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Auslandssemester : Lektionen in Handkäs’-Essen und Plätzchenbacken

  • -Aktualisiert am

Die Kontaktbörse "Fremde werden Freunde" vermittelt ausländische Studenten an echte Mainzer.

          Nein, bei aller Liebe, diese Spezialität ist dann doch ein wenig zu speziell. Howard Coston verzieht das Gesicht und legt den angebissenen Sauermilchkäse zurück auf seinen Teller. Coston, 23 Jahre alt, groß, schlank, schwarz, kommt aus Western Salem, North Carolina. Seit Anfang Oktober ist er Austauschstudent an der Uni Mainz. Jetzt sitzt er in der „Fastnachtsstube“, einem holzvertäfelten Speisesaal in der Mainzer Proviantfabrik. Vor ihm ein Teller Handkäs’ mit Musik, neben ihm ein Ehepaar Anfang 50, die Lehrbachs. Beide sind in Mainz geboren und haben nie in einer anderen Stadt gewohnt.

          Kennengelernt haben sich das Mainzer Paar und der amerikanische Student vor wenigen Wochen auf der Internetplattform „Fremde werden Freunde“. Hier verabreden sich Mainzer Bürger mit jungen Ausländern, die für ein oder mehrere Semester in Mainz studieren. Es gibt solche Kontaktbörsen in mehreren deutschen Städten, die Idee ist immer dieselbe: Die jungen Fremden sollen das Alltagsleben ihrer neuen Heimat kennenlernen – jenseits von Wohnheimen, Erasmus-Partys und Studenten-WGs.

          Weg vom Campus, rein in die Stadt

          „Wir wollen weg vom Campus und rein in die Stadt“, sagt Eva Gerold vom Mainzer Studentenwerk. Sie hat „Fremde werden Freunde“ in Mainz gemeinsam mit einem Kollegen gegründet. Jetzt verteilt sie Namensschilder an Studenten und „Gastfreunde“ – so nennt sie die Mainzer, die eine Patenschaft übernehmen. Die Namensschilder der Studenten tragen die Flagge ihres Herkunftslands. Auf dem Tisch, auf dem sie aufgereiht sind, trifft sich die halbe Welt: Kenia liegt neben Lettland, Brasilien neben Australien, Korea neben Iran.

          Ob ausländische Studenten Kontakt zu deutschen Kommilitonen haben, beeinflusst ihren Studienerfolg. Wer von Beginn des Studiums an nicht nur mit Landsleuten Freundschaften pflegt, wer sich am Studienort zu Hause fühlt und auch außerhalb der Uni Kontakte knüpft, legt am Ende des Studiums oft ein gutes Examen ab. Wer keinen Anschluss findet, schneidet deutlich schlechter ab. Das besagt eine Studie, die 2008 vom Deutschen Studentenwerk veröffentlicht wurde und Aufsehen erregt hat. 40 Prozent der rund 200 000 ausländischen Studenten in Deutschland hatten damals angegeben, den Kontakt zu deutschen Kommilitonen zu vermissen.

          „Mach mal ’ne Stadtführung“ - mehr sagte man ihr damals nicht

          Eva Gerold betreut seit acht Jahren für das Studentenwerk der Mainzer Uni Hochschüler, die aus dem Ausland nach Mainz kommen. Als Gerold anfing – sie war damals selbst noch Studentin – gab es kaum Angebote für Nichtdeutsche. Gerold sollte ihnen die Wohnheimschlüssel überreichen und sich ein wenig um sie kümmern. „Mach mal ’ne Stadtführung“ – das war alles, was man ihr damals sagte.

          Manche Neuankömmlinge hatten auch nach Tagen mit niemandem außer mit Eva Gerold gesprochen. „Da habe ich gemerkt, dass etwas mächtig schief läuft“, erinnert sie sich. Gemeinsam mit Kollegen überlegte sie, wie man die Gäste herzlicher empfangen und ihnen den Kontakt zu Kommilitonen erleichtern könnte.

          „Gastfreunde“ zeigen deutsche Alltagskultur

          Heute ist das Angebot des Studentenwerks üppig: In jedem Wohnheim werden Ansprechpartner gewählt, es gibt interkulturelles Training für deutsche und ausländische Studenten, Touren durch die Altstadt und Wochenendausflüge ins Mittelrheintal. Und dank der Kontaktbörse „Fremde werden Freunde“ können ausländische Studenten nun auch in die deutsche Alltagskultur jenseits des Campus eintauchen.

          Mehr als hundert Mainzer und ausländische Studenten haben sich mittlerweile auf der Plattform registriert; viele „Gastfreunde“ sind ältere Berufstätige oder Rentner. Generationenübergreifend habe das Projekt viel mehr Chancen, sagt Eva Gerold. Rentner haben mehr Zeit, sie sind nicht im Klausurenstress und kennen ihre Heimat oft besser als ein Student, der nur für ein paar Semester nach Mainz gezogen ist.

          „Einblicke, die ich an der Uni nie bekommen hätte“

          „Gastfreunde“ zu werden sei für sie eine Selbstverständlichkeit gewesen, sagen die Lehrbachs. „Und mit Howard haben wir den Hauptgewinn gezogen.“ Howard Coston war erst wenige Tage in Deutschland, da haben ihn seine Paten schon im Wohnheim abgeholt, zu Familienfesten und Vereinsfeiern mitgenommen. „Sehr, sehr viel Bratwurst“, sagt Coston und lacht. Der BWL-Student will später Sportmanager werden, zu Hause in Western Salem spielt er Basketball. Als ihn die Lehrbachs mit zum Stiftungsfest des Mombacher Turnvereins nahmen, lernte er zum ersten Mal das typisch deutsche Vereinsleben kennen – inklusive Vereinssitzung, Kuchenbasar und Karaoke. „Das waren Einblicke, die hätte ich an der Uni nie bekommen“, sagt er.

          Jetzt, in der Adventszeit, backen Coston und die Lehrbachs zusammen Plätzchen. Manche der Studenten, die einen Paten gefunden haben, dürfen sogar am Hochamt des deutschen Brauchtums teilnehmen: Sie sind über die Weihnachtstage bei ihren Mainzer Freunden eingeladen.

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