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Ausstellung in Gießen : „Wie viel Leonardo steckt in Dir?“

Idealvorstellung: Besucher der Ausstellung können sich wie Museumsleiter Albrecht Beutelspacher mit Leonardos Vitruvianischen Menschen vergleichen. Bild: Marcus Kaufhold

Das Mathematikum in Gießen nähert sich dem Universalgenie Leonardo da Vinci. Die Besucher sollen dabei auf den Spuren des Erfinders wandeln und experimentieren.

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          Das Ideal der Renaissance vom umfassend schöpferischen Menschen verkörperte er wohl wie kein anderer. Sein Genie als Maler etwa der „Mona Lisa“ oder des „Salvator Mundi“ fasziniert Betrachter seit gut einem halben Jahrtausend. Bewundert wurde Leonardo da Vinci schon zu Lebzeiten und bis heute zudem als Visionär von großer Schaffenskraft. Er studierte die Natur, die Anatomie des menschlichen Körpers, ersann Flug- und Kriegsgeräte, die er auf kaum zu zählenden Skizzen und Zeichnungen zu Papier brachte. Gleichwohl, viele seiner Erfindungen hätten in der Realität nicht funktionieren können. Doch darum sei es dem Universalgenie auch nicht gegangen, konstatiert Albrecht Beutelspacher, Direktor des Gießener Mathematikums, das sich derzeit in einer Schau an der Würdigung da Vincis 500 Jahre nach dessen Tod beteiligt. Er habe mit seinen Entwürfen Licht ins Dunkel bringen wollen, habe wissen wollen, wie die Dinge funktionieren.

          Wolfram Ahlers

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für Mittelhessen und die Wetterau.

          Das ist auch die Intention der Schau. Die Exponate sind als Experimente konzipiert, damit die Besucher nachvollziehen können, welches physikalische und mathematische Prinzip hinter den Entwürfen steckt. Kuratorin Lisa Peter und ihr Team haben sich bei der Auswahl und beim Zusammenstellen nicht nur von ihren vielfältigen Recherchen zum Schaffen und zur Persönlichkeit Leonardo da Vincis leiten lassen. Sie haben sich insbesondere damit beschäftigt, welche der vielen Entwürfe sich besonders fürs Experimentieren und Nachbauen eignen. Nicht unter der Prämisse, Skizzen originalgetreu in Modelle zu überführen. Ausprobieren und prüfen, ob es funktioniert – das ist der Leitgedanke der Mitmachausstellung, die sich an Jung und Alt gleichermaßen wendet.

          Mitarbeiter des Mathematikums haben die Exponate in der eigenen Werkstatt konstruiert und gefertigt. Einsteigen in die Welt des Genius können Besucher an knapp zwei Dutzend Stationen, wobei sich die Schau in fünf Themengebiete gliedert. Es geht um Flugkörper und Mechaniken, Brückenkonstruktionen, der mathematische Aspekt befasst sich mit Visionen von der perfekten Form, und nicht zuletzt können sich Besucher mit dem Forscher, Erfinder und Träumer beschäftigen und Parallelen zur eigenen Persönlichkeit ziehen. Als einzige Flugkonstruktion, die ihren Zweck in der Praxis tatsächlich erfüllt hat, gilt Leonardo da Vincis Fallschirm, den die Besucher anhand seiner Skizzen selbst zusammenbauen und von einem Podest hinabsegeln lassen können. Anders verhält es sich beispielsweise mit der Luftschraube, die beim damaligen Stand der Technik keine Chance hatte, wie ein Hubschrauber in der Höhe zu bleiben.

          Ein bisschen Universalgenie in jedem

          An einer Art Spieltisch lässt sich anhand unterschiedlicher Bauteile ein Eindruck davon gewinnen, wie viele Kombinationen möglich sind, um Zahnräder ineinander greifen zu lassen; es lassen sich Maschinen konstruieren, wie sie auch Leonardo da Vinci hätte schaffen können. In Bewegung setzen lässt sich ein Perpetuum mobile, um dann doch aufgrund des Energieverlustes irgendwann wieder zum Stillstand zu kommen. Was der berühmte Konstrukteur im Übrigen selbst gewusst hat, sich aber nicht davon abhalten ließ, solche Geräte zu zeichnen. Um Stabilität und Spannung geht es bei der Leonardo-Brücke, die – wenn man sich geschickt beim Bauen anstellt – ohne Schrauben, Nägel, Kleber und Seile hält. Weniger bekannt, aber nicht minder beeindruckend sind seine Kuppelkonstruktionen, die durch raffiniertes Ineinanderstecken von gleichen Holzteilen Stabilität erlangen.

          Im wahrsten Sinne des Wortes „gerundet“: Die Zahl Pi im Kreis geschrieben

          Natürlich gibt es auch Stationen zur Mathematik. So entstehen etwa durch unterschiedliches Anordnen von Achtecken Muster, und der sogenannte Satz von Leonardo erklärt, was Menschen daran als schön empfinden. Wer neugierig ist, ob die eigenen Körperproportionen dem Schema des „Leonardo-Menschen“, der wohl bekanntesten Zeichnung seiner Studien zur Anatomie, entsprechen, kann sich dazu an einer großformatigen Nachbildung in Position bringen. Nicht zuletzt wollen die Ausstellungsmacher wissen: „Wie viel Leonardo steckt in Dir?“ Ein Selbsttest also, bei dem sich unterhaltsam herausfinden lässt, welche Eigenschaften, Interessen und Vorlieben die Besucher mit ihm gemeinsam haben. Das muss nicht gleich zur Erkenntnis führen, dass in jedem von uns ein bisschen Universalgenie steckt. Aber dem einen oder anderen gelingt es vielleicht, beidhändig zu zeichnen, ein Phänomen, das Leonardo da Vinci nachgesagt wird.

          Beim Frage-und-Antwort-Spiel kommt etwa heraus, dass Vegetarier diese Art sich zu ernähren mit dem Genie teilen. Und wer mit Mathe Schwierigkeiten hat, braucht sich nicht zu schämen. Auch da Vinci soll bisweilen Schwierigkeiten mit den Rechenarten gehabt haben. Wer von sich behauptet, eine blühende Phantasie zu haben, dem ist Leonardo da Vinci seelenverwandt. „Er konnte sich die Dinge genau vorstellen, ohne sie vor sich zu haben“, sagt Beutelspacher. Die Schau wirft mit solchen Inhalten einen anderen, einen neuen Blick auf Leonardo da Vinci. Beutelspacher ist sich jedenfalls sicher, dass die Besucher ihm im Mathematikum ein Stück näher kommen.

          Ausstellung im Mathematikum Gießen

          Zu sehen ist die Mitmachausstellung bis zum 29. März 2020. Das Mathematikum Gießen, Liebigstraße 8, öffnet montags bis freitags von 9 bis 18 Uhr, samstags und sonntags von von 10 bis 19 Uhr. In jedem Monat wird an einem Sonntag eine Führung durch die Schau angeboten, die nächste am 23. Juni. Beginn um 14 Uhr.

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