. „Unsere Aufgabe für die nächsten Jahre ist, dass die Neubürger auch im Dorf ankommen.“ Zach hofft, dass sie sich in Vereinen engagieren und am Gemeindeleben teilhaben, damit das Neubaugebiet nicht zur Schlafstadt wird. Und er muss in Anbetracht der vielen Neugeborenen in seiner Gemeinde weit mehr Krippen-, Kindergärten- und Hortplätze anbieten. Da gleichzeitig über bessere Betreuungsschlüssel und eine Absenkung der Beiträge diskutiert werde, während der Gesetzgeber vorschreibe, dass bis 2013 für gut ein Drittel der unter Dreijährigen eine Betreuung anzubieten sei, müsse Niederdorfelden in den nächsten Jahren einiges investieren. Dafür aber, ist sich Zach sicher, werde er in den nächsten zehn Jahren auf keinen Fall über leerstehende Schulräume oder Kindergärten sprechen müssen.

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