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Ausbau des Leinpfads : Das Radeln am Rhein entlang hat nicht nur Freunde

Radfahrer nicht willkommen: Naturschützer protestieren mit einem Plakat neben der B42 bei Geisenheim. Bild: Cornelia Sick

Der Ausbau des Leinpfads ruft öffentliche Proteste hervor. Denn er durchquert geschützte Gebiete.

          3 Min.

          Der Ausbau des am Rheingauer Rheinufer verlaufenden Leinpfads zu einem kombinierten Fuß- und Radweg ist in vollem Gange. Zwischen dem Eltviller Freibad und dem Rüdesheimer Freibad wird der historische Weg, von dem aus einst die Segelschiffe stromaufwärts gezogen wurden, auf einer Länge von 12,3 Kilometern stellenweise verbreitert sowie asphaltiert oder gepflastert. Rund 2,2 Millionen Euro kostet der seit vielen Jahren thematisierte Ausbau. Der Leinpfad soll nach seiner für Dezember geplanten Fertigstellung als Herzstück eines Regionalparks Rheingau den Anschluss an den großen Regionalpark Rhein-Main herstellen und den sanften Tourismus am Strom fördern.

          Oliver Bock
          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis und für Wiesbaden.

          Als das Vorhaben vor Jahren im Masterplan für den Rheingau verankert und zum vorrangigen Vorhaben erkoren wurde, gab es dagegen so gut wie keine Bedenken. Doch seit die Bagger rollen, wächst die Kritik in Geisenheim. Dort wurde den Bürgern erst in diesem Jahr bewusst, dass der Ausbau auch einen Verzicht bedeutet.

          Vielschichtiger Protest

          Mit dem „Erbacher Wäldchen“ und den Geisenheimer „Rheinwiesen“ durchquert der Leinpfad zwei stark geschützte Natur- und Vogelschutzgebiete. Während in Erbach die alte Leinpfad-Trasse dennoch erhalten bleibt, diese aber im sensiblen Gebiet gepflastert statt asphaltiert wird, soll in Geisenheim der alte Weg auf rund einem Kilometer Länge komplett aufgegeben werden und stattdessen auf neuer Trasse weitgehend parallel zur Bundesstraße B42 verlaufen.

          Das ist eine Folge der Auflagen des Regierungspräsidiums Darmstadt. Sie sollen den Eingriff in Natur und Landschaft ausgleichen und die Auenentwicklung fördern. Nach der Erwartung der Naturschutzabteilung im RP kann sich durch diese Beruhigung „in der Kernzone des mehrfachen Schutzgebietes ein ungestörter und qualitativ hochwertiger Weichholzauenkomplex sukzessive entwickeln und zu einer erheblichen Aufwertung des Gebietes beitragen.“ Die Reaktion darauf ist gleichwohl ein vielschichtiger Protest. Kleingärtner fürchten sich vor zu viel Publikumsverkehr. Eine Bürgerinitiative Leinpfad Geisenheim hat sich gegründet und Protestplakate neben der Bundesstraße aufgestellt. Sie will, dass ungeachtet der schon weit fortgeschrittenen Bauarbeiten am Rheinufer zumindest für die Fußgänger alles beim Alten bleibt und dass für die Radler ein neuer Radweg zwischen Winkel und Geisenheim auf der Nordseite der Bundesstraße gebaut wird. Ein Anliegen, das angesichts der Projektfortschritte kaum noch eine Chance auf Verwirklichung hat.

          Nicht durch Walluf und Eltville

          Inzwischen haben die Naturschutzbehörden im Geisenheimer Naturschutzgebiet zudem die Möglichkeit entdeckt, dort Eingriffe für den anstehenden Neubau der Schiersteiner Autobahnbrücke auszugleichen. Ein Altarm des Rheins soll deshalb ausgebaggert und renaturiert werden, wodurch der Leinpfad ohnehin an zwei Stellen unterbrochen würde. Der Zweckverband Rheingau schlägt nun vermittelnd vor, nur für Fußgänger zwei Brücken über die Altarmöffnungen und einen Holzbohlenweg nach dem Vorbild der Wegeführung in anderen hessischen Naturschutzgebieten einzurichten. Nach Ansicht des Zweckverbands-Vorsitzenden, des Oestrich-Winkeler Bürgermeisters Paul Weimann (CDU), hätte diese Lösung den Charme, dass die Fußgänger auf den alten Pfaden am Ufer weiter wandeln könnten und dass sie gleichzeitig Zeuge der Renaturierungsprozesse im Auenwald werden könnten.

          Doch auch gegen diesen Kompromissvorschlag erhebt sich Widerstand. Die Hessische Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz sieht für einen solchen Bohlenweg keine Chance. „Natur ist kein Event“, heißt es kategorisch in einem ablehnenden Schreiben an den Zweckverband. Ein Bohlenweg werde den Auwald vom Fluss abriegeln, fürchtet der Naturschutzverband und erwartet, dass der alte Leinpfad aufgegeben und dass dieser Abschnitt allein der Natur überlassen wird.

          Zu den Merkwürdigkeiten des Leinpfadausbaus gehört auch, dass der neue Radweg zwar mit behördlichem Segen die beiden Naturschutzgebiete durchqueren darf, den Abschnitt zwischen Walluf und Eltville aber meiden muss. Diese beiden Kommunen hatten frühzeitig entschieden, die mehr als zwei Kilometer lange und unbefestigte Teilstrecke zwischen Eltviller Rheinpromenade und dem Anschluss an den Schiersteiner Radweg nicht auszubauen, sondern die Radler auf einen Weg parallel zur Straße zu verweisen. Dort gibt es zwar schon an der Nordseite einen Radweg, doch der ist zu schmal und soll nun durch einen Neubau an der Südseite ersetzt werden. Auch dagegen gibt es Widerstände, doch die Planungen stehen, und das Geld steht bereit. Ob die Radfahrer aber tatsächlich den Rhein verlassen, um neben einer Autostraße herzufahren, gilt als höchst ungewiss.

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