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Autorin Nele Neuhaus : Mordlust in Kelkheim

Mit Taunus-Krimis oben auf der Amazon-Bestsellerliste: Nele Neuhaus aus Kelkheim Bild: Michael Kretzer

Wenn Tierpfleger im Opel-Zoo Reste einer Hand finden oder ein Frankfurter Staatsanwalt mit dem eigenen Gewehr hingerichtet wird, dann gibt es viele Hinweise und noch mehr falsche Spuren. Nele Neuhaus avanciert mit ihren Taunus-Krimis zur Bestsellerautorin.

          3 Min.

          Wenn Tierpfleger im Opel-Zoo Reste einer menschlichen Hand finden, ein Frankfurter Oberstaatsanwalt mit dem eigenen Jagdgewehr hingerichtet wird oder in dem Dörfchen Altenhain fast jeder Zweite als Verdächtiger in Frage kommt, dann gibt es viele Hinweise und noch mehr falsche Spuren. Die Ermittler des Hofheimer Kommissariats K11 lassen sich jedoch niemals über die wahre Schuldige dieser Verbrechen hinwegtäuschen.

          Heike Lattka

          Korrespondentin der Rhein-Main-Zeitung für den Main-Taunus-Kreis.

          Denn wird im Taunus gemordet, führt die Spur stets nach Kelkheim, in eine der schönsten Hornauer Wohnlagen zu einem eleganten Haus mit hellem Anstrich. Die Polizisten im Taunus lassen sich aber schon lange nicht mehr von der bürgerlichen Fassade in die Irre führen. Sie wissen: Drinnen sitzt die Ehefrau eines Fleischwarenfabrikanten, sie heißt Nele Neuhaus und ersinnt gerade am Computer ihre Mordgeschichten.

          Oben auf der Amazon-Bestsellerliste

          Die blonde Frau in Jeans, die nach dem Öffnen der Tür vergeblich versucht, ihren bellenden Jack-Russell „Shelby“ zu bändigen, soll eine Massenmörderin sein? Gerade habe sie „den Papst geschafft“, trällert die Dreiundvierzigjährige und verweist angesichts besorgter Blicke auf die aktuelle „Amazon“-Bestsellerliste, wo Benedikts „Licht des Lebens“ soeben von Neuhaus' neuestem Krimi „Schneewittchen muss sterben“ auf den vierten Platz verdrängt wurde. Vier Romane rund um das Ermittlerduo Pia Kirchhoff und Oliver von Bodenstein hat sie mittlerweile geschrieben, eine halbe Million Bücher verkauft. Es sei ein Erfolg, der auf Zufällen basiere, sagt Neuhaus.

          Nur das Schreiben war für sie von Anfang an Lebenselixier: Diesen Drang könne sie nicht bändigen und schwer nur erklären, wie in ihrem Kopf die Plots entstünden. Der beschriebene Selbstmord im Ferrari fiel ihr ein, als sie mit dem Auto durch eine scharfe Rechtskurve fuhr.

          Viertelmillion verkaufter Exemplare

          Schon als Grundschülerin wurde sie von der Schreibleidenschaft gepackt. Mit dem Pelikanfüller schrieb sie Pferdegeschichten, später tippte Neuhaus ihre Gedanken auf einer gelben Schreibmaschine. Noch heute entstehen erst Tausende von Seiten voller Mord, Totschlag und menschlichen Untiefen. Daraus wird dann ein Roman. Dass ausgerechnet ihr „Schneewittchen“ ein solcher Renner werden würde, hätte Nele Neuhaus nie vermutet: „Ich dachte, ich hätte Mist geschrieben“, gesteht sie. Eine Freundin habe verhindert, dass sie auf die Löschtaste drückte. Zum Glück. Der jüngste Taunus-Krimi ging schon 250.000 Mal über den Ladentisch. Entsprechend werde sie derzeit von ihrem Verlag hofiert, sagt Neuhaus. Eine Flasche Schampus sei gerade aus Berlin unterwegs. Und ein Ende des Erfolgs ist überhaupt nicht abzusehen: Vergeben wurden Lizenzen in elf Länder, darunter Korea, die Türkei und sogar die Vereinigten Staaten - „der Ritterschlag für Autoren“.

          Über die Filmrechte werde derzeit verhandelt, die Hörbücher kämen im nächsten Jahr auf den Markt. Dass sie nun auch noch gut verdient, interessiert Neuhaus wenig: „Ich hab doch alles“, sagt sie und denkt über eine Stiftung nach: Schreib- und leseschwache Kinder würde sie gerne unterstützen und Reittalente fördern. Das Förderprogramm soll - wie die Krimis - im Taunus beheimatet sein, weil die Taunusbewohner ihre ersten Fans waren.

          Dabei habe sie zunächst Ärger befürchtet, sich aber dann doch getraut, tatsächliche Schauplätze im Taunus zu nutzen. Das komme gut an. Sogar der Bewohner der Feldbergstraße 29 habe ihr verziehen, dass sie ihn nicht nur des Mordes verdächtigt, sondern ihm obendrein einen Müllhaufen im Vorgarten zugeschrieben habe. Es sei für sie auch schön, wenn ihr Vater, der ehemalige Main-Taunus-Landrat Bernward Löwenberg (CDU), nun Autogrammwünsche an sie weiterleiten müsse. Erfolg aber relativiere sich für sie immer schnell - „zum Beispiel: wenn ich das Büro meines Mannes putze“, - oder wenn der Gatte sage: „Pah! 250.000 Grillwürste verkaufe ich im Jahr doch auch.“

          Der Gatte hielt es für Unsinn

          Der Erfolg kam ohnehin leise daher. Hätte ihr 20 Jahre älterer Ehemann Harald nicht monatelang jeden Abend seine kranke Mutter im Krankenhaus besucht, wäre sie wohl zwischen all den Fleischwaren und Pferden kaum zum Schreiben gekommen. Denn der Unternehmer hielt die Ambitionen seiner Frau zunächst für „Unsinn“, eben ein Hobby, dass mit dem ersten Buch beendet sein werde. Doch die Fahrer der Fleischwarenfabrik stapelten bald immer mehr Taunus-Krimis auf ihrem Beifahrersitz, belieferten nicht nur Metzgereien, sondern auch Buchhandlungen. 10 000 Exemplare vermarktete Neuhaus in Eigenregie, bis vor zwei Jahren der List-Verlag aufmerksam wurde und bald erkannte, welchen Goldfisch er da an der Angel hatte.

          Mittlerweile kann sich Nele Neuhaus fast ganz aufs Schreiben konzentrieren. Leider müsse sie einen Wunsch ihres Mannes respektieren: Deshalb sei die Wurstfabrik, die sich schön eignen würde für die Beseitigung von Leichen, für ihre Romane tabu. Auch Ruppertshain, der Geburtsort des Mannes, komme als Schauplatz nicht in Frage. Deshalb müssen demnächst die Nachbarn im Kelkheimer Bergdorf Eppenhain den Atem anhalten. Zwei Drittel des neuen Krimis seien fertig. „Wer den Wind sät“ soll das Buch heißen und von einem Kampf einer Bürgerinitiative gegen einen Windpark handeln. Zwei Opfer seien schon erfolgreich gemeuchelt. Aber vor den nächsten Morden will Nele Neuhaus mit ihrer Familie Weihnachten feiern.

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