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Verseuchtes Gewerbegelände : Bakterien sollen für sauberes Grundwasser sorgen

Putztruppe: Arbeiter leiten die giftverzehrenden Bakterien in den Boden. Bild: Rainer Wohlfahrt

Der Grund des früheren Telenorma-Geländes in Rödermark, auf dem heute Großmärkte stehen, ist mit chlorierten Kohlenwasserstoffen belastet. Bakterien soll es nun richten.

          Bakterien mit dem Namen „Dehalococcus ethenogenes“ sollen es richten: Auf dem Parkplatz vor dem Obi-Baumarkt an der Ober-Rodener Straße in Rödermark-Urberach haben Fachleute in roten Overalls mit einem dünnen Schlauch die Verbindung von einem kleinen Stahlbehälter zu einer Einlassöffnung im Boden hergestellt; ein Rohr führt dort sechs Meter tief in den Boden. Schon vier Meter unter der Oberfläche ist Grundwasser anzutreffen. Durch den Schlauch wurden die Bakterien in die Tiefe geleitet. Dort sollen sie in einem Pilotprojekt dazu beitragen, chlorierte Kohlenwasserstoffe – Per und Trichlorethen – im Grundwasser unschädlich zu machen.

          Eberhard Schwarz

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Kreis Offenbach.

          Im Auftrag der Robert Bosch GmbH ist die Arcadis Deutschland GmbH, nach eigenen Angaben ein führender internationaler Anbieter von Beratungs-, Projektmanagement- und Ingenieur-Dienstleistungen, auf dem Gelände tätig. Auch Vertreter des Regierungspräsidiums Darmstadt und des Hessischen Landesamts für Umwelt und Geologie informierten sich über das Projekt.

          Einst Telefonanlagen gefertigt

          Wo heute der Kaufland-Verbrauchermarkt, Obi und weitere Geschäfte zu finden sind, stand früher ein Werk der Firma Telefonbau und Normalzeit (Telenorma), die seit den achtziger Jahren zum Bosch-Konzern gehörte. In Urberach wurden Telefonanlagen gefertigt. Mit bis zu 1300 Mitarbeitern war die Firma einst der größte Arbeitgeber der Stadt. 1996 wurde das Werk geschlossen. An mehreren Stellen waren allerdings Entfettungsmittel, die zum Reinigen von Metallen verwendet wurden, durch unsachgemäßen Umgang in den Boden gelangt. Die Lösemittel verunreinigten das Grundwasser.

          Seit 2001 lässt die Robert Bosch GmbH die Stoffe entfernen: Das Grundwasser wird unterirdisch zur Aufbereitungsanlage am Badehaus geleitet und dort mittels katalytischer Oxidation gereinigt, ehe es oberhalb der Entnahmestelle wieder versickern kann. Pro Jahr lassen sich so etwa 50 Kilogramm Lösemittel aus dem Grundwasser entfernen. Nach Angaben von Stefan Eschbach, Diplom-Geologe und Fachreferent bei der Robert Bosch GmbH, investierte das Unternehmen bisher rund fünf Millionen Euro für die Sanierung. Sollte es bei diesem Verfahren bleiben, wären allerdings wohl weitere 20 Jahre nötig, ehe die Arbeiten beendet werden könnten, schätzt Thomas Held, Fachbereichsleiter In-situ-Sanierung bei Arcadis.

          Bakterien wandeln Lösemittel um

          Mit den aus Kanada stammenden Bakterien, die keinen Sauerstoff vertragen, soll es schneller gehen und weniger kosten. Im Dezember habe man erstmals Melasse eingebracht, sagte Roger Schmidt, Senior Project Manager bei Arcadis. Damit sei kein Sauerstoff im Untergrund mehr vorhanden. Die Melasse dient außerdem dazu, die Lebensbedingungen für die Bakterien zu verbessern. Sechs Liter hochkonzentrierte Bakterienlösung aus dem Stahlbehälter werden auf 5,4 Kubikmeter Flüssigkeit verteilt. Weil in der Tiefe 80 Prozent Feststoffe und 20 Prozent Leerräume für das Grundwasser anzutreffen sind, decken die Bakterien rund 25 Kubikmeter ab.

          Ihre Aufgabe besteht darin, die Lösemittel in die ungefährlichen Stoffe Ethan und Ethen umzuwandeln; dann, so Held, „haben die Bakterien ihren Job gemacht“. Es handele sich um den ersten Einsatz derartiger Bakterien in Hessen, hob Volker Zeisberger vom Hessischen Landesamt für Umwelt und Geologie hervor. Sollte dies zu dem erwarteten Erfolg führen, wird das innovative Sanierungsverfahren auch an den anderen „Hot Spots“ auf dem Gelände zum Einsatz kommen.

          Kosten von 70.000 Euro

          In diesem Fall könnte die Grundwasser-Sanierung schon in zwei bis fünf Jahren beendet werden. Eschbach äußerte die Hoffnung, mit Ausgaben von insgesamt sieben bis acht Millionen Euro auszukommen. Man werde wohl den Erlös für den Verkauf des früheren Werksgeländes für die Sanierung ausgeben müssen; „das wird ein Nullsummenspiel“. Vorgesehen ist, Ende April oder Anfang Mai einen physikalischen Katalysator einzusetzen, der den Abbau der Lösemittel durch die Bakterien noch zusätzlich beschleunigen soll. 70.000 Euro lässt Bosch sich diesen Test kosten. Von einem „ganzheitlichen Ansatz“ sprach Anke Uhl, Dezernentin für Bodenschutz beim Regierungspräsidium Darmstadt. Eine „energetisch konditionierte“ Flüssigkeit spielt dabei die entscheidende Rolle.

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