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Ausstellung „Making Heimat“ : Offenbach ist ganz okay

Neue Heimat: Für viele Nachfahren italienischer Gastarbeiter ist Offenbach Heimatstadt. Bild: Jessica Schäfer

Von Venedig nach Frankfurt: Die Ausstellung „Making Heimat“ ist nun im Architekturmuseum zu sehen. Offenbach, die „Arrival City“, steht besonders im Fokus.

          Was ist Heimat? Ganz einfach: „Home Is Where The Heart Is“, wie es schon Elvis Presley sang und dabei doch nur einen Spruch des römischen Gelehrten Plinius des Älteren zitierte. Ganz so einfach ist es aber nicht. Die vielen Millionen Menschen, die sich heute in der ganzen Welt auf Wanderschaft befinden, sind nämlich nicht allein von ihren Herzen geleitet. Sie sind auf der Flucht vor Not und Krieg oder auf der Suche nach einem besseren Dasein. Ihr Ziel sind Großstädte, wo sie sich bessere Chancen versprechen, oder - im Fall der Kriegsflüchtlinge - stabile Länder wie Deutschland.

          Christian Riethmüller

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Vor dem Hintergrund der turbulenten Aufnahme von mehr als einer Million Flüchtlingen in den Jahren 2015 und 2016 wie auch des Zuzugs vieler Menschen aus europäischen Staaten in die Bundesrepublik ist im vergangenen Jahr vom Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt die Ausstellung „Making Heimat. Germany, Arrival Country“ für den Deutschen Pavillon auf der Biennale in Venedig organisiert worden, die sich mit neuen Ideen und erprobten Konzepten zur Integration beschäftigte, aber auch nach Lösungsansätzen fragte und Modelle vorstellte, wie für viele tausend Menschen kurzfristig temporäre Unterkünfte geschaffen werden können. Gleichzeitig beschäftigte sich die Schau mit der Einwanderung und erarbeitete gemeinsam mit dem britisch-kanadischen Journalisten Doug Saunders, Autor des vielbeachteten Buchs „Die neue Völkerwanderung - Arrival City“, acht Thesen zur Arrival City, also jenen Städten in der Welt, die Neuankömmlingen günstige Wohnungen, Arbeit und kulturelle und ethnische Netzwerke bieten und damit Voraussetzungen, einen sozialen Aufstieg durch Selbstintegration zu ermöglichen.

          Wie lebt es sich in Frankfurts Nachbarstadt?

          Als Musterbeispiel für eine Arrival City in Deutschland wählten die Kuratoren Offenbach, ist doch die Lederstadt sowohl in Deutschland wie auch in Europa die Stadt mit dem höchsten Ausländeranteil. 159 Nationalitäten leben hier miteinander. Daran hat sich nichts geändert, weshalb Offenbach nun auch bei der Rückkehr der Ausstellung „Making Heimat“ von Venedig ins Deutsche Architekturmuseum im Fokus steht. Mit einem großen Pappmodell des Offenbacher Mathildenviertels und neuen Informationstafeln, die mit Statistiken Behauptungen widerlegen, die Stadt sei ein Getto oder eine Kriminalitätshochburg, sind in der Frankfurter Schau sogar noch Exponate hinzugekommen, die vor allem am Beispiel des Mathildenviertelmodells eindrucksvoll vor Augen führen, wie sich im stark von industrieller Produktion geprägten Offenbach Wohnblöcke und Viertel um Manufakturen und kleine Fabriken entwickelten, weshalb der „Offenbacher Block“ wesentlich größere Ausmaße hat als beispielsweise sein Frankfurter Pendant.

          Unter der Überschrift „Offenbach ist ganz okay“ zeigt die Ausstellung außerdem, dass Offenbach mit seiner langen Tradition der Immigration nicht zuletzt wegen vergleichsweise günstiger Mieten und sehr guter Verkehrsanbindung zwar die Arrival City im Rhein-Main-Gebiet bleiben wird, für viele aber auch längst Heimat geworden ist, die sie sich im Sinne des Wortes „Making“ selbst geschaffen haben. In kleinen Porträts erzählen Offenbacher mit und ohne Migrationshintergrund, wie es sich in Frankfurts Nachbarstadt so lebt.

          Der Zuzug vieler Menschen in die Städte stellt die Kommunen vor die Herausforderung, den Neuankömmlingen eine Heimat zu schaffen, was sich nicht nur in der Bereitstellung einer Unterkunft erschöpft. Wie Städte besonders auf die Flüchtlingsbewegung reagierten, zeigt der sehens- und nachdenkenswerte Ausstellungsabschnitt, der sich mit Flüchtlingsbauten in ganz Deutschland beschäftigt. Für eine Datenbank des Architekturmuseums waren die Daten von 57 Projekten eingereicht worden, die angemessene und nachhaltige Unterkünfte schaffen wollten. Nicht alle dieser Projekte sind in die Tat umgesetzt worden, doch zeigen sie, wie Stadtplanung und Architektur nicht nur einen Beitrag zur Integration leisten können. Sie liefern auch Ideen, wie sich bezahlbarer „Wohnraum für alle“ in den Städten umsetzen ließe.

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