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Bahnausbau im Kinzigtal : „Schaden für Mensch, Natur und Wirtschaft“

Störenfried: Gelnhausen fürchtet mehr Lärm durch den Streckenausbau. Bild: Rainer Wohlfahrt

Der geplante Ausbau der Bahnstrecke zwischen Hanau und Fulda beunruhigt die Bürger im Kinzigtal. Gelnhausen erwartet bei einigen Varianten weitere Belastungen.

          Bei der Trassenführung für den Bahnausbau zwischen Hanau und Fulda steht bisher eigentlich nur eines fest: Der Verlauf der zusätzlichen Gleise zwischen Hanau und Gelnhausen erfolgt entlang der bestehenden Strecke. Doch damit ist die Angelegenheit für Gelnhausen noch längst nicht erledigt, denn die Ausbaustrecke muss weitergeführt werden in Richtung Fulda beziehungsweise Würzburg. Noch immer sucht die Bahn in einem breiten Korridor zwischen Vogelsberg und bayerischem Spessart nach dem besten Verlauf. Wie der genau aussehen könnte, daran scheiden sich seit Monaten die Geister.

          Luise Glaser-Lotz

          Korrespondentin der Rhein-Main-Zeitung für den Main-Kinzig-Kreis.

          Jetzt hat sich der Magistrat der Kreisstadt mit einer kritischen Stellungnahme an die Deutsche Bahn Netz AG gewandt. Denn eine Variante, die vom Konzern erwogen wird, bereitet nicht nur der Stadtspitze, sondern auch den Anhängern einer Bürgerinitiative und vielen Bewohnern vermutlich schlaflose Nächte. Durch große Bauten, im Volksmund mittlerweile „Horrorbrücken“ genannt, entstehe eine ökologische und ökonomische Katastrophe für Gelnhausen und seine Umgebung, schreibt Bürgermeister Daniel Glöckner (FDP) an die Bahn. Die Verwirklichung der Pläne werde einen unermesslichen Schaden für Mensch, Natur, Wirtschaft und Kultur nach sich ziehen. Am Ende würden alle verlieren und keiner gewinnen, so Glöckner.

          Negative Auswirkungen auf die Kinzigaue

          Die Bahn hat verschiedene Verläufe untersucht, entstanden sind sieben Hauptvarianten. Drei führen durch den Spessart, drei durch das Kinzigtal und eine am Rand des Vogelsbergs entlang. Durch Kombinationen dieser Varianten ist deren Zahl mittlerweile auf 13 gestiegen. Variante II bis VII sowie die externe Variante VIII des Ingenieurs Ingmar Gorissen verlaufen laut Glöckner auf dem Abschnitt zwischen Gelnhausen und Wirtheim in der Nähe der bestehenden Strecke.

          Anders die neuen Hochgeschwindigkeitsgleise der VarianteI: Sie würden kurz hinter dem Bahnhof von Gelnhausen nach Süden abzweigen. In Tunneln würden sie dann durch den nördlichen Teil des Spessarts verlaufen und an die Bahnstrecke Fulda–Würzburg andocken. Zuvor muss jedoch ein Bahngleis zwischen Gelnhausen und Wirtheim sowie die Autobahn66 überquert werden. Mit großen Brücken soll das bewerkstelligt werden. Der Magistrat befürchtet, dass sich allein schon durch deren Bau die Verkehrsbelastung in der Stadt immens erhöhen wird. Durch Behinderungen auf der Autobahn werde es deutlich mehr Durchgangsverkehr in der Innenstadt geben, verbunden mit einem höheren Lärmpegel.

          Die Auswirkung möglicher Bauarbeiten auf den Verkehr sollten nach Ansicht der Stadt von einem Gutachter untersucht werden. Kein Baustellenverkehr, von der Abfuhr der Erdmassen aus den Tunnelabschnitten bis zur Anlieferung der Baumaterialien, dürfe über vorhandene Gemeinde-, Kreis-, Landes- oder Bundesstraßen fließen. Die Logistik müsse gegebenenfalls über einen separaten Baustellenanschluss an die A66 und eigene Baustraßen erfolgen. Zu erwarten sei, dass nach dem Ausbau mehr Güterzüge über die bisherigen Gleise rollen und die Anwohner auch dadurch stärker beeinträchtigt würden. Das könne auch die Ausweisung von Baugebieten einschränken. Schon jetzt gälten angrenzend an die Bahntrasse die höchsten rechtlichen Anforderungen an den Schallschutz. Von einer Verschärfung der Situation müsse ausgegangen werden.

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          Gewarnt wird in dem Schreiben zudem vor negativen Auswirkungen auf die Kinzigaue bei Gelnhausen. Sie sei von überregionaler Bedeutung für den Natur- und Artenschutz. Es könne nicht ausgeschlossen werden, dass durch die geplante Trassenführung ökologisch bedeutsame Funktionen für immer verlorengingen, die ihre Entstehung einer Jahrtausende währenden Entwicklung verdankten. Die Auen seien zudem bedeutsam für die Frischluftzufuhr im stark besiedelten Kinzigtal zwischen Gelnhausen und Hanau. Durch die Trassenvariante I könne dieser Kaltlufttransport in die unteren Teile des Tals eingeschränkt werden. Außerdem gingen wichtige Flächen für den Hochwasserschutz verloren, obwohl die Lage im Kinzigtal ohnehin schon angespannt sei.

          Auch touristische Argumente führt die Stadt an. Die Barbarossastadt sei ein Ausgangs- und Zielpunkt des Tourismus im Kinzigtal. Mit der Realisierung der geplanten Trassenvariante werde der Blick aus der Ferne auf die Stadtsilhouette gestört.

          Darauf, dass die Variante I in der engeren Wahl steht, gibt es derzeit keine Hinweise. Nach Auskunft der Bahn werden weiterhin alle Möglichkeiten untersucht, keine werde derzeit bevorzugt (F.A.Z. vom 10. Januar). Nach mehreren Fristverschiebungen rechnet die Bahn damit, in der ersten Jahreshälfte 2018 zu einer Entscheidung zu kommen, spätestens aber bis zum Jahresende. Die Bahn verweist auf das Fehlen wichtiger Entscheidungsgrundlagen, etwa Lärmgutachten und die Prognose des Bundes zur Entwicklung der Zugzahlen bis zum Jahr 2030.

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