https://www.faz.net/-gzg-6l73w

Ausbildung : Vom Sozialfall zur Personalleiterin

  • -Aktualisiert am

Bohrstelle: Die Auszubildenden bei AEG Signum eignen sich praktische Fertigkeiten an Bild: Michael Kretzer

Im Bildungszentrum der AEG Signum in Hofheim werden für sozialhilfeabhängige Jugendliche, die teils lieber im Freien als zu Hause übernachten, Träume vom Aufstieg wahr. Der Sozialdezernent von der FDP sieht ein „Vorzeigeprojekt mit beachtlicher Erfolgsquote“.

          Manche übernachten nachts lieber in Wäldern als bei ihren Eltern. Andere müssen sich von ihren Vätern beschimpfen lassen, wenn sie frühmorgens pünktlich auf dem Weg zur Arbeit die Wohnung verlassen. Was Tom Windschild, Geschäftsführer der AEG Signum in Hofheim, über die Lebensumstände der derzeit rund 180 Auszubildenden berichtet, lässt bei den Zuhörern Verständnis für deren Defizite aufkommen. Viele müssten erst monatelang an den frühen Arbeitsbeginn gewöhnt werden. Dies falle den 18 bis 34 Jahre alten Lehrlingen oftmals sehr schwer, weil sie manchmal zu Hause nicht mal ein eigenes Bett hätten oder auf das krasse Unverständnis ihrer Familie stießen, die oft seit Generationen von Sozialhilfe abhängig seien. So etwas wie Nestwärme oder positive Vorbilder gebe es für diese Personen nicht.

          Heike Lattka

          Korrespondentin der Rhein-Main-Zeitung für den Main-Taunus-Kreis.

          Bei der normalen Lehrstellensuche wären die 389 Jugendlichen, die in den vergangenen fünf Jahren im Bildungszentrum an der Reifenberger Straße eine Ausbildung aufnahmen, sofort durchs Raster gefallen. Der anfänglich zumeist eklatante Mangel an Schlüsselqualifikationen wie Pünktlichkeit oder Durchhaltevermögen sei in einem normalen Betrieb, der unter Termindruck arbeite, nicht akzeptabel, sagt Windschild. Im Bildungszentrum aber wird die individuelle Betreuung bei 13 Ausbildern und mehreren Sozialarbeitern ganz groß geschrieben - und 60 Prozent der Lehrling schlossen die Ausbildung unterdessen ab. Von diesen kamen rund 70 Prozent auf dem ersten Arbeitsmarkt unter, 40 Prozent sind nicht mehr auf Sozialleistungen angewiesen, 30 Prozent zählen vorerst zu den sogenannten „Aufstockern“. Bei denjenigen, die die Ausbildung abgebrochen haben, führt Windschild Alkohol, Drogen oder Schwierigkeiten in der Familie als Gründe an.

          „Vorzeigeprojekt mit beachtlicher Erfolgsquote“

          Sozialdezernent Hans-Jürgen Hielscher (FDP) spricht von der AEG Signum als einem „Vorzeigeprojekt mit beachtlicher Erfolgsquote“. Die jährlich 1,5 Millionen Euro, die aus Bundesmitteln in das Bildungszentrum flössen, seien gut angelegtes Geld. Er schloss sogar kommunale Zuschüsse nicht aus, falls der Bund weiter sparen werde.

          Die sieben Berufsbilder Metallbauer, Elektroanlagenmonteur, Anlagenmechaniker, Kaufmann für Dialogmarketing, Bürokaufmann, Fachinformatiker und Verkäufer werden als Ausbildung angeboten. Einen Schulabschluss brauchten die Jugendlichen nicht, sie lernten alles Notwendige für die Prüfung anhand der Praxis. Notfalls werde einer zunächst einmal an die Betonmischmaschine gestellt und müsse Steine mauern, um etwas Greifbares zu schaffen. „Wir wollen die Lehrlinge möglichst schnell für etwas loben können“, sagt Windschild. Da die Azubis sofort an der Drehbank stünden und in handwerklichen Fähigkeiten wie Löten und Schweißen ausgebildet würden, seien sie als Praktikanten in den rund 200 Handwerksbetrieben, die mit der AEG Signum zusammenarbeiteten, sehr beliebt.

          Aufgrund der permanenten Übung und Betreuung verfügten sie oft über größere praktische Kenntnisse als ein Lehrling in einem normalen Betrieb, meint Windschild. Minder begabt seien die Auszubildenden ohnehin nicht, sie hätten nur in der Schule nichts gelernt oder sich dort viel zu früh aufgegeben, weil keiner zu Hause sie zum Lernen angelernt habe oder es Sprachdefizite gebe. In Kleingruppen werde den Auszubildenden diese Freude am Lernen wieder vermittelt.

          Vor dem Sprung an die Hochschule

          Wer „maßhaltig“ arbeiten müsse, erkenne ganz schnell, dass dazu Rechnen gebraucht werde. Und dieses Prinzip funktioniere. Unter den erfolgreichen Abgängern seien welche mit echten Traumkarrieren, berichtet Windschild. Eine 28 Jahre alte Frau, die früh ein Kind bekam und von ihrem Mann verlassen wurde, ist unterdessen nach der Lehre von der Bürokraft zur Personalleiterin eines Unternehmens aufgestiegen. Ein körperbehinderter junger Mann habe nicht nur die Computeranlagen im Bildungszentrum aufgebaut, sondern er wird laut Windschild demnächst sogar sein Ingenieurstudium höchst erfolgreich abschließen. Und es gebe Eltern, denen die Gesellen stolz ihren ersten Arbeitsvertrag präsentierten, weil diese behaupteten, mit Arbeit könne man so viel Geld doch keinesfalls verdienen.

          Etwa zwei Drittel der Auszubildenden sind männlich, die meisten davon stammen laut Windschild aus Hofheim, Hattersheim und Eschborn - die Zukunftsträume aber seien bei allen gleich: ein Auto, eine Familie und ein eigenes Häuschen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Fed-Präsident Jerome Powell : Donald Trump und sein Buhmann

          Jerome Powell lenkt die mächtigste Zentralbank der Welt. Der Fed-Chef schlägt eine fast aussichtslose Schlacht – auch gegen seinen eigenen Präsidenten. Nun warten Anleger und Politiker in der ganzen Welt auf eine Rede von ihm.
          Der ehemalige Daimler-Chef Dieter Zetsche wird Aufsichtsrat bei Aldi Süd. Das liegt auch an seiner Freundschaft zum ehemaligen BASF-Chef Jürgen Hambrecht.

          Ehemaliger Daimler-Chef : Zetsche geht zu Aldi Süd

          Nach dem Ende seiner Karriere bei Daimler hat Zetsche einen Posten bei Aldi Süd übernommen. Wie die F.A.Z. erfahren hat, ist er schon seit Juni im Beirat des Discounters. Das hängt mit einer Männerfreundschaft zusammen.
          Sie kann für ihre Wikingerfahrt keine Mannschaft gebrauchen, der die einfachsten geographischen Grundbegriffe fehlen: Greta Thunberg.

          Klimadebatte : Gretas kindische Kritiker

          Das Kindische an der Klimadebatte ist die gespielte Naivität der Kritiker Greta Thunbergs. Der Kulturhistoriker Johan Huizinga hatte einen Begriff für solches Verhalten, mit dem eine Gesellschaft hinter ihren Möglichkeiten zurückbleibt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.